Drey und dreyßigster Brief.

Das ist wirklich eine Feyer meines Geburtstages, auf die ich mir etwas zu gute thue. Wenn ein Freund an mich denkt, und diese Erinnerung ihm Vergnügen macht; wenn er mir so viel Einfluß auf sein Herz zugesteht, daß ich es zuweilen ruhiger, freudiger, mit sich und mit andern zufriedener machen kann, das ist die größte Befriedigung, die meine Liebe und meine Eitelkeit verlangt. Sie, liebe Freundin, verstehen die Kunst, sich zu vergnügen, schon recht gut. Ihre Hoffnungen darauf werden Ihnen weit seltner fehlschlagen, wenn Sie es, so wie Sie es gethan haben, ohne viele Vorbereitungen bey sich selbst suchen.

Aber wenn Sie nur die Kunst, sich zu quälen, nicht zuweilen eben so gut verstünden. O, liebe Freundin, beynahe liegt noch das ganze Jahr mit allen seinen Tagen und Stunden vor Ihnen. Es scheint nun noch völlig in Ihrer Gewalt zu seyn, was Sie daraus machen wollen. Aber eilen Sie, eilen Sie, jede, schon die gegenwärtige Minute für die Glückseligkeit aufzuwenden. Das Vergnügen und die Tugend sind nicht blos als Wirkung und Ursache, sondern als zwey verschwisterte Eigenschaften der Seele mit einander verwandt, die gemeiniglich nicht ohne einander zu finden sind. — Die Unzufriedenheit und das Mißvergnügen ist immer unthätig oder in Verwirrung; das Vergnügen ist zugleich ruhig und wirksam. Die Aufmerksamkeit der Seele ist dann jedes Mal bey dem Gegenstande zusammen, den sie vor hat, und ihre Kraft ist also ungetheilt, das, was sie thut, aufs beste zu thun. Das Vergnügen ist für die Seele, was die Gesundheit für den Körper ist; es macht sie zu allen ihren Verrichtungen aufgelegter und geschickter.

Das alles ist nun recht schön und vortrefflich. Aber die Frage ist, was für eine Art von Diät muß man der Seele vorschreiben, um sie bey diesem Wohlbefinden zu erhalten? Eine Regel dazu ist uralt, aber sie ist wahr: man soll mit seinen Wünschen sich in der Natur der Dinge einschränken, und nichts begehren, was diese nicht zuläßt. Ich weiß nicht, ob ich Ihnen deutlich genug werde sagen können, was ich denke. Aber das weiß ich, in meinem Leben und in dem Leben meiner Freunde sehe ich den größten Theil ihres Verdrusses aus betrogenen Wünschen und Erwartungen entstehen, die nur deswegen betrogen wurden, weil sie selbst auf einen Irrthum gegründet waren. Sie z. B. (um meiner Absicht näher zu kommen) haben bey einem eingezogenen und ruhigen Leben, bey einem gutgearteten und rechtschaffenen Herzen, bey einem wohlgebildeten Geiste, und bey dem Genusse der vornehmsten Bequemlichkeiten des Lebens, wenig andre Ursachen, unzufrieden zu seyn, als die Besorgnisse, daß Sie von Personen, deren Liebe Sie über alles schätzen, nicht genug geliebt, nicht genug hochgeachtet werden. Da diese Leidenschaft, in der That unter den übrigen die edelste, bey Ihnen die stärkste ist, so muß auch natürlicher Weise aus dieser Quelle die meiste Unzufriedenheit bey Ihnen entstehen.

Aber wenn Sie doch nun mit mir ruhig untersuchten, welches wohl zuweilen die Merkmale sind, aus denen Sie diesen Mangel der Zärtlichkeit schließen. Ohne Zweifel sind es Unterlassungen von Handlungen, die Sie als die unausbleiblichen Wirkungen einer solchen Neigung ansehen. — Aber wie? sind sie dieses auch wirklich? Ist der Schluß von diesen Aeußerungen auf die Sache selbst unfehlbar, und können sie umgekehrt nicht ausbleiben, ohne die Gesinnung selbst zweifelhaft zu machen? Sie werden dieses selbst nicht denken, — wie würde es Ihnen sonst möglich seyn, wieder ruhig zu werden? Aber gehen Sie in Ihrer Untersuchung noch einen Schritt weiter. Ist es der Natur der Dinge und des Menschen nach möglich, daß sich die stärkste, die eingewurzeltste, die mit dem Wesen der Seele selbst verwebte Leidenschaft (ich will Ihnen zu gefallen es so nennen) immer durch einerley Beweise zu erkennen giebt? Um davon nur ein frappantes Beyspiel anzuführen, ob es gleich nicht vollkommen auf den Fall paßt: ist es möglich, oder wenn es möglich wäre, würde es anständig seyn, daß sich die Zuneigung eines Greises auf eben die Art und durch eben die kleinen Beweise zu erkennen gäbe, wie die Zuneigung eines jungen Menschen? Hier ist der Unterschied handgreiflich, und die ganze Welt kommt überein, den einen alten Gecken zu nennen, der selbst rechtmäßige Neigungen auf eine zu seinem Alter und seinen Umständen unschickliche Art an den Tag legt. Aber kann es nicht im menschlichen Leben eben solche andre Unterschiede geben, die nicht eben so in die Augen fallen, aber doch eben so wirklich sind? — Und sollte es also nicht eine Forderung unmöglicher Dinge seyn, wenn man, allen diesen Unterschieden zuwider, von demselben Menschen unter den verschiedensten Umständen doch immer einerley Zeichen seiner Liebe verlangte? — Ich gebe es zu, daß Ihr lieber Gatte Sie jetzo so liebt, wie damals, da er Bräutigam war. — Aber wenn Sie verlangten, daß er Sie davon alle Augenblicke aufs neue mit aller der Eilfertigkeit und dem Empressement versichern sollte, als wenn er es Ihnen zum ersten Male sagte; wenn Sie eine beständige Wiederholung aller der kleinen Zeichen der Zärtlichkeit forderten, die bey einem Liebhaber oft nur den Mangel an Gelegenheit zu größern Proben ersetzen: so forderten Sie etwas, was der Natur der Dinge, und wo nicht dieser, doch gewiß Ihrer Ruhe und der Ruhe Ihres Mannes zuwider wäre.

Sehen Sie, das ist der Inhalt meiner ehemaligen Theorie, und gewiß meine Absicht ist Ihre Glückseligkeit. Also verlange ich keine Abnahme der Liebe, keine Kälte, sondern nur in ihrem Ausdrucke mehr Ernsthaftigkeit und weniger Spielwerk. — Wenn die Leidenschaft vor der Heyrath blos Leidenschaft ist, sagen Sie, so wird sie niemals Gesinnung werden. Vollkommen richtig! wenn Vorurtheil und sinnliche Lust die Wahl anstellen. Aber lassen Sie die Leidenschaft des Liebhabers auf alle Vollkommenheiten des Geistes und Herzens gegründet seyn: so wäre doch dieß die einzige Sache in der ganzen Natur, wo die erste Bekanntschaft mit einem gewissen Gut und der fortgesetzte Genuß desselben vollkommen einerley Wirkungen hätte. — Wie? wenn Mann und Frau sich nicht wie Liebhaber und Geliebte gegen einander betragen, wenn sie die vertrautesten, die zärtlichsten Freunde von einander werden, so sollten sie sich keine Gefälligkeiten mehr thun können, so sollten sie sich einander blos nicht beleidigen? Und das wäre doch Freundschaft? — Ich verstehe Sie nicht, liebe Freundin. — Sie sagen, wenn Sie alle diese Dinge (diese kleinen Zärtlichkeiten, Bemühungen und Opfer) wegnehmen, so hat die Ehe keinen wesentlichen Reiz mehr. Wie? so sollte die Ehe, die ehrwürdigste und heiligste Verbindung, ihren Reiz verlieren, wenn sich die beyden Eheleute nicht alle Augenblicke sagten, daß sie sich lieben; wenn sie sich nicht die Hände drückten; wenn nicht eins dem andern nachsähe, so oft es auf zwey Minuten von ihm geht; wenn es ihm nicht entgegen käme; wenn es ihm nicht auf der Stelle und mit aller geflissentlichen Aufmerksamkeit jede Liebkosung erwiederte, die ihm von dem andern gemacht worden?

Ich sehe, da ich dieses noch ein Mal durchlese, nur die vertrauteste Freundschaft kann die Freymüthigkeit entschuldigen, mit der ich Ihnen geschrieben habe. Aber ich müßte Sie nicht so sehr lieben, wenn ich Sie nicht von Vorurtheilen frey zu machen suchte, die sonst das Elend Ihres Lebens seyn könnten u. s. w.

Vier und dreyßigster Brief.