Meine Reise ist sehr glücklich und bequem gewesen. Der Herr *** ist ein durch seinen Verstand und Erfahrung angenehmer Gesellschafter. Seine Frau ist es etwas weniger; und da ein großer Theil ihres Werths in dem Range und dem Stande ihres Mannes liegt, so schlägt sie denselben auch ein bißchen zu hoch an. Aber das thut nichts. Gegen mich, als einen alten Freund und Verwandten, ist sie immer sehr gütig.
Die zwey Tage, die bis zu meiner Mutter Ankunft verflossen, recognoscirten wir, ich und mein lieber Bruder, die Gegend. Sie können sie nicht leicht schöner jemals gesehen haben. Wir liegen sehr nahe an der Oder, an deren Ufer überhaupt die schönsten Gegenden von Schlesien sind. Dunkle, ehrfurchtsvolle Hayne, angenehme Wiesen, die fruchtbarsten Felder, alle Theile einer bezaubernden Landgegend wechseln mit einander ab. An dem einen Orte gehen wir auf einem erhabenen Damm, (denn deren müssen hier sehr viele der Gewalt des Stroms im Frühjahr entgegengesetzt werden), von dem man auf beyde Seiten die Aussicht auf die angrenzenden Wiesen und den dabey gelegenen Wald hat. Der Damm selbst ist mit Eichen besetzt, die ihre hohen Wipfel einander zuwehen. An einem andern Orte ist ein weitläuftiger Thiergarten, von drey Stunden in der Rundung, wo man den angenehmsten Schatten, die erfrischendste Kühle, und den erfreuenden Anblick von munteren, freyen und glücklichen Geschöpfen zugleich genießt. An einem dritten Orte ist ein dicker beynahe unwegsamer Wald, wo selbst die mittägliche Sonne keinen Zugang findet, und wo die melancholische Stille nur durch das Rauschen der Aeste, oder das entfernte Girren der Turteltaube, oder das Geräusch eines sich mitten im Walde durch die Aeste durcharbeitenden Hirsches unterbrochen wird.
Hier stellen Sie sich also mich, an meiner Seite meine Mutter, meine Schwester (denn so habe ich meines Onkels Töchter immer betrachtet, und so habe ich sie geliebt) und meinen Freund vor. Da der Herr ****, seine Frau, und mein Onkel, in das Bad gegangen sind, so herrschen wir hier ganz allein. Wir stehen nicht eben sogar früh auf. Wir trinken gemeinschaftlich unsern Thee. Wir verdienen unsere Mittagsmahlzeit durch einen recht guten Spaziergang, von dem wir zuweilen unterwegs unter einer hohen Eiche ausruhen. Die heißen Stunden sind zur Lektüre und zur Arbeit bestimmt. Der Abend ist ganz zu ländlichen Vergnügungen. Wir schlafen ruhig und vergnügt, weil keine unsere Ergötzungen etwas anders als das Verlangen zurück läßt, sie zu wiederholen.
Ich lese meiner Mutter zuweilen auf einer Rasenbank, die eine große Haselstaude beschattet, aus den Gedichten des Gisecke vor. O diesen Mann müssen Sie lesen. Er ist der Dichter der Freundschaft und der ehelichen Liebe. Wer kann also ihn besser richten? und wessen Beyfall würde ihn mehr belohnen? Er ist nicht immer stark, aber er ist immer gut. Leben Sie tausend Mal wohl u. s. w.
Zehnter Brief.
S***witz den 27. Juli.
Ob ich gleich befürchten muß, daß meine Briefe Sie nicht in Leipzig treffen, so kann ich es doch nicht über mich erhalten, keine zu schreiben. Einen Brief an Sie schreiben, ist wenigstens halb so viel, als einen von Ihnen bekommen. Ich glaube, ich habe Ihnen das schon einmal gesagt. Aber das thut nichts. Ich fürchte es nicht, mich in einer Sache zu wiederholen, die auf einerley Art empfunden auch nur auf einerley Art ausgedrückt werden kann. Ich habe überhaupt gemerkt, daß wahre Empfindungen sich zwar richtiger, aber niemals so mannigfaltig ausdrücken lassen, als diejenigen, welche Geschöpfe der Einbildungskraft sind. Der schöne Geist und das empfindliche Herz sind deßwegen nicht immer beysammen, und zu gefallen und zu rühren, sind zwey sehr verschiedene und oft einander entgegenstehende Sachen.
Sie sind also in Dreßden. Denn ich bin so glücklich gewesen, Ihren ersten Brief Mittwochs, und den andern unmittelbar darauf Freytags zu bekommen. Ich weiß nicht, warum mir diese Reise gar nicht recht war. Sie schienen nicht mir näher zu kommen, sondern sich von mir zu entfernen. Endlich bin ich auf die Ursache gekommen; wenigstens das Wahrscheinliche fürs Gewisse zu nehmen. Ich fürchtete, unser Briefwechsel würde gestört werden. Ueberdieß, glaube ich, weiß ich Sie gern zu Hause, weil ich mir den Ort, wo Sie sind, und die Beschäftigungen, die Sie da vornehmen, besser vorzustellen weiß. Das Bild ist lebhafter, weil es mehr bestimmt ist. In Dreßden können Sie da und da und da seyn. Aber wo Sie wirklich sind, und was Sie wirklich machen, das kann ich mir zu keiner einzigen Stunde des Tages mit Gewißheit denken. Ich befinde mich in einem fremden Ort, wo ich meine Freundin bey jedem Schritt, den sie sich von mir entfernt, verliere, und sie kaum mit der größten Mühe des Abends im Gasthofe wieder finde.
Endlich, (denn Sie müssen wissen, ich suche mein Herz zu studiren, besonders wenn ich irgend eine ungewöhnliche Bewegung darin merke, und das nicht mehr bloß um meinet, sondern auch um Ihretwillen;) endlich also überfiel mich die bey einer wirklichen Freundschaft so natürliche Eifersucht. Ich weiß die eigentliche Absicht Ihrer Reise nicht. Aber das konnte ich mir doch vorstellen, daß Sie dort neue Verbindungen errichten würden, oder durch schon gemachte Verbindungen dazu wären veranlasset worden. Könnten eine Menge von neuen Eindrücken nicht die alten verdunkeln, wenn sie auch nicht im Stande wären, sie auszulöschen? Sie werden allenthalben, wo Sie hinkommen, und wo man noch Geist und Herz genug hat, um es an andern gewahr zu werden, Freunde finden. Ich müßte sehr verblendet, und mehr eitel als ehrgeitzig seyn, wenn ich mich überreden sollte, daß mich nicht viele dieser Freunde an allen Arten von Vorzügen übertreffen sollten. Und ist es nicht in der Natur, dachte ich, daß man das bessere dem weniger guten vorzieht?