Zu Anfange des Stadtbaues, giengen einst früh Morgens drei Bergleute aus, um die umliegenden Gebirge zu untersuchen, wobei sie sich zugleich des Ruthenschlagens bedienten. Diese kamen nun auch zu dem Felsen, welcher damals höher und stärker gewesen seyn soll; müde und abgemattet setzten sie sich hier nieder, um auszuruhen. Sie erzählten sich manches und unter andern fiengen sie auch an, von dem Baue der Stadt und ihrem Vorhaben zu sprechen und äußerten oft den Wunsch, daß Gott den Katholiken die schwere Sünde vergeben möge, die sie durch so manche Kränkungen an den Lutheranern begiengen. Plötzlich rauschte es hinter ihnen, – erschrocken kehrten sie sich um und sahen einen langen, dicken Mönch aus einem Busche hervortreten, welcher, den Zeigefinger der rechten Hand emporgestreckt, ihnen dreimal winkte. – – Sie geriethen in Verlegenheit und wußten nicht, was sie thun sollten; endlich entschlossen sie sich und giengen näher hinzu, worauf der Mönch langsam auf den Fels gestiegen sei, gleichwie auf einer Treppe, und jeder Tritt seines Fußes hätte eine solche Stufe gebildet, wie man heutiges Tags noch sieht. Von oben herab hätte er nun zu ihnen mit einer schauerlichen, besondern Stimme gepredigt, ihnen Gold und Silber und alles was sie wünschen würden versprochen, wenn sie katholisch würden, aber den Namen Gottes und des Heilands hätte er nie erwähnt. Doch sie blieben standhaft! Wie er endlich anfieng, durch große Verheißungen und glatte Worte ihr Herz zu bestricken, so riefen sie laut in ihrer Angst: »Heiliger Gott, sei uns gnädig und barmherzig!« – Sogleich krachte es fürchterlich, der Mönch verschwand und in der Luft hörten sie ein gräßliches Gewinsel. Getrost und muthig giengen sie zurück und unterweges schon erhielten sie die frohe Nachricht: daß so eben wieder ein reichhaltiger Silbergang gefunden worden sei, welches sie für einen Lohn Gottes ansahen und Danklieder anstimmten, u. s. w.«
Da, wie ich merkte, den meisten in der Gegend dieses Mährchen nicht bekannt ist, so ist ihnen auch der Name Teufelskanzel weniger bekannt; denn der Mönch, welcher hier predigte, war, nach ihrer Meynung, kein anderer, als ††† Gott sei bei uns! Herr Lurian! –
Auf dem größern Felsen nun kann man von hinten wirklich wie auf einer Treppe, nur nicht gar so bequem und ein wenig gefahrvoll, emporklettern, und oben nach Mittag hin ist eine Art von Brustwehr, kurz dieser Fels ist einer Kanzel in der That nicht unähnlich.
O! man steige hinauf und sehe sich um, und predige die Wunder der Natur! – Welch eine erhabene, entzückende Aussicht auf diesem Felsen! Stärke mich, Muse, daß ich es jetzt wage, der lieblichen Aussicht meinen Gesang zu weihen! –
Wanderer, der du mit mir erstiegst in gefährlichen Stufen
Und in Erwartung belohnender Aussicht die felsige Kanzel,
Komm nun, o! komm, und siehe, wie freundlich und gütig der Herr sei!
Siehe nach Mittag hin, welch' ausgebreitete Menge
Freundlicher Felder und Fluren und fleißig durchgrabener Aecker,
Die, am Rande mit Mauer und mancherlei grünenden Sträuchern
Rund umzäunt, wie niedliche Gärten dem Fremdling erscheinen!
Baumbepflanzte Wege und klare Gewässer und Bäche
Schlängeln im Thale sich hin und beugen sich über die Höhen;
Ueberall Hütten und Häuser und Menschen, Alles beleben
Frohsinn, Fleiß und Arbeitsamkeit. – Ha! hörst du die dumpfen
Schläge des mächtigen Hammers, der hinten, vor dir in dem weiten
Wittichsthale, vom Wasser gehoben, Eisen zu Blech schlägt?
Hörst du der Bäche Geräusch und das ferne Klappern der Mühle?
Und wie der Wind den Forst durcheilt und die Thäler und Klüfte? –
Dort auf dem Berge, der schroff sich hinabbeugt ins Thal und ans Wasser,
Siehst du die Stadt, die Liebe zur Wahrheit und Freiheit des Geistes
Bauten, daß jetzt so weit umher Gefilde und Fluren
Sich verbreiten, wo einst die kälteste, grausendste Wildniß
Barg blutdürstige Wölfe und Bären! Daß Menschen da wohnen,
Wo einst der Thiere des Waldes mächtige Anzahl sich mehrete. –
Wo man ein winziges Häuslein vordem mit Mühe aufsuchte,
Dehnet sich jetzt so blühend und menschenvoll eine Stadt aus.
Blicke im halben Kreise umher am Horizonte,
Wie sich aus waldigen, böhm'schen Gebirgen Häuser und Felder,
Felsen und kleinere Hügel nun deinen Blicken darstellen,
Daß die Stadt und ihr Berg im Thale zu liegen dir scheinen! –
Und nun wende nach Morgen dein Antlitz, und siehe die Mischung
Kleiner und größerer Berge, wie kleine und große Regenten:
Einige siehst du das kahle Haupt zum Himmel erheben,
Andere schmückt des Waldes Grün und des Schattens Erquickung.
Und dort drüben auf jenem kugelförmigen Berge
Ragt auf dem nackten Scheitel ein röthliches Felsengethürm auf,
Wie Ruinen irgend eines gothischen Schlosses;
Täuscht mich der Anblick doch so sehr, daß getäfelte Wände,
Stiegen und geränderte Bogen ich wähne zu sehen.
Weiter hinten blickt auf der weitansteigenden Höhe
Silbern die Kirche des Dorfes Breitenbrunn mir entgegen,
Das sich zwischen Gefilde und Aecker hinab in das Thal dehnt,
Und nun weiter dort hinten, wie sich Flecken und Häuser
Auf den schwindenden Bergen schwindend und zaubrisch verbreiten;
Wie an die Erde der Himmel sich anschließt und man empfindet,
Tief in der Brust empfindet, daß die Heimath des Menschen
In dem Himmel nur sei, daß solcherlei Sehnsucht ein Gott nur
In des Erdenbürgers strebenden Busen gepflanzet.
Und so nenne den Fels nicht eine Kanzel des Teufels,
Nach der Vorzeit Fabelerzählung, nenn' ihn nach deines
Herzens Gefühlen die Gotteskanzel! – Hier lehre im großen,
Wundervollen Tempel der heilgen Natur ihren Schöpfer,
Wann dich der scheidenden Sonne Purpur golden verkläret,
Und ein Stern nach dem andern am reinen Azur hervorglänzt,
Zu bezeugen, es sei ein Gott, der die Menschen geschaffen,
Daß moralische Vollkommenheit sei der Schöpfung
Heiligster, höchster Zweck, und Tugend das Mittel der Menschen!
Oder verweile auch hier, wie einst ich mußte verweilen,
Wenn sich am brennenden Himmel wildrollende Donner verfolgen,
Wenn sich die Flammen des Blitzes im zischenden Zickzack verbreiten,
Bänglich durch schlüpfrige Ritze der Wind heult, rauschend die Wipfel
Alternder Tannen erzittern und rings die Söhne des Forstes
Brausen; – wenn sich die ganze Natur im Sturm zu lösen
Droht, wenn Nacht und Dunkel und schlängelnde Blitze dann schrecklich
Dich umzingeln und nirgends ein lichterer Fleck an dem Himmel
Kündet dir an der tobenden Wetter bald nahendes Ende, – –
Dann verweile, o Wandrer, wie ich einst verweilte am Felsen!
Was du empfindest, so lange du lebst, vergißt du es nimmer! –
Nachdem wir uns satt und überall umgesehen haben, klettern[17] wir wieder (aber sei ja vorsichtig!) herab von dem Felsen, betrachten ihn unten noch einmal von allen Seiten und steigen von der Anhöhe selbst wieder hernieder. Oft unterweges blicken wir uns um nach der ragenden Kanzel, bis die dichten Fichtengebüsche sie gänzlich unsern Blicken entziehen. Wir kommen zu dem sogenannten Schneiderguthe zurück; hier wollen wir eine Milch einnehmen und uns an dem vielfachen Echo ergötzen, welches man, zwischen Nord und Ost gerichtet, nicht weit von dem Hause am Wege wahrnehmen kann. Fünfmal kann man einen starken Schall ziemlich zurück hören.
Nun richten wir unsern Weg wieder nach der Stadt, um für künftige Wanderungen uns zu stärken und zu erquicken. –