Die Beschäftigungen der Ehegattin, der Hausfrau, der Mutter haben mir immer die edelsten geschienen, die ein menschliches Geschöpf einnehmen könnten. Sie sind mir aber jetzt noch viel mehr werth, da ich weiß, daß es die Beschäftigungen meiner Freundin sind. Ich stelle sie mir hundert Mal des Tages in jedem dieser Geschäfte vor, und entwerfe mir von ihrem ganzen Leben den schönsten und vortrefflichsten Plan. Von einer Stufe der weiblichen Vollkommenheit zur andern führe ich Ihre Wilhelmine bis zu dem Augenblicke, wo Sie sie einem glücklichen und tugendhaften Manne zuführen, für den Ihre Sorgfalt sie zubereitet hatte. Indeß, daß Sie in dieser Ihrer Erstgebohrnen schon alle Freuden und Belohnungen einer Mutter fühlen, theilen sich noch andere Kleinere in die Sorge und die Arbeiten einer Mutter. So erblicke ich Sie endlich am Ende Ihrer Laufbahn, unter der Gestalt einer ehrwürdigen Shirley, das Haupt und die Krone einer ganzen sich immer mehr ausbreitenden Familie, die durch Dankbarkeit, durch Hochachtung, durch Liebe, durch alles, was die Natur zärtliches hat, an Sie gebunden ist. Wenn denn von einem Winkel der Erde, wo Ihr Freund die Erfüllung seiner Wünsche nur aus der Ferne, aber doch mit der lebhaftesten Bewegung seines schon matt gewordenen Herzens hört, wenn er sich aus diesem Winkel einmal hervorbegiebt, um noch seinen letzten Tagen die Glückseligkeit zu geben, seine Freundin glücklich zu sehen, und sich unter den Haufen ihrer Kinder mischt — und ihre Hand mit den Thränen der Freude und Zärtlichkeit benetzt; — welchen Monarchen würde ich alsdann beneiden?
Sie werden sagen, ich machte Schimären. Aber lassen Sie mich sie immer machen; sie sind oft viel angenehmer als die Wirklichkeiten. Und glücklich müssen Sie doch seyn mit den Gesinnungen und dem Herzen, welches Sie haben; Sie mögen es nun werden, auf was für eine Art Sie wollen. Und ich muß an Ihrer Glückseligkeit Theil nehmen, als Ihr Freund — oder als Ihr Schutzgeist. Denn auch bis dahin führt mich oft meine Einbildungskraft, wenn sie in der gehörigen Mischung von Melancholie und Vergnügen ist. Ich prophezeihe mir ein kurzes Leben, und ich bin sehr damit zufrieden. Ich wäre es noch mehr, wenn ich nur noch zuvor etwas Gutes gethan, und eine Spur von meinem Daseyn zurück gelassen hätte. In allen Fällen werde ich doch nicht glauben, umsonst gelebt zu haben, wenn ich auch nur einen Menschen zurück lasse, den ich besser oder glücklicher gemacht habe. —
Ich habe von Gellerten noch keine Antwort. Unterdessen habe ich ihm den Aufsatz geschickt. Wie gern hätte ich zuvor unsern gemeinschaftlichen Freund zu Rathe gezogen. Ich verwahre die Kopie für ihn, um sein Urtheil noch hintennach zu erfahren. —
Und nun empfehle ich Sie und Ihren geliebten — auch von mir geliebten guten ** der Vorsicht und der Beschützung des Himmels, und trage es diesem freundschaftlichen gütigen Mond auf, der eben jetzt über meinen Gesichtskreis kommt, Sie mit seinen Strahlen zu begrüßen — und Sie an Ihren Freund zu erinnern, wenn Sie ihn unter bessern Freunden vergessen sollten u. s. w.
Vierzehnter Brief.
Breßlau den 26. Aug.
Wenn der Brief in eben dem Augenblicke zu Ihnen kommen könnte, in welchem ich ihn schreibe, wenn ich tausend Empfindungen mit einem Worte ausdrücken, und die ganze Fülle meiner Seele ohne Zeichen, durch eine Art von Inspiration der Ihrigen mittheilen könnte, dann, glaube ich, würde die Ungeduld gestillt werden, mit welcher ich jetzt diesen Brief anfange. Die Zeit, bis er zu Ihnen gelangt, scheint mir unermeßlich; und ich wollte gern, daß Sie es diesen Augenblick wüßten, daß nur der Zufall, nicht Ihr Freund an Ihrer Unruhe schuld gewesen ist; daß er eben dieselbe Unruhe um der nämlichen Ursache willen ausgestanden hat; und daß, so gern er jeden sorgenvollen Augenblick aus Ihrem Leben austilgen wollte, ihm doch diese Ihre Bekümmerniß, mehr als jedes andere Zeichen Ihrer Freundschaft schätzbar und theuer ist.
Ja in der That, l. F., das Schicksal hat sich recht bemühet, unsere Seelen die letzte Woche mit einerley Gedanken und mit eben denselben Bekümmernissen einzunehmen. Ihr Brief, (der, den ich in S**** schon vor acht Tagen erhalten sollte) blieb aus, und ich fand ihn nicht eher, als des Sonntags bey meiner Zurückkunft in B****. Ich weiß nicht, warum Ihre Briefe gerade da am ehesten ausbleiben müssen, wenn ich sie am meisten wünsche. Denken Sie nur, ich trug schon die ganze Woche vorher, aus Ursachen, die ich mir so wenig erklären, als ihre Wirkung aufheben kann, einen gewissen stillen mehr nagenden, als heftig beunruhigenden Verdacht mit mir herum, Sie wären mir nicht mehr so gut, als vordem. Sie wissen, Gründe richten sehr wenig gegen Empfindungen aus. Ich erwartete also Ihren nächsten Brief, um meine Furcht und mein Mißtrauen zu beschämen. Wir konnten den Tag, an welchem Ihre Briefe ankommen, keinen Boten in die Stadt schicken, und diese Briefe (so dachte ich damals) blieben also auf der Post bis den folgenden Tage liegen. Ein sehr unangenehmer Verzug, der aber die Begierde und die Erwartung noch mehr schärfte. Endlich hatten sich die Stunden bis zur Ankunft des Boten langsam und traurig genug fortgeschlichen — und nun kam er ohne Briefe.