2.
Die Gegend am Schwarzwasser nach Breitenbrunn.

Wenn man eine rechte romantische Gegend, voll Abwechslung und Gegenständen mancher Art, durchwandern und besehen will, so darf man nur auf dem Wege am Schwarzwasser nach Breitenbrunn gehen. Für den aufmerksamen Freund der Natur hat diese Gegend gewiß viel wahren Genuß und Reitz, indem Erhabenheit und Ernst in immer neuen Scenen dem forschenden Auge sich darstellen.

Man geht zuerst von dem Schießhause vorbei auf der Chaussee; zur Rechten rauscht über große Steine schäumend das Schwarzwasser, an welchem sich der Rabenberg waldig emporhebt und längs demselben fortzieht. Links an dem schroffen Fuße des Heimbergs liegt ein kleines Wiesenthal ausgebreitet, worin man die sogenannte Finkmühle und die dabei befindliche Zinnschmelzhütte erblickt. – Weiter hinten, am Ende des Thals geht es nun ein wenig bergan und das Schwarzwasser macht einen Bogen rechts von dem Wege, daß man eine hübsche Wiese erblickt, über welche oben die Straße sich hinbeugt und Felsen und Gebüsche sich dehnen. Hier ragt am jenseitigen Ufer des Schwarzwassers ein kahler und steiler mit Felsenruinen verwahrter Gebirgsfuß hervor, vorn an der Spitze mit wenigen hohen, schwarzen Tannen bewachsen; gleich dahinter steigt wieder ein hoher, ebenfalls kahler, schroffer Berg auf, auf welchem ganz oben ein Gemisch von Fichten, Buchen und Felsen sichtbar wird. Gewiß ist der Anblick sehr schön, den man hier hat: neben sich die grüne Wiese mit ihrem Fels, an deren Ende das geschlängelte, rauschende Schwarzwasser, hinter welchem das kahle, steile Gebirge mit dünner Waldung und grauen Felsen ansteigt. Hier habe ich oft und gern verweilt. –

Der Weg senkt sich jetzt wieder hinab und bleibt nun durchs ganze Thal eben. Man kommt an eine Mühle, welche, von einem nicht großen Grasplatze hinten und zur Seite umgeben, jenseits des Schwarzwassers am Fuße des nun waldigen Gebirges liegt. Links dehnt sich jetzt ebenfalls eine Gebirgskette mit Waldung und weiß hervor schimmernden Granitblöcken fort, an deren Fuße unweit der Mühle ein Stolln, Namens Trau und bau auf Gott, befindlich ist. Krumm beugt sich der Weg dann um des Gebirges hervorragenden Fuß und so hat man bis jetzt links wieder eine neue, überraschende Aussicht.

Die Gebirgsseite ist eine Strecke fort meistens kahl und nur oben zieht sich der dunkle Forst hin, an dessen Saume man mehrere Reihen alter und neuer[18] Holzstöße erblickt. Weiter unten ragen hie und da aus einem Chaos von Gestrippe, Steinen, Moos und kleinen Gebüsche einige hohe röthliche Felsen auf, anmuthig von Buchen umschattet, welches ebenfalls einen überaus schönen Anblick gewährt. Zur Rechten das rauschende Schwarzwasser und der hinten aufsteigende, dichte Wald, aus welchem der Vögel frohe Gesänge tönen; über sich so hoch den Himmel, vor sich den mit dem Wasser parallel geschlängelten Weg und das ganze tiefe Thal, wie oben höhere Tannen majestätisch aus den Forsten ragen, wie dort zerschmetterte Stämme im Kreise mächtiger Granitblöcke trauern und aus dem Dunkel der Waldung ein scheuer Hirsch hervorlugt. Und immer begegnet man biedern aufrichtigen Menschen, auf ihren gesunden Gesichtern leuchtet Frohsinn und Zufriedenheit. Zufriedenheit, – auch wenn im Winter der häufige Schnee die Wege versperrt und die Thür der Hütte verschneit; muthig wird ein Weg gebahnt. Wenn Weib und Kinder frieren: rasch den Schlitten zur Hand, ringsum ist ja Wald,[19] wo man Holz holen kann; väterlich sorgte die Vorsehung! – Nicht wahr, ihr Erzgebirger, ihr lebt in keinem Siberien, wie Weichlinge euer Gebirge nennen? Uns, meine braven Landsleute, gefällts im Schooße unserer Thäler und Berge! – Selten und fast nie dringen zu uns die Gräuel und Schrecken des Krieges; wenn Andere mit vielem Blute sich Land auf Land erobern, genügt uns an einer Hütte und dem nöthigen Auskommen, wenn wir nur gesund sind und arbeiten können. O, wie glücklich leben wir auf unsern verschrieenen Bergen! –

Unter Abwechslung der Gegenstände, wie ich sie geschildert habe, kommen wir endlich auch an das sogenannte Teumerhaus, eine an dem Wege liegende Schenke; von hier bis nach Johanngeorgenstadt rechnet man eine starke Stunde, und für Reisende ist es wirklich gut, vorzüglich im Winter, daß sie hier ein Wirthshaus treffen.

Der Weg zieht sich immer links am Fuße des Gebirges fort und schlingt sich endlich um eine kleine, mit einer Mauer halb umrundeten Wiese; das Thal erweitert sich nun ein wenig und das Schwarzwasser macht rechts einen ziemlichen Bogen. Am Ende der Wiese links erhebt sich ein kolossalisches Felsengethürm, welches aus lauter großen, abgerundeten, viereckigten Felsenmassen auf einander geschichtet scheint, und dieser hohe Fels, so wie noch einige, die wir unterweges treffen werden, heißen die Hefenklöße.[20] Farbiges Moos und allerlei Gestrippe bedecken hie und da diesen Fels; schlanke, junge Tannen beugen sich aus den häufigen Ritzen und Klüften hervor und bedecken seinen Scheitel. Von vorn herab ist er, wie abgeschnitten und unersteiglich; wenn man ihn aber von der Bergseite erklettert, an welcher er sich emporhebt, hat man eine ziemliche Aussicht ins Thal. Grausen und Schwindel überfällt den Wanderer, der auf seiner Höhe weilt, und der bloße Gedanke schon, »wenn ich hinabstürzte« – treibt bleiches Schrecken und Zittern über sein Angesicht und seine Glieder. Ach! ihm würde auch nie wieder die Sonne scheinen, wenn er hinabstürzte; ehe er den Boden berührte, hätte des Todes Hand ihn zerschmettert! –