Als wir uns in der von den Zuhörern angefüllten Kirche auf unsere Plätze begeben hatten, wurden einige Verse aus dem Liede von Paul Gerhard gesungen:
O du allersüßte Freude,
O du allerschönstes Licht! u. s. w.
Hierauf predigte der Stifts-Prediger Schmidlin über das Evangelium des Tages Matth. 2, und verglich die Reise der Weisen aus Jerusalem mit meiner wunderbaren Führung von Belgrad nach Stuttgart. Die Predigt währte ziemlich lange; ich war aber mit innerlichem Seufzen und Flehen zu sehr beschäftigt, als daß ich viel davon hätte fassen können. Zum Anfang der Taufhandlung wurde der Vers gesungen:
O Gott und Vater gnadenvoll &c.
Dann legte ich öffentlich mein Glaubensbekenntniß ab, wozu mir der Heiland ein reiches Maß von Freudigkeit verlieh, wiewohl mir vorher sehr angst gewesen. So bald ich aufstand und anfieng zu reden, war alle Angst wie weggehaucht; ich sah nicht mehr auf die Menschenmenge, sondern dachte allein an Gott, der in das Herz sieht und weiß, ob unser Bekenntniß aufrichtig und lauter ist. Hierauf kniete ich nieder, wurde im Namen Gottes des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes getauft, und erhielt die Namen Christiana Magdalena Eberhardina, welchen hernachmals noch der Name Gottliebin als Zuname beigegeben wurde. Der türkische Name Setma war der letzte Ueberrest von meinem türkischen Vaterland, den ich vollends abzulegen hatte. Vaterland, Familie, Freunde, Erbschaft, Religion, Sprache, Sitten, Kleider hatte ich Alles schon längst verlassen und abgelegt; aber auch nach der Verheißung Jesu hundertfältig wieder gefunden schon in dieser Zeit. Warum hätte ich nicht gern auch meinen Namen vollends hergeben sollen, um auch äußerlich darzustellen, was ich innerlich zu erfahren wünschte: — eine gänzliche Wiedergeburt! Gott aber sei Dank, der nach und nach Alles vollends hinwegnimmt, was nicht in Sein Reich hineintaugt!
Nach der Taufe, während welcher mir unbeschreiblich wohl war, wurden die zwei letzten Verse gesungen aus dem Lied des seligen Dr. Luther:
Christ, unser HErr, zum Jordan kam &c.
Das war denn der Tag meiner höchsten Ehren, da ich aus der Zahl der Ungläubigen feierlich herausgenommen, und als ein Kind und Eigenthum Gottes erklärt wurde, ein Glück, das nicht hoch genug zu schätzen ist, und für das so viele Christen, die schon in den ersten Tagen ihres Lebens diese Gnade erfahren, bei weitem dankbarer sein würden, wenn sie recht überlegten, wie viel Mühe es mich gekostet, wie manchen sauren, ja ich darf wohl sagen, blutigen Tritt es mich gekostet, bis ich so weit kam, und wie so mancher Heide sich’s noch viel mehr kosten lassen würde, wenn er Gelegenheit hätte, zu diesem hohen Vorzug zu gelangen.
Von der Kirche aus gieng der Zug wieder in das herzogliche Schloß, wo ich in Anwesenheit des ganzen Hofes der Herzogin meinen fußfälligen Dank sagte. Sie aber erklärte vor dem ganzen Hof, daß sie mir, als einer Christin, nunmehr meine Freiheit schenke, und das, was sie meine Loskaufung gekostet, mir als Taufpfennig anrechnen wolle. Zugleich machte sie mir das gnädigste Anerbieten, ob ich in Zukunft in ihren Diensten bleiben wolle. Beides nahm ich natürlich mit großer Freude und unterthänigstem Danke an, bat aber zunächst nur um die Erlaubniß, mich für heute ganz in die Stille zurückziehen zu dürfen, weil ich befürchtete, in der großen Zerstreuung von dem reichlich empfangenen geistlichen Segen etwas zu verlieren. Wie leicht ist ein volles Gefäß verschüttet, wenn man damit hin und her geht oder gar rennt! Ich suchte deßwegen die Stille im Hause meiner gütigen Pflegemutter, welche mich mit inniger Freude von dem Herzen der ewigen Liebe empfieng, und an ihr mütterlich-liebendes Herz drückte. Den ganzen Tag wollte ich Niemand mehr sehen noch sprechen, sondern blieb auf meiner Stube, las bald einige Verse im Wort Gottes, bald ein schönes Lied, bald überließ ich mich dem Jubel meiner innerlichen Freude, bald schickte ich ein frohlockendes Dankgebet zum Throne Gottes hinauf. Ich ließ die ganze wunderbare Geschichte meines Lebens und den reichen Segen des heutigen Tages mehr als einmal vor meinem Gemüthe vorübergehen, und fand jedes Mal neue Ursache, Den zu preisen und zu erheben, der Wunderbar heißt und wunderbar ist. Ich fand, daß der stille Nachgenuß eines solchen Festes fast noch süßer und lieblicher werden kann als die Festfeier selbst, bei welcher man durch manche beengende oder zerstreuende Umstände von außen gestört wird. Zugleich kann ich es nicht verhehlen, daß, so groß das Glück ist, schon als Kind in den Bund mit Gott aufgenommen zu werden, doch auch ein besonderer Segen darin liegt, bei dieser Aufnahme selbst mit Bewußtsein empfinden zu dürfen und überlegen zu können, wie groß die Gnadengüter sind, die Gott Seinen Kindern anbietet.“