„Aber sagen Sie mir doch den Nutzen, den mein Kind davon haben könnte.“
Ich muß Ihnen gestehen, ich bilde mir ein, zur Erziehung eines jungen Frauenzimmers ist der Umgang mit Personen ihres Alters und ihres Geschlechts nicht blos nützlich, sondern nothwendig. — Es wird sonst nicht Frauenzimmer genug; es verliert etwas von dem Charakter, und also auch von den Annehmlichkeiten seines Geschlechts; es nähert sich dem unsrigen, ohne doch dadurch mehr zu gefallen. Wie kann aber eine Mutter ihrer Tochter eine Gesellschaft von ihrem Alter und Geschlecht verschaffen, wenn sie selbst keine hat?
„Meine Tochter soll in meiner Gesellschaft lieber seyn, als in der Gesellschaft der ganzen übrigen Welt. Mein Umgang muß ihr, wenn ich anders es verstehe, eine Mutter zu seyn, den sehr leicht ersetzen, den ich ihr nicht werde schaffen können. Und ich hoffe, mein und meiner Freunde Unterricht wird sie alles das lehren, was Sie sie aus dem Umgange wollten lernen lassen.“
O liebste Freundin, wer wollte wohl daran zweifeln, daß Sie nicht die beste Mutter seyn würden, der Sie kennt? Ich wollte auch Ihrer Tochter keinen andern Lehrer zugestehen, als Sie. Aber um seine Sitten zu bilden; um den Menschen mit einer gewissen Dreistigkeit unter die Augen sehen zu können; um von allen seinen guten Eigenschaften in der Welt Gebrauch machen zu können, deren man sich in seinem Kabinet bewußt ist: dazu gehört, daß man die Menschen bey Zeiten kennen lerne; daß man viele Muster vor sich habe; daß man weiß, was für ein Grad von Vollkommenheit in der Welt gemeiniglich angetroffen und gefordert werde; und daß man — soll ich es sagen? — das Zutrauen auf sich selbst durch die öftern Beweise von den Schwachheiten Andrer vermehre.
„Also sehe ich wohl, meine Wilhelmine wird eine Herumläuferin werden müssen, wenn sie Ihnen gefallen soll.“
Nicht so ganz und gar. Sie verstehen mich besser, liebste Freundin, als Sie mir es gestehen wollen. — Müßte ich nicht entweder Sie hochachten, oder sehr eigennützig seyn, wenn ich nicht einer Person, der ich Verdienste zuschreibe, so vielen Einfluß auf Andre, eine so große Sphäre ihrer Wirksamkeit, als möglich ist, wünschen sollte?
Da haben Sie eine kleine Probe von einem der Gedanken-Gespräche, mit denen ich meine Entfernung von Ihnen zu vergessen suche. Wenn es Ihnen nicht ganz mißfällt, so will ich mich öfter unterstehen, Ihnen die Unterredungen zu erzählen, die ich ohne Ihr Wissen und Willen mit Ihnen gehalten habe.
Gellerts Bild habe ich durch Hubern sechs Mal bekommen, und unter meine guten Freunde ausgetheilt. Danken Sie dem Herrn Bause dafür, wenn Sie ihn sehen. Er wird unser zweyter Wille werden. Und nun möchte ich doch wissen, ob Herr M. Reiz noch unter den Lebendigen ist. Ich glaube, daß ich meine Freunde öfterer aus meinem Grabe, wenn ich gestorben wäre, besuchen würde, als er aus seinem Kabinet es thut. — Lesen Sie doch: Vergleichung des Zustandes und der Kräfte der Menschen mit dem Zustande und den Kräften der Thiere u. s. w.