Ich bin in der That über das Ausbleiben Ihrer Briefe ein wenig unruhig gewesen. Das kann Ihnen M. Reiz aus dem Briefe sagen, den ich an ihn beygelegt habe. In einer solchen Verfassung war es wirklich grausam, — doch Ihr Brief selbst ist so voll von Freundschaft und Güte, daß ich nicht mehr daran denken kann, wie sauer ich mir ihn verdient habe.
Gellert hat den Ausspruch gethan. Ich weiß, Sie werden es selbst billigen, daß ich ihm diese Entscheidung übertragen, oder daß er so entschieden hat, sobald Sie sich in meine Verfassung setzen. Stellen Sie sich einen Menschen vor, der nach zwey verschiedenen Gegenden zugleich getrieben wird. Vor sich sieht er ein Ziel, welches er gern erreichen möchte, und nach welchem zu laufen er von alten Athleten, die seine Stärke oder Geschwindigkeit besser als er selbst zu kennen glauben, aufgemuntert wird. Schon ist seine Seele, schon sind seine Muskeln in einer Bewegung, die er noch seinen Füßen nicht hat geben können; er steht zitternd und unruhig, und erwartet das Zeichen des Aufbruchs. An beyden Seiten der Schranken sieht er Freunde, die ihm zurufen, ihn aufmuntern, und ihm auf alle Fälle ihre Glückwünsche oder ihr Mitleid versprechen. Auf der entgegengesetzten Seite sieht man Mutter, Onkel, alle natürlichen Freunde des jungen Kämpfers, mit einem ganzen Kreise von erworbenen Freunden, die sich immer weiter und weiter von der Laufbahn entfernen, und ihm zurufen, zu ihnen zu kommen, und noch für immer, oder für eine Weile, mit ihnen zu gehen. Der junge Mensch ist unentschlossen, verwirrt, ängstlich. Unterdessen geht die Zeit immer fort. Der Augenblick, wo das Zeichen zum Lauf gegeben werden soll, nähert sich; seine Freunde entfernen sich immer weiter und vermehren ihre Zurufungen. Was kann natürlicher Weise der junge Mensch thun? Nachdem er eine Zeit lang beydes zu vereinigen gesucht, bald sich nach dem Ziele ausgestreckt, bald seine Freunde zurück zu halten gesucht hat; und durch entgegengesetzte Bewegungen, die einander wechselsweise aufheben, in eine Art von Unthätigkeit und Leblosigkeit gekommen ist; wird er nicht alsdann einen alten Kämpfer, besonders den, der ihn zuerst ermuntert hat, sich in die Schranken zu stellen, fragen, wie lange noch Zeit zum Aufbruche sey, und wie weit er noch die Seinigen begleiten könne? — Und werden die gütigen Freunde, die ihn an den Schranken erwarten, wohl unwillig seyn, wenn er diesem Ausspruche folgt, und sich aus einer solchen Verlegenheit reißt?
Meine Allegorie ist viel zu lang, denn sie hat mir zwey Drittheile von dem Platze genommen, den ich noch zu ganz andern Sachen bestimmt hatte. — Wenn ich nicht jetzo über meiner Disputation arbeitete, so würde mich nichts hindern, den zweiten und den dritten Bogen zu nehmen. Aber jetzo muß ich wirklich ein Wirthschafter mit meiner Zeit seyn. In drey Wochen, so viel ich jetzo voraus sehe, denke ich abzureisen. Erfreuen Sie mich unterdessen oft mit Ihren Briefen, und machen Sie mir, oder bestätigen Sie mir vielmehr die Hoffnung, daß ich Sie nicht nur so freundschaftlich, so zärtlich, wie Sie immer gewesen sind, sondern auch gesund, munter und fröhlich antreffen werde u. s. w.