Wir verlassen nun das Schwefelwerk und gehen querfeld ein über die Eybenstöcker-Straße, über alte Halden und Aecker weg nach dem Glockenklange. Diesen Namen erhält eine von Johanngeorgenstadt aus nordwest liegende, bergige, von Buchengebüschen belebte Gegend von einer eingegangenen Zeche, der Glockenklang genannt; vermuthlich wurde dieser Name der Zeche darum beigelegt, weil an der dahinter aufsteigenden Anhöhe der Klang der Glocken sehr deutlich anprallt, wenn sie Sonntags oder an Festtagen sämmtlich geläutet werden. Hier wollen wir nun ein wenig weilen und uns umsehen.

Wir stehen also gerade nach Morgen gerichtet; uns gegen über dehnt sich der Rabenberg mit seiner vermischten Waldung, mit seinen Blößen und Verhauen längs dem Schwarzwasser hinab, welches an seinem Fuße fließt. Auf seinem Rücken, welcher öfters Strecken weit kahl und grau daher blinkt, sieht man einzelne hohe Felsenruinen von wenigen schwarzen Tannen umzingelt, daß man die Ueberreste einer Ritterburg aus der Vorzeit zu erblicken wähnt. Vor uns unten sehen wir das sogenannte Felshaus, die Bretmühle und seitwärts den am Rande mit Gehölze bekränzten Heimberg und überhaupt, weiterhin eine Menge Felder, Aecker und Gebüsche hinab in die Tiefe des Thales sich senken. Rechts nach Mittag hin erblicken wir Johanngeorgenstadt in seiner Länge auf dem schroffen Abhange des Fastenbergs hingebreitet; wir sehen wie der Bleiersberg herab sich zieht, ein enges Thal bildet, zwischen welchem das Schieferbächel vom Eleonorer-Stolln herabrinnt. Dieses kleine enge Thal hat seinen Ausgang wiederum ins Wittichsthal, unweit dem Schießhause. Der größere Theil des Wittichsthales liegt nun wieder vor uns, wir hören das Geräusch der Bäche und der geschäftigen Menschen, hören des großen Blechhammers dumpfe Schläge, sehen die wechselnde Flamme des Hohenofens[13] und die einzelnen, friedlichen Hütten der Thalbewohner. Weiterhin schräg nach Mittag erblicken wir die böhmischen Gebirge mit ihren Waldhäusern und einzelnen Flecken. Denn von hier aus nimmt sich das Wittichsthal unstreitig am schönsten aus! – Links nach Mitternacht hin erheben sich mehrere theils nackte, theils waldige, mit Dörfern und Felsengethürmen sichtbare Gebirge, deren Ende sich in das schwimmende Blau des Horizonts verliert. Näher sehen wir einen auf einem Hügel ragenden, von einzelnen Tannen umgebenen Fels, der Schneiderfels, auch die Teufelskanzel genannt, welchen ich nachher näher beschreiben will. Diese ganze Aussicht ist entzückend, ich wünsche sie jedem Freunde der Natur, jedem guten Menschen; dieser Wunsch faßt viel in sich, er umfängt eine Vereinigung irdischer Gefühle mit dem Himmel! – Und nun, wer so die Gegend um Johanngeorgenstadt durchwandert, wer Alles dieses so erblickt, ich frage ihn, ob diese Gegend kann rauh genannt werden, ob sie uninteressant sei? – Ich frage ihn, ob diese so verschriene Gegend nicht die größte Aufmerksamkeit eines jeden Freundes und Forschers der Natur verdiene? – Ob man nicht die erhabensten Gefühle und Regungen in seiner Brust wahrnimmt? – –

Aber noch ist das Ende der Wanderung nicht da, noch haben wir das Wenigste gesehen und bewundert; nun wollen wir uns erst auf einzelne Gegenstände einlassen und den besondern Schönheiten und Merkwürdigkeiten der Natur unsere Aufmerksamkeit widmen und dann uns unpartheiisch fragen, welch ein Interesse das obere Erzgebirge für jeden patriotischen Sachsen habe und haben müsse! –

Nun, lieber Leser, wollen wir für heute zurück nach der Stadt kehren, denn morgen haben wir mehr zu besehen; heute wollen wir ausruhen und Kräfte sammeln, – heute sind wir gestiegen, morgen werden wir schon klettern müssen. –


1.
Die Teufelskanzel oder der Schneiderfels.

Es wird in Johanngeorgenstadt eine Gegend des Himmels, nämlich nach Mitternacht hin, der Jungfernwinkel genannt, woher diese Benennung stamme, weiß ich nicht; man erblickt ihn, wenn man bei dem Rathhause gegen die Gasse neben dem Brauhause hingerichtet steht. Dieser Jungfernwinkel dient den Einwohnern zum Wetterpropheten, indem man gewisse Erscheinungen an demselben entweder für günstig oder ungünstig hält, welches nicht ein leerer Glaube, sondern eine natürliche, durch die Erfahrung bestätigte Gewißheit ist. Gerade in dieser Richtung nun liegt der Schneiderfels oder die Teufelskanzel genannt, welchen man bei dem Ende der Gasse und Stadt deutlich wahrnehmen kann.

Der Fremde glaubt hier fast gewiß, daß dieses die Ruinen irgend eines alten Schlosses seyn müssen, weil die Gestalt dieser Felsen einem solchen Dafürhalten entspricht. Es ist ein überraschender Anblick, wie hinten am Horizonte auf einer unten herum waldigen Anhöhe oben ein graues, von einzelnen Tannen umgebenes Felsengethürm aufragt. – Es ist bisweilen auch interessant, Wege nach gewissen Gegenständen zu beschreiben, daher soll dieses jetzt geschehen.

Man geht nach dem Rosengartner-Stolln zu, daß das neu angelegte Bergmagazin-Gebäude[14] zur Rechten bleibt; auf der Halde vor dem Stolln nun hat man eine allerliebste Aussicht hinab in das schon erwähnte kleine Thal, welches von dem Schieferbächel durchschnitten wird. Hier, am Ende des Bleiersbergs, wo man jetzt mehrere begraßte Vertiefungen wahrnimmt, waren ehedem eine Anzahl kleiner Teiche, von schattigen Ahornbäumen an der Wegseite herab umgeben; aber man ließ sie vertrocknen und benutzte die Grasung, sowie man auch die Ahornbäume vermißt.

Von der Rosengärtner-Halde weg gehen wir nach dem Eleonorer-Stolln zu. In dem dabei befindlichen Zechenhause wohnt ein Mann,[15] Namens Unger, welcher allerlei kleine Modelle vom Bergbau und Darstellungen desselben schnitzt, welche ein einfacher Mechanismus lebendig macht, überhaupt besitzt er ziemliche Fertigkeit im Schnitzeln, obgleich seine Figuren keinen feinen Geschmack verrathen. –