Ich. Auf den Glauben, daß es Gott nicht an Mitteln und an Wegen fehlt, zu helfen, auch wo die kurzsichtigen Menschen keinen Ausweg mehr erblicken; und daß dieses zeitliche Leben nicht so viel werth sei, daß man das Leben seiner Seele dafür aufopfern sollte.
Lehrer. Ja, und daß, wenn ich dieses irdische Leben auch nur mit Einer Sünde erkaufen müßte, der Preis doch viel zu hoch wäre. Siehe, diese Ueberzeugung hatte auch Bontekoe. In dem Vertrauen zu Gott, daß Er helfen werde, bat er seine Reisegefährten, ihren blutigen Vorsatz nur noch drei Tage aufzuschieben, weil er hoffe, in dieser Zeit Land zu erreichen. Und seine Hoffnung täuschte ihn nicht. Der HErr half ihm wunderbar aus allen seinen Nöthen, wie Er allen Denen hilft, die auf Ihn trauen. — Wo haben denn nun auch die Nothlügen ihren Grund?
Ich. Im Unglauben.
Lehrer. Inwiefern?
Ich. Weil man im Glauben es dem HErrn zutraut, daß Er diejenigen, welche aus Ehrfurcht vor Ihm bei der Wahrheit bleiben, auch aus der Noth und Verlegenheit erretten wird. — Aber wie ist’s denn nun mit den heiligen Männern Abraham, Isaak, Jakob, David, von denen stehen doch auch Nothlügen in der Schrift?
Lehrer. Diese Männer waren auch Menschen, welche sündigten, und denen wir also nur das nachmachen dürfen, was gut ist an ihnen. Ihre Fehler aber stehen für uns zur Warnung und Demüthigung da. Es ist nur ein Einziger da, der nichts Böses that, und von dem ausdrücklich versichert wird, daß kein Betrug in Seinem Munde erfunden worden sei, also auch keine Nothlüge. Wenn jene heiligen Männer sich Nothlügen erlaubten, so geschah es in den Augenblicken des Unglaubens; Jesus aber war beständig stark im Glauben, und darum konnte er alle Versuchungen überwinden.
Ein anderes Mal sprach er wieder mit mir über diesen Gegenstand; Obiges kann aber hinreichen, um zu zeigen, wie seine Lehrweise war.
Ich genoß seinen Unterricht etwas länger als ein halbes Jahr, und brachte es unter dem Segen Gottes in dieser Zeit zu einer geordneten und vollständigen Erkenntniß der Religionswahrheiten, so daß ich am Ende des Jahres 1690 von dem damaligen Herrn Spezial Meurer und Herrn Helfer Clemm nach einer vorgenommenen Prüfung für fähig erklärt wurde, durch die Taufe in die christliche Kirche aufgenommen zu werden. Diese Erklärung brachte meinem Herzen große Freude, und ich betete nun täglich zu Gott, daß Er mir die rechte Gemüthsfassung für diese heilige Handlung schenken wolle, damit ich auch den vollen Segen derselben empfange. Auf Weihnachten schenkte mir die Herzogin eine große silberne Denkmünze. Es war auf derselben eine Abbildung, wie Jesus von Johannes im Jordan getauft wird, und auf der andern Seite war die Geschichte des Pfingstfestes bildlich dargestellt. Auf jener Seite standen nur die Worte: ohne Maaß! auf dieser stand: ohne Zahl! Ich bat meine Pflegemutter um Erklärung dieser Inschriften. Diese gab sie gern. „Die Worte: „„ohne Maaß!““ — sagte sie — „gehen auf den Herrn Jesus, der mit dem heiligen Geist ohne Maaß, d. h. mit einer überschwenglichen Fülle des Geistes, gesalbt worden ist, und darum auch der Gesalbte, Christus, heißt (Joh. 3, 34.). Die Worte: „„ohne Zahl!““ gehen auf die Christen, welche die Gabe des heiligen Geistes empfangen, und deren Zahl so groß werden soll wie die Zahl der Sterne am Himmel. Zu dieser zahllosen Schaar sollst auch du kommen, und es muß dir diese gnädige Berufung doppelt wichtig sein, da du durch die wunderbare Hand des HErrn aus einem Volke herausgezogen worden bist, das bis jetzt noch keinen Antheil genommen hat an den Segnungen des Geistes Christi, das aber hoffentlich einst auch noch herbeikommen und seine Kniee beugen wird vor dem Gekreuzigten.“
Ich sagte: „Amen, möge diese Zeit bald kommen!“
Meine Taufe war auf den sechsten Januar, als auf das Fest der Erscheinung Christi unter den Heiden, festgesetzt, und sollte nach dem Willen der Herzogin in der Stiftskirche in Stuttgart auf eine feierliche Weise vorgenommen werden. Ein feierlicher Kirchgang wurde von dem Schlosse aus zur Stiftskirche gehalten. Voran giengen die Taufzeugen, welche aus freiwilliger christlicher Liebe diese Stelle vertreten wollten, nämlich: die Frau Herzogin Wittwe Magdalena Sibylla, der Erbprinz, nachmaliger Herzog, Eberhard Ludwig, die Frau Oberhofmeisterin von Wachenheim, Herr Consistorial-Direktor Bardili, Frau Doktorin Commerell, Frau Kammerrath Faber und Herr Kanzlei-Advokat Dr. Stierlin. Hierauf kam ich, von zwei adeligen jungen Herren begleitet, und dann folgten alle die Personen, welche zum herzoglichen Hofe gehörten.