Nun steigen wir von da eine kleine Anhöhe hinauf und halten uns rechts auf dem Wege, welcher zu einer hohen, starken Tanne und der dabei befindlichen Zeche, Elias genannt, führt. Hier findet man ein Wasser, welches in den heißesten Tagen von siberischer Kälte ist und dem reinsten Krystall gleicht; es entspringt aus Felsen und ist sehr gesund. – Ueber dem Elias oben dehnt sich der bebuschte Glockenklang hin, auf welchem hie und da eine schlanke Tanne emporragt.
Wir gehen nun weiter und kommen an ein mittelmäßiges Guth, von welchem nicht weit davon, weiter hinten, ein kleines Haus stehet, welches mit seiner Wirthschaft einem gewissen Kohlbrenner Schneider gehört, wovon der nicht weit abgelegene Schneiderfels[16] seinen Namen erhielt.
Nun richten wir unsern Weg weiter nach dem Walde hin, aber unsern Blicken ist der Fels gänzlich entschwunden. So wie wir einige Schritte in diesem Walde oder vielmehr Wäldchen gethan haben, wenden wir uns links und betreten einen Fußsteig, der durch Gebüsche dahin sich windet; über uns singen die Vögel, wir wandern vergnügt weiter, beugen die Zweige der Gebüsche auseinander und steigen jetzt auf einem schmalen Pfade den Hügel hinan; noch erblicken wir keinen Fels, immer weiter steigen wir, kriechen durch die dichten Gebüsche hindurch, und – welche Ueberraschung! – wir stehen plötzlich nahe bei einem röthlich grauen, ernsten Felsengethürm, um welches in einem dünnen Kreise hie und da einige hohe Tannen hervorragen. Noch blicken wir es staunend an, und die Einsamkeit und Stille, nur vom Gekrächze aufgeschreckter Raben unterbrochen, wirken, daß ein unwillkührlicher Schauer die Glieder überläuft. – Ueber Gestrippe und abgerollte Steine steigen wir nun näher hinauf.
Eigentlich sind es zwei Granitfelsen, hie und da von kiesigen Adern durchschnitten; jedoch die Verschiedenheit ihrer äußerlichen Form ist so auffallend, als merkwürdig. Der eine nämlich scheint aus lauter abgestumpften Cylindern zusammengesetzt zu seyn, hebt sich hoch empor und da, wo diese Quasicylinder an einander sich fügen, sind tiefe Ritze und Klüfte; dieser ganze Fels scheint nur leicht und flüchtig auf einander geschichtet zu seyn und jeden Augenblick einstürzen zu wollen. Man wird von einer sonderbaren Angst befallen, wenn man nahe bey demselben steht; denn unten herum liegen große Granitblöcke, daß man glaubt, sie wären von ihm abgerollt und also müsse der Fels größer gewesen seyn. Aber der ganze Hügel, worauf er emporragt, ist ein Granitgebirge, welches die Zeit mit Moos, und Bäumen überzog.
Der andere Fels ist kleiner, aber nicht so geformt; er scheint aus mehrern Trapezoiden schräg auf einander geschichtet zu seyn, daß man ebenfalls befürchten könnte, er werde mit jedem Augenblicke einstürzen; wenn man vorzüglich darauf steht, wird man von einer solchen Furcht beängstigt, – doch er wird nie fallen. Uebrigens ist er nicht so nackt und kahl, wie sein Nachbar, sondern mit dem grünsten Moose fast ganz überzogen.
Hier stelle man sich nun zwischen diese zwei Felsenmassen, und man wird einem jeden von beiden einen gewissen Character (um mich so auszudrücken,) beilegen können. – Der große nämlich ist ein Bild des Ernstes, des Muthes, der Standhaftigkeit und jeglicher Größe; ihn vermochte kein Wetter, kein Sturm zu rühren, er blieb sich gleich; Blitze umkreutzten und berührten ihn, er stand, – und waren die Wetter vorüber, so verweilte mild und belohnend der Abendsonne Purpurblick aus seinem Scheitel, denn sein Streben war groß, wie des Mannes feuriges Streben, es gehörte dem Himmel an. –
Der andere neigt sich schon mehr an die Erde, ein Bild der Schwachheit, der allzugroßen Nachgiebigkeit, nicht vermögend, sich muthvoll empor zu schwingen, nur für die Erde lebend. – Die tiefe Stille nun, welche um diese Felsen herrscht, vermehrt die schauerliche Einsamkeit, die nur bisweilen ein Raubvogel oder ein Windstoß in den hohen Wipfeln der ästigen Tannen unterbricht. Der größere Fels aber ist die eigentliche Teufelskanzel. Auf meinen Wanderungen fand ich in der Nähe einen alten Holzhacker im Walde, welcher mir folgende, nach seinem Ausdrucke wahrhafte, Geschichte von diesem Felsen erzählte, welche ich hier beifüge, wie ich sie hörte, da so etwas nicht uninteressant seyn kann.
»Zu Anfange, als Johanngeorgenstadt erbaut wurde, kamen häufig Katholiken herüber und suchten die Lutheraner abfällig zu machen; sie wendeten Alles an, Ueberredung, Versprechungen, Bitten, und, da dieses nichts zu fruchten schien, auch Drohungen, welche sie in der Folge nicht unerfüllt ließen, indem man einigemal Feuer angelegt und manches ruinirt fand.