Vor sich sieht man eine unmerklich sich daher senkende, mit jungen Gebüschen, mit größern und kleinern Steinen und Stöcken überzogene Fläche, welche weiter unten mit den Steinbächer Wiesen und Feldern sich vereinigt. Seitwärts rechts auf einer kleinen Anhöhe hebt sich der Teufelsstein empor.
In der Gestalt dieses Felsens findet man wirklich die täuschendste Aehnlichkeit mit den Ruinen irgend einer alten Burg aus der Vorzeit; denn man nimmt nicht nur die deutlichsten Spuren mehrerer Fenster, sondern auch Thüren und Bogen daran wahr. Er steigt, wie eine Treppe, von der einen Seite zu einer beträchtlichen Höhe auf, und senkt von da sich auch so wieder auf der anderen Seite hinab. Ein interessanter Anblick, wie diese röthlich grauen Ruinen am Saume des Forstes aufragen, dessen schwarzes Grün einen lebhaften Farbenabstich erzeugt und das Romantische dieser Erscheinung vermehrt! Und wenn man den pausenweisen Klang der unfernen Zechenglocke hört, wenn man nicht weiter um sich sieht, sich auf Flügeln der Phantasie in die graue Vergangenheit zurück schwingt, wo Schilde und Speere klirrten: wahrhaftig man wähnt, es töne die heimliche Klosterglocke und ein Ritter Bruno oder ein Adelbert habe mit gewaltiger Macht vor etlichen Monden jenes Raubschloß zerstört; nun wird der steinige Boden grünend, von der Anhöhe herab dehnt sich der Burggarten, wo im Schatten der hohen Linden eine Adelheid oder eine Gertrud wandelt, der Minne erste, selige Gluth empfindend. Nun mahlt die Phantasie lebhafter und auf die angenehmste Weise diese Bilder weiter aus, und einer süssen Wehmuth Gefühl schauert durch die beklommene Brust. –
Aber aus der lieblichen Täuschung erwacht man bald, wenn man näher hinzugeht und mehrere senkrechte Spalten, und viele viereckigte, säulenförmige Felsenmassen wahrnimmt, welche, wie von Menschenhänden an und auf einander gestellt, den Teufelsstein bilden. Von vorn herab, wo wir jetzt unsre Blicke hinwerfen, ist der ganze Fels wie abgeschnitten, keine Möglichkeit findet sich hier, ihn zu ersteigen. Staunend blickt man ihn an und findet: daß der Mensch in seinen Werken nie die Natur nachzubilden vermag, daß ein kostbares Meisterwerk der Kunst, hier aufgestellt, viel verlieren würde. Aber der Mensch bildet auch nur nach seinen Idee'n Gestalten; noch fand man keine medizeische Venus[24] unter den Menschen und keinen attischen Eros,[25] und es fragt sich, ob der geübte Meisel des Künstlers den Stein, welcher verachtet am Wege liegt, nachbilden kann, so, daß man die Hand der Kunst nicht entdecke. – So fehlt auch den Felsen, die man bisweilen im Niederlande in vornehmen Gärten antrifft, weiter nichts, als daß man nicht wahrnehmen müßte, sie wären zusammengepfuscht. Aber um so herrlicher und erhabener ist der Anblick, wenn man an Gegenständen der Natur, wie z. B. an diesem Felsen, wahrnimmt, daß es scheint, als hätten Menschenhände es gethan; da dem doch nicht ist, so wie man bei künstlichen Felsen weiß, sie sind zusammengesetzt und sollen doch natürlich scheinen. Dieß verhält sich nun so auch im Allgemeinen; das Künstliche soll natürlich scheinen, und das Natürliche trägt Spuren der höchsten Kunst an sich. –
Es würde uns aber ein großer Theil des Genusses entzogen werden, wenn wir den Teufelsstein nicht erklettern sollten, und zu diesem Ende gehen wir auf die hintere Seite und bemerken zugleich, daß diese hohe emporragende Wand kaum 30 Zoll stark sei. Hinten lehnt sich eine andere Felsenwand an, daß man jedoch die Abgesondertheit Beider wahrnehmen kann, und auf dieser steigt man, freilich etwas beschwerlich und mit klopfendem Herzen, empor. Bald kommt man an ein paar fensterförmige Durchsichten; wem nun hier beim Herabblick auf die Gegend schon schwindlich wird, dem rathe ich nicht, weiter zu steigen, weil von jetzt an das Klettern bis zu den Spitzen des Felsens gefährlich wird. Jedoch wird man durch die erhabenste Aussicht vielfältig belohnt.
Tief unter sich sieht man nun den daran stoßenden Forst, und wie sich hie und da waldige und kahle Berge emporheben; sieht vor sich unten das weidende Vieh und schräg drüben die Wasserkunst beim Schimmel,[26] sieht, wie sich die Gestänge wimmernd an einander reiben, und weiter hinten Steinbach, man hört das Getöse der gereihten[27] Pochwerke und das Handthieren links auf der Straße. – Hinter sich sieht man die ganze Fläche von Waldung umzingelt, hinter welcher im verjüngtesten Maaßstabe der Schneiderfels hervorblickt und hinter diesem dehnt sich wiederum fern hinab der Rücken des Rabenbergs. Wahrhaftig es ist interessant, bei, um und auf diesem Felsen zu weilen. –
Wenn man das obere Gebirge bereis't, so beobachte man vorzüglich, einen Gegenstand aus verschiedenen, fernen Gesichtspuncten zu betrachten, sodann sich ihm allmählich zu nahen und dann seine übrigen Untersuchungen anzustellen. Eine allgemeine Regel kann man freylich nicht geben, weil die Lage und Form der Gegenstände, und sie selbst zu verschieden sind; aber nur jenen wissenschaftlichen Handwerkssinn[28] hege man nicht, wenn man die Schönheiten der Natur betrachten will, die dann nur schön sind, wenn man mit reinen Gefühlen und nach keinem idealischen Maaßstab sie betrachtet; wenn man die Natur kindlich ehrt. – So betrachtet den Teufelsstein, so seht von seiner Höhe gleichsam herab auf die Erde, ach! sie ist so schön, wenn man sich über sie erhaben sieht! –
Seitwärts in dem Forste findet man noch mehrere Felsen von verschiedener Gestalt, die aber, weil der Wald zu dicht um sie sich drängt, jenes Anziehende und Heimliche verlieren, welches wir bei dem Schneiderfelsen und dem Teufelssteine fanden und empfanden. Man trifft hier in der Nähe einen Fels, welcher ein bogiges, richtiges Thor bildet. – Die mannichfachen bunten Moosarten an den Felsen und auf manchen Bergen dienen auch dieselben zu beleben und zu verschönern. Ich fand Steine, welche, vorzüglich nach dem Regen, wie Veilchen dufteten, ja noch stärker und reitzender; die Ursache ist ein rothes, äußerst dünnes, jedoch sehr fest mit dem Steine vereinigtes Moos, welches aber nur an einer gewissen schwärzlichen Steinart gefunden wird. Dieser sogenannte Veilchenstein ist auch selten, ich fand ihn hinter der rothen Grube nach Sosa zu. Nicht genug rühmen kann ich den angenehmen Geruch, welchen dieser Stein, als ich im Frühherbste die Gegend durchwanderte, nach einem leichten, kurzen Regen von sich duftete. Uebrigens kam er mir nirgends wieder vor.