Doch wenn die Noth zum Herzen drang,

Wenn Krankheit ihre Geißel schwang,

Die Lust der Eitelkeit verschwand,

Ich nicht mehr singen und tanzen konnt’:

Dann fiel mir ein, wie schlimm es würde sein,

Wär’ diese Welt nur da für mich allein.

Das frühzeitige Hinscheiden dieser trefflichen Prinzessin setzte das ganze fürstliche Haus in tiefe Trauer, und war auch für mich ein schmerzlicher Schlag, da ich bei der herablassenden Freundlichkeit der Prinzessin nicht wie eine Dienerin, sondern wie eine Freundin von ihr angesehen wurde. Die reichlichen Geschenke, mit denen meine geringe Treue im Dienst der Entschlafenen nach ihrem Abscheiden belohnt wurde, konnten meinen Schmerz nicht einschläfern. Eine andere Erquickung war mir aufgehoben.

Siebentes Kapitel.
Kirchheim unter Teck.

Nach dem Tode der Prinzessin Eberhardine Louise hatte mich die Herzogin Mutter selbst unmittelbar in ihre Dienste genommen, und mir die Bedienung ihrer eigenen Person übertragen. Sie war meine größte Wohlthäterin, ihr wollte ich auch am liebsten dienen. Nach wenigen Tagen trat noch eine Kammerfrau in den Dienst, welche der Herzogin von Sachsen aus empfohlen worden war, und Christiana Maria Weisse hieß. Als sie dem Hof vorgestellt wurde, fühlte sich mein Herz sehr zu ihrer sanften Gestalt hingezogen, und sobald wir allein waren, drückte ich ihr meine Freude darüber aus, daß wir in Zukunft neben einander dienen sollten, weil ich die lebhafte Hoffnung in mir hätte, daß unsere Herzen sich bald gegenseitig verstehen würden. Sie äußerte dasselbige, und versicherte, es sei ihr so, als hätten wir schon Jahre lang mit einander gelebt, und wären nur eine Zeit lang im Schlafe gelegen. „Guly!“ rief ich, und sie im nämlichen Moment: „Setma!“ und wir lagen einander in den Armen, und hielten uns fest umschlossen. Der Eindruck von den verschiedenartigen Auftritten, deren Bilder jetzt so schnell an meiner Seele vorüberzogen, war aber so stark und heftig, daß ich unwillkürlich in ein lautes Weinen gerieth, das wohl eine Viertelstunde anhielt, und während dessen ich kein Wort reden konnte. Guly weinte mit, war aber gefaßter als ich, und sagte: „ein anderes Mal will ich dir meine Geschichte erzählen, heute bist du zu schwach dazu.“ — Ich war damit einverstanden, und in der überfließenden Freude meines Herzens stand mir nur Eines klar vor Augen: ich wollte so bald als möglich darüber Gewißheit erhalten, ob Guly eine Christin geworden, ob sie eine wahre Christin sei, die den Heiland von Herzen lieb habe. Um meine Freude völlig zu machen, durfte ich mich auch davon überzeugen, daß sie an christlicher Erkenntniß und Erfahrung weiter war als ich, und mir eine Stütze werden konnte, der ich sehr bedürftig war. Das Herz verläßt sich auf Gott, aber die Hand sucht einen Stab. David setzte seine Zuversicht auf den Allmächtigen, aber er hatte auch einen Jonathan, und weinte um ihn, als er ihn verlor. Paulus, der muthige Glaubenszeuge, klagt wehmüthig, daß ihn in Rom Alle verlassen haben, und er nun allein stehe. Wer wollte mir’s übel nehmen, daß mein Herz bei der Entdeckung, was es in Zukunft an Guly haben werde, vor Freuden jauchzte. Ach die Tage der Trauer bleiben ja doch nicht aus; das habe ich auch sattsam erfahren. — Nach einigen Tagen nahm mich Guly, als wir eine ruhige Stunde hatten, am Arm, und gieng mit mir in den herzoglichen Lustgarten, wo wir uns auf einer Rasenbank niederließen, und nun erzählte sie mir ihre Geschichte:

„Meine Empfindungen, als wir nach der Eroberung unserer Vaterstadt so unerwartet von einander gerissen wurden, darf ich dir nicht erst beschreiben; sie sind ja auch die deinigen gewesen. Ich war fast ganz besinnungslos, als mich der General, welcher mich gefangen genommen hatte, in’s Lager schleppte. Er war schon ein bejahrter Mann, sehr mild und leutselig, und hatte mit mir nichts Anderes im Sinn, als mich seiner Tochter zur Gesellschafterin zu bringen. Das erfuhr ich aber erst später: denn er konnte nicht türkisch und ich nicht deutsch, und so mußte ich mich einstweilen mit seiner freundlichen Behandlung begnügen, welche ganz über meine Erwartung war. Da der Feldzug bald zu Ende gieng, so durfte ich nicht lange im Lager bleiben, und der General, der außer der Kriegszeit auf seinem Landgut in Schlesien wohnte, nahm mich mit dahin, wo er von seiner Tochter mit der größten Freude empfangen wurde. Er sagte ihr, was ich freilich nicht verstand, aber aus seinen Bewegungen schließen konnte, daß er mich für sie zur Aufwartung und Unterhaltung mitgebracht habe, worüber sie sehr vergnügt zu sein schien. Die Freude stockte aber bald wieder, als sie merkte, daß ich nichts von ihrer Sprache verstand. Indessen wurde sie nicht unwillig, sondern unterrichtete mich mit vieler Geduld und Angelegenheit im Deutschreden und Lesen. Letzteres gieng mir schwerer als das Erstere; indessen hatte ich es doch in einem halben Jahre so weit, daß ich mich Jedermann im Hause verständlich machen und ziemlich deutlich in der Bibel lesen konnte. Diese hatte man mir zum Lesebuch gegeben, denn der General war ein von Herzen frommer Mann, — und da ich im Anfang noch nicht wußte, was darinnen stand, und daß dieß das Religionsbuch der Christen sei, so ließ ich es mir gefallen, was ich nimmermehr gethan haben würde, wäre mir jenes bekannt gewesen; denn meine väterliche Religion zu verlassen, hatte ich keineswegs im Sinn. Je mehr ich aber nun verstehen lernte, was ich las, desto mehr gefiel mir das Buch, und wie ich endlich an die Geschichte Jesu kam, und nun merkte, woran ich war, da hatte mich die Wahrheit und Lieblichkeit dieser Gottesworte schon so gefangen genommen und gefesselt, daß ich nicht mehr zurück konnte. Ich las also die Geschichte Jesu vollends durch, las die Apostelgeschichte, die Briefe, las Alles bis an’s Ende, und da war es in meinem Herzen felsenfeste Gewißheit: Das ist ein wahrhaftiges Wort! Das ist Gottes Wort! Noch ehe ich die deutsche Sprache recht gelernt hatte, nahm ich schon die deutsche Religion an, und ehe ich eine unparteiische Vergleichung des Christenthums und des Muhamedanismus anstellen konnte, hatte Christus schon Besitz von meinem Herzen genommen. O da erfuhr ich große Gnade und Seligkeit! — Der General und seine Tochter merkten, daß etwas Besonderes mit mir vorgehe; aber sie wollten den freien Gang der Entwicklung nicht stören, bis ich endlich selbst ihnen mit dem Geständniß entgegenkam, daß ich glaube an Christum, den Heiland der Welt. Sie waren sehr erfreut darüber, und theilten ihre Freude auch sogleich dem Prediger Rothe mit, der in dem zum Gut gehörigen Dorfe angestellt war. Dieser kam, und ließ sich von mir erzählen, wie ich zu diesem Glauben gekommen sei; dann stand er auf, ein ehrwürdiger achtzigjähriger Greis mit schneeweißen Haaren, richtete seine Augen gen Himmel, hob die gefalteten Hände empor, und rief: „HErr! nun lässest Du Deinen Diener in Frieden fahren; denn meine Augen haben gesehen, daß sich eine Seele aus Ismael zu Dir bekehret hat.“ — Dieser alte Knecht Christi hatte sich’s nämlich zum besondern Anliegen gemacht, um die Bekehrung der Muhamedaner zu beten, und seufzte täglich zum HErrn, Er möchte doch einmal Seinen Geist unter sie senden, und ihre verblendeten Augen aufthun. Um so erwünschter war ihm daher das Beispiel einer zu Christo gekommenen Muhamedanerin, und er nahm es als ein Unterpfand der Erhörung seiner Gebete an, die ja auch wohl noch in Erfüllung gehen können. Er nahm mich nun in besonderen Unterricht, und gab sich alle Mühe, mir die christliche Wahrheit recht süß und lieblich, Jesum recht groß, mein Verderben recht tief, und die ewige Seligkeit recht herrlich vorzustellen. Seine Worte fielen auf einen empfänglichen offenen Boden; mein Herz war begierig, recht viel von Jesus und von den himmlischen Dingen zu hören, und ich machte oft Fragen an ihn, auf die er mir gar keine Antwort gab, sondern sagte: „Du mußt nicht Alles wissen; halte fest, was du hast.“ Am Weihnachtstage wurde ich getauft, und erhielt die Namen: Maria Christiana. Ich fand aber nicht das, was ich erwartet hatte. Mein Herz war ziemlich kalt und ungefühlig, meine Aufmerksamkeit mehr auf das Aeußere gerichtet, meine Andacht mehr gezwungen als lebendig. Ich merkte es zeitig, seufzte und betete, so gut ich konnte; aber es blieb so. Ich setzte das Beten den ganzen Tag fort, und siehe da, am folgenden Tage kamen alle die Segen, die ich heute nicht genossen hatte, stromweise über mich. Der Friede Gottes erfüllte mein Herz, und ein solches Wohlsein kehrte bei mir ein, daß ich mich nicht enthalten konnte, laut zu jauchzen. Der General sagte: „Maria, nimm dich in Acht: wenn der Himmel glüht, gibt’s gern Regen. Es könnte auch anders kommen.“ — Der alte Prediger aber sagte: „Laßt sie doch in ihrer Freude, und gönnet ihr’s. Die Hochzeitleute können nicht fasten, so lange der Bräutigam bei ihnen ist. Freilich wird’s einmal anders kommen; aber dann ist’s noch Zeit genug, das Gesicht in Falten zu legen.“