Wir wurden also sehr wohl aufgenommen. Wir tranken in der Apotheke, wohin auch Mannspersonen kommen dürfen, in Gesellschaft der artigsten und vernünftigsten Schwestern, Kaffee. Die Frauenzimmer wurden hierauf im ganzen Kloster, ich nur in der Kirche und im Krankenzimmer, herum geführt. — Sie können nicht glauben, wie sehr mich diese Leute für sich interessirt haben. — Es giebt Personen von den besten Familien, von gutem Verstande und von einer wirklichen Schönheit darunter. Besonders ist die würdige Mutter eine höchst vernünftige, gesetzte und von dem klösterlichen Wesen ziemlich freye Person. Ausser ihr zieht ein Fräulein Mucius, eine ehemalige Bekannte einer Dame aus unsrer Gesellschaft, die auch deswegen von der Superiorin die Erlaubniß erhielt, bey uns zu bleiben, die Augen auf sich. Ungeachtet sie schon 16 Jahre im Kloster ist, so hat sie doch noch alle Züge von Schönheit. Ein feuriges und schönes Auge, das durch die Kopfbinde ihres Habits halb verdeckt, und auf eine gewisse Weise schmachtend und zugleich einnehmend gemacht wird; — in ihrem Betragen eine gewisse stille und ruhige Zufriedenheit mit ihrem Zustande, die man bey den glücklichsten Personen so selten antrifft; eine Stimme, die sehr angenehm und sanft ist; — und wenn man sich dieses noch junge Frauenzimmer denkt (deren Vater ein reicher und vornehmer Mann ist), in einem sehr schlechten Kleide (ob es sie gleich nicht verstellt), allen Bequemlichkeiten des Lebens und der Gesellschaft entzogen, zum strengsten Gehorsam verpflichtet, und oft mit den niedrigsten, beschwerlichsten und ekelhaftesten Dienstleistungen der Kranken beschäftigt: so muß man Hochachtung und Mitleid für sie zugleich haben u. s. w.
Zwey und dreyßigster Brief.
Den 9. Januar 1768.
Für Ihre Aufmerksamkeit und Ihre freundschaftliche Sorgfalt, mir Vergnügen zu machen, und es mir an dem Tage[B] zu machen, wo ich durch tausend andre angenehme Eindrücke mehr als gewöhnlich vorbereitet bin es zu genießen; dafür danke ich Ihnen aufs verbindlichste. Meine Mutter hat Ihren Willen sehr genau befolgt. Ich erfuhr Dienstags nichts davon, daß Briefe angekommen wären, und ich dachte also gewiß, Sie wollten Ihren Posttag verlegen, und würden von nun an Donnerstags schreiben. Diese Vermuthung machte, daß ich selbst nicht schrieb, und dabey blieb ich also ganz ruhig, bis des Donnerstags Morgens, indem wir alle beysammen waren, meine Mutter, die sich einen Augenblick entfernt hatte, mit einer sehr feyerlichen Miene, einem großen Kuchen in der Hand, auf dem Ihr Brief lag, und einem noch größern Glückwünschungs-Komplimente, das sie, wie sie sagte, von Ihnen auszurichten hätte, zurück kam. Die Sache war mir so unerwartet, daß sie mir Anfangs ein Räthsel zu seyn schien. Ich öffnete endlich Ihren Brief, die Schwierigkeiten wurden durch meine Mutter gehoben, und meine erste Ueberraschung endigte sich mit einer stillen und angenehmen Fröhlichkeit.
So viel war auch nöthig, wenn ich an einem Tage heiter seyn sollte, wo ich mich von einem heftigen Schnupfen, oder wovon es sonst war, so übel befand, daß ich eine ernsthafte Krankheit hätte befürchten können. Ich schob deswegen eine kleine Solennität, die auf diesen Tag bestimmt war, bis auf den folgenden auf. Gestern also habe ich mir das Vegnügen, ein Koncert bey mir zu machen, zum zweyten Male erlaubt. Meine Mitspieler waren noch besser, als das erste Mal. Die Gesellschaft war, außer meines Onkels Familie, der Hauptmann R*** mit seiner Frau; er ein sehr geschickter und verständiger Mann, jetzo der Ober-Bau-Inspektor von B****; sie, eine Sachsin von Geburt, aus Chemnitz, das beste Herz und die liebreichste, zärtlichste Ehegattin; endlich eine gewisse Fräulein von W****, ein Frauenzimmer von sehr guter Erziehung und Lebensart, und von vielem Verstande. Ihr Bruder, bey dem sie lebt, steht in eben dem Posten, wie mein Onkel, ist ein angenehmer und allenthalben willkommener Gesellschafter, und verdient um desto mehr Hochachtung, weil er sich aus einem Stande der Dürftigkeit, in dem er und seine Schwester, ihres Standes ungeachtet, ihre Jugend zugebracht haben, durch seine Geschicklichkeit, seinen Fleiß und seine gute Wirthschaft hat wissen heraus zu ziehen, und sich also die bequeme und artige Weise, mit der er jetzo lebt, ganz allein schuldig ist. So viel von unsrer Gesellschaft.
Unter der Musik nahmen sich die Sachen von einem gewissen Schobert, dem, der in Paris an Champignons gestorben ist, sehr vorzüglich aus. Ich erinnere mich nicht mehr, ob ich mit Ihnen schon davon geredet habe; aber gesetzt, das wäre auch geschehen, so kann ich es, zum Dank für das Vergnügen, was mir des Mannes Arbeit gemacht hat, nicht oft genug wiederholen, daß es die schönsten Sachen sind, die jemals aufs Klavier sind gesetzt worden; insbesondre die Duetts, Trios und Koncerte von ihm. Man kann nichts Neueres und zugleich Schöneres hören. Alle Ideen des ganzen Stücks sind original, und zuweilen so außerordentlich frappirend, daß sie den unverständigsten Zuhörer treffen müssen. Sie erfordern aber viel Uebung. Er selbst (denn wenn eine Nachricht wahr ist, die hier herum geht, so habe ich den Schobert selbst hier auf meiner Stube mehr als ein Mal vor langen Zeiten spielen hören, er ist sogar einen halben Monat, oder so etwas, mein Lehrmeister gewesen), er selbst also, vorausgesetzt, daß es dieser ist, hat die allergrößte Flüchtigkeit der Hände, die ich jemals gesehen habe. Er setzt also seine Stücke so, wie sie für seine eignen Finger am besten sind. Aber sie thun eine unbeschreibliche Wirkung, wenn sie auch nur mittelmäßig vorgetragen werden. Seine Stücke sind selten, und ich würde sie ohne die Gütigkeit eines Freundes niemals zu Gesichte bekommen haben.
So brachten wir also den gestrigen Tag ziemlich vergnügt zu. Demungeachtet befinde ich mich heute noch nicht ganz wohl. Ich schreibe deswegen auch nicht so viel, als ich mir vorgenommen hatte. Meine Mutter wird durch andre Hindernisse in einem ähnlichen Vergnügen gestört. Ihre Nahrung erfordert um diese Zeit viele Rechnungen, die sehr beschwerlich sind, und für jede andre Frau beynahe unmöglich wären. Aber sie verrichtet das alles mit einer Genauigkeit und Akkuratesse, deren ich gar nicht fähig wäre. Sie wird überdieß von einem Flusse im Ohre beschwert, und hört deswegen schlecht.
Ich erinnere mich, daß Sie vor langer Zeit einen Plan zur Erziehung Ihrer Wilhelmine verlangten. — Zu einem solchen Plane habe ich weder Geschicklichkeit noch Geduld genug. Aber zerstreute Anmerkungen, wenn Sie die haben wollen, wenn Sie sich die Mühe geben wollen, sie so gut zu verbinden, als sie selbst es werden zulassen, wenn Sie mir versprechen, die Lücken durch ihre eignen Bemerkungen auszufüllen, die sollen Sie von mir bekommen. Flößen Sie Ihrer Wilhelmine, wenn Sie können, etwas von Freundschaft gegen einen Menschen ein, den Sie selbst mit so vieler beehren. Lassen Sie sie wissen, daß ich eher für sie gute Wünsche gethan habe, als sie selbst etwas wünschen konnte u. s. w.
[B] Garvens Geburtstag fällt auf den siebenten Januar.