Sechs und dreyßigster Brief.

Den 24. Februar.

Auf der empfindlichsten Seite hätte mein Brief Sie angegriffen? Wahrhaftig, das war nicht die Absicht seines Schreibers. Selbst nicht einmal die kleine Bosheit, die doch noch so gut mit der Freundschaft bestehen kann, eine Art von Eifersucht zu erregen, um sich von neuem von der Liebe des Andern zu versichern. Meine Absicht war noch weit einfältiger und mein Bewegungsgrund noch weit unschuldiger. Ich glaubte nicht, daß ich an der Frau von Wyllamons Vollkommenheiten lobte, die Ihnen fehlten. Ich dachte blos, Ihnen ein Vergnügen durch die Erzählung des meinigen zu machen. Sie wissen, die Eindrücke, die das Gute oder das Böse von Personen oder Sachen auf uns macht, stehen nicht in unsrer Gewalt. Die, welche die Frau von Wyllamons gemacht hatte, waren alle für sie günstig. Ich schrieb diese in der Einfalt meines Herzens nieder, um sie in Ihnen, wenn ich könnte, auf eine schwächere Art zu erregen (Sie sagen selbst, Eindrücke von der Art sind angenehm). Ich glaubte dabey um desto weniger Behutsamkeit zu bedürfen, je ähnlicher diese Empfindungen denjenigen waren, die Ihre erste Bekanntschaft bey mir erregte. Sie konnten es wahrscheinlicher Weise nicht einmal wünschen, daß ich die Vorzüge, auf die sich zuerst meine Freundschaft und meine Hochachtung für sie gründete, bey einer andern verkennen oder gering schätzen sollte. — Aber deswegen sind diese Frau und Sie nicht auf gleichem Fuße mit mir. Die erste ist eine bloße Bekannte, die ich ihrer Talente wegen hochschätzen muß, deren Herz ich noch nicht kenne, und von der ich bisher nichts als Vergnügen und Höflichkeiten erhalten habe. Sie sind meine Freundin, deren Herz ich geprüft habe, von deren Freundschaft ich gewiß bin, und deren Einsichten mir nicht blos zu dem flüchtigen Vergnügen eines Abends, sondern zu dem Glücke meines Lebens gereichen. Ihr heutiger Brief selbst ist voll von den freundschaftlichen Gesinnungen, die Ihr Herz von andern Herzen so sehr unterscheiden.

Lassen Sie sich also die neuen Freunde nicht beunruhigen. Sie würden auch die Ihrigen werden, wenn Sie sie kennten. Wollten Sie wohl Jemanden zu Ihrem Freunde haben, den die ganze übrige Welt verschmähte? Und würden Sie sich nicht Ihrer Neigung schämen müssen, wenn der Gegenstand derselben unfähig wäre, irgend einem Andern eine ähnliche Neigung einzuflößen? — Ich kenne den Werth alter Freunde, und ich empfinde den Vorzug, den eine bestätigte Liebe vor einer blos flüchtig bezeigten Gefälligkeit haben muß. Alles also, was ich noch ins Künftige von dem Vergnügen sagen werde, was mir meine hiesigen Freunde machen, — sehen Sie es niemals anders, als wie eine Aufforderung an Sie an, an diesem Vergnügen Theil zu nehmen, und wie ein stillschweigendes Versprechen, daß ich eben dieses Vergnügen, wenn es noch mit einer mehr gründlichen, wesentlichen Glückseligkeit verbunden ist, noch weit stärker empfinden werde.

Meine Mutter — wissen Sie das? — ist auch eifersüchtig. Sie wollen nicht, daß ich mich vor meinem Abschiede fürchten soll? Wie kann ich das, wenn es nicht blos um meine eigne Glückseligkeit zu thun ist, sondern auch um meiner Mutter ihre? Sie müßten mich nicht für fähig halten, ein guter Freund zu seyn, wenn ich ein schlechter Sohn seyn könnte. Und wäre ich das nicht, wenn ich eine solche Mutter, wie die meinige, gern verlassen könnte? u. s. w.

Sieben und dreyßigster Brief.

Den 19. März.

Wenn ich jetzt nicht mehr als gewöhnlich beschäftigt wäre, und wenn ich nicht den Zeitpunkt immer näher kommen sähe, in dem ich Sie wieder sehen soll: so würde ich mir es selbst nicht vergeben, daß ich Sie zuweilen auf meine Briefe einen Posttag länger warten lasse, als es unserm ersten Vertrage gemäß ist. Ich könnte zwar sagen, es wäre Rache. Aber ich finde nichts davon in meinem Herzen; und wenn Sie mir auch noch seltnere und noch kürzere Briefe schrieben, so würde mich doch mein eignes Vergnügen nöthigen, an Sie zu schreiben. Es ist also nicht Vorsatz, sondern Unvermögen, wenn ich mir dieses Vergnügen zuweilen versage. Ein Unvermögen, welches (erlauben Sie mir, das zu sagen) ich bey Ihnen nicht voraus setzen kann, da Sie mir selbst versichern, daß Ihr Umgang eingeschränkter als jemals ist, und Ihre Geschäfte sich doch nicht häufen können.