Weg, angenehme Schwärmerey, die geschwind genug meine Einbildungskraft ganz anfüllen, und dann aus meinem Briefe alle wichtigere Gegenstände verdrängen könnte! — Nun habe ich mir in meinem Kopfe gewisse Punkte geordnet, unter welche dieser Brief gebracht werden soll. Aber ich sage sie Ihnen nicht zuvor, bis ich erst sehe, wie viel ich davon zu Stande bringe. Sage ich jetzo nur wenig, so können Sie immer glauben, ich habe nicht mehr schreiben wollen, da Sie sonst hätten denken müssen, ich hätte nicht mehr schreiben können. Also zur Sache:
Zuerst fragen Sie mich in Ihrem vorletzten Briefe, ob ich Ihre Briefe aufhebe? Die Frage würde fast eine kleine Beleidigung seyn, wenn ich nicht, die Wahrheit zu sagen, ähnliche Beleidigungen auf meiner Rechnung hätte. Meine Mutter ist die Depositaria davon, so wie von Ihren Porträts. — Also wollen Sie diese wirklich wieder haben? Ich bin in der That so unverschämt gewesen, sie schon für ein halbes Geschenk anzusehen. Unterdessen, wenn Sie über das Porträt Ihres Gemahls Herr sind, so sind Sie es doch nicht über das Ihrige. Ich werde Ihnen das erste zurück schicken, wenn Sie es so befehlen, aber ich werde dadurch mein Recht auf das andere nur verstärkt glauben. Meine Mutter, die Sie wahrhaftig liebt, würde an dem Schmerz Theil nehmen, den es mich kosten würde, dieses kleine Stück von Ihnen selbst aus den Händen zu geben. Indessen, wenn Sie darauf auch bestünden; so muß ich Ihnen nur sagen, daß die Gelegenheiten, solche Sachen zu schicken, nicht so häufig sind; und ich habe immer in meiner Macht, zu sagen, daß ich keine gehabt habe. Sehen Sie eine andere kleine Beleidigung in Ihrem vorletzten Briefe, die ich ungeahndet gelassen habe.
Aber nun auf Ihren jetzigen zu kommen, der so voll von Freundschaft und gutem Herzen ist, und der mich würde zu Ihrem Freunde gemacht haben, wenn ich es noch nicht wäre; so muß ich nur Ihre zu große Demuth ein bischen schelten. Sage nur deiner Freundin, sagte meine Mutter, indem sie Ihren Brief las: Eine Frau, die eine so edle Freude an einer guten Handlung haben konnte, als die ist, die sie in ihrem Briefe erzählt, kann vieler andern Vorzüge entbehren. Glauben Sie nur, dieses Herz, welches Ihnen der Himmel gegeben hat, ist immer das größte Geschenk, welches er einem Sterblichen machen kann. Ohne dieses Herz ist der Verstand ein bloßes blendendes Licht ohne Wärme, und die Schönheit eine unbedeutende Form. Aber dieses Herz kann der Schönheit und selbst höherer Einsichten entbehren, und doch immer noch nicht bloß liebenswürdig sondern verehrungswerth bleiben. Wenn aber diese glückliche Verbindung zwischen Empfindung und Einsicht, zwischen dem Kopf und dem Herzen vorhanden ist, die ich in meiner Freundin finde und hochschätze, wenn der eine der Diener ist, die gutthätigen Absichten des andern auszuführen: dann kann das Glück immer seine übrigen Güter zurückhalten; die Natur hat ihm schon genug vorgearbeitet, um in jedem Umstande, in jeder Verfassung, selbst unter den Beunruhigungen, die eine Folge dieser Eigenschaften sind, die Person selbst glücklich, und andre zu ihren Verehrern und Freunden zu machen. —
Um Sie nun in Ansehung meiner in Ruhe zu stellen, so muß ich Ihnen sagen, daß, ob ich gleich noch keine Nachricht habe, ich doch die Sache für entschieden halte, und auch recht zufrieden damit bin, daß sie entschieden ist. — Wenn man bey einer Reise in der Nacht lange Zeit ohne seinen Weg zu sehen, fortgegangen ist, und nicht gewußt hat, ob man nicht vielleicht in fremden und unwegsamen Wüsten herumirrt; wenn dann auf einmal ein aufgehender heller Stern uns zeigt, daß wir, ohne es zu wissen, noch immer auf dem rechten Wege sind, und von einer unsichtbaren Hand geleitet, unvermerkt dem Ziele unsrer Bestimmung näher kommen: dieser Freude ist diejenige gleich, die man fühlt, wenn man mitten unter dem Zusammenlauf mannichfaliger und uns oft unangenehmer Begebenheiten einen einzigen fortgehenden Plan erblickt, der mitten unter diesen verschlungnen Irrgängen immer fortgesetzt worden ist, und durch alle die Hindernisse, die uns beunruhigten, nicht aufgehalten werden konnte.
Ich kann Ihnen nicht das ganze Räthsel erklären, wie ich zu dieser Betrachtung komme. In der That aber glaube ich Ursache zu haben, zufrieden zu seyn, wenn ich dem Minister mißfallen habe u. s. w.
Vier und zwanzigster Brief.
Den 11. November.
Lassen Sie uns immer einige unsrer Erwartungen fehlschlagen, der Himmel versorgt uns dafür wieder mit Vergnügen, auf die wir weder Anspruch noch Hoffnung hatten. So war der Brief, den ich gestern von ihrem lieben Gemahl, so die zwey Briefe, die ich zu gleicher Zeit von Herrn Weisen erhielt. Meiner Mutter und mir waren Ihre Briefe, wenn nicht eben so unerwartet, doch gewiß eben so erwünscht. Alle so voll von Freundschaft, Liebe, Zärtlichkeit, daß mein Herz in unaussprechlichen Empfindungen überfloß, und wenn der Geist Kraft genug hätte, diese Einschränkung des Raums und seine enge Wohnung zu durchbrechen, wenn er, ohne seinen schweren Gefährten, den Körper, mitzunehmen, mit ätherischer Leichtigkeit mit seinen Wünschen in gleicher Geschwindigkeit sich bewegen könnte, so wäre Ihr Wunsch und der meinige gestern erfüllt, ich hätte Sie alle, alle gesehn; auch ihn, meinen guten und zu geschäftigen Freund, dem ich für den Brief, den er an mich schreiben will, gern alle die erlasse, die er nicht geschrieben hat. Ich danke es Ihnen recht sehr, liebster Freund (ich rede jetzt mit Ihrem guten Manne), daß Sie für die Erhaltung meiner Freunde — der größten Glückseligkeit die ich kenne, — oder welches eben so viel ist, für meine Gewißheit, daß ich sie noch besitze, so viel Mühe und Sorge über sich nehmen. —
Weise ist in der That einer von meinen schätzbarsten Freunden, und, Dank sey es seinem gütigen Herzen, auch von meinen zärtlichsten. Ich habe zwey lange Briefe von ihm bekommen, die beyde vortrefflich sind, wenn sie nur nicht gar zu schmeichelhaft für mich wären. Meine Mutter, die an meiner ganzen Correspondenz Theil nimmt, sorgt immer, meine Freunde werden mich verderben. Und in der That, ich glaube beynah, ihre Furcht ist nicht ganz ungegründet. — Aber nun verderben oder nicht, so werde ich doch nimmermehr zugeben, daß selbst die übertriebenen Lobsprüche von Freunden mit Schmeicheleyen einerley wären. Wenn uns die ersten in einen kleinen Irrthum über unsre Verdienste führen, so sind sie zuerst selbst darin. Ihr Herz hat zuerst ihrem Verstande den unschuldigen, und beynahe sagte ich, zur Freundschaft nothwendigen Betrug gespielt; und hundertmal mehr können sie sagen, als wahr ist, aber niemals ein Wort mehr als sie denken. Da fängt erst die Schmeicheley an, wo der Ausdruck größer ist als die Gesinnung, und unser Verstand den Werth des andern richtiger bestimmt, als unsre Worte. —