Von Johanngeorgenstadt nach Abend hin, ungefähr zwey Stunden weit, erhebt sich der Auersberg, welcher von dem sonst[29] häufig auf ihm sich aufhaltenden Auerwildpret diesen Namen erhielt. Von Eibenstock aus liegt er zwischen Morgen und Mittag, zwei Stunden weit; von Schneeberg aus aber liegt er gegen Mittag, und man rechnet bis zu seinem Fuße vier Stunden, wenn man nämlich über Sosa dahin reißt. Wie bekannt, ist dieser Berg nach dem Fichtelberge der höchste in Sachsen: er erhebt sich 2353 Fuß hoch über Wittenberg.

Man merkt, wenn man von Johanngeorgenstadt ausgeht, nicht seine Höhe so auffallend, denn von diesem Gebirge steigt er immer allmählig empor. Als Fremder findet man allein den Weg nicht, man muß einen Führer nehmen und um 1 Uhr früh, versehen mit geistigem Getränke und einem tüchtigen Frühstücke, (denn auf hohen Bergen wird man bald und oft hungrig) sich aufmachen, daß man vor Sonnenaufgang oben ist; denn das ist der herrlichste, erhabendste Genuß, hier den Fürsten des Tages aus seinem Rosenbette steigen zu sehen.

Angenehm ist von Steinbach aus der Weg freilich nicht, denn bisweilen ist es sumpfig, und Frauenzimmer mögen sich mit Stiefeln verwahren; dann geht man auf lauter quer gelegten Stangen den größten Theil des Weges hinan, immer von hohem, dunklem Wald umgeben. Es wird der Auersberg häufig von Fremden und Einheimischen besucht, und die letztern wallfahrten in ganzen Gesellschaften dahin. Von Eibenstock aus ist der Weg besser, aber man muß viel steigen, denn von Wildenthal aus hebt sich der Berg steil empor. Der angenehmste Weg ist von Sosa aus.

Der obere Theil des Berges (nicht, wie Merkel bemerkt, der höchste Punct) wird der Thurm genannt, indem Johann Georg I., welcher bei einer Jagd sich auf der Spitze des Berges befand und von der herrlichen Aussicht entzückt ward, einen hölzernen Thurm drauf bauen ließ, von welchem man jetzt aber wenig oder gar keine Spuren mehr findet. Dieser Scheitel des Berges ist ziemlich groß und eben, mit Riedgras und Beersträuchern weit bedeckt und auf der etwas tiefern Morgenseite zu von Waldung umrundet, welche aber der Aussicht keinen Schaden thut. Man trifft übrigens weiter unten nach Sosa zu hier und da tiefe Gruben, oft in Fels, welche aber nicht alle um des Bergbaus willen entstanden zu seyn scheinen, denn man nimmt nicht das geringste Merkmal irgend eines Aufsturzes oder einer Halde wahr; auch findet man Himbeere von unvergleichlichem Geschmacke.

Im Winter liegt der Schnee am höchsten und längsten auf dem Auersberge, ja, man findet in manchen Löchern zur heißesten Sommerszeit Schnee, welcher viele Jahre alt ist, wie man aus den Schichten des Laubes, die, vom Schnee eines Jahres bedeckt, vielfältig auf einander liegen, erkennen kann. Auch hält sich viel Wildpret um den Berg auf, freilich jetzt nicht mehr in so großer Anzahl, da die böhmischen Wilddiebe sonst truppenweise herüberzogen, das meiste wegschossen und auf Wagen ungescheut fortfuhren.

Ueber dem Auersberge steht äußerst selten, ja fast nie ein Gewitter, immer legen sie sich tiefer daran und es ist eine der erhabensten Scenen, wenn man im Sonnenscheine auf der Spitze des Berges steht und unter sich graue Wolken sieht, aus welchen Blitze flammen und Donner rollen. So stand einst Moses auf Sinai. –

O! welche unnennbare Gefühle zittern hier in der Brust des gefühlvollen Menschen, wenn er sich dem Himmel so nahe und die Erde so tief und klein unter sich sieht! Wie eitel, wie lächerlich erscheint ihm hier alles Treiben und Streben der Menschen nach armseligen Gütern, wie klein erscheinen ihm dann die angstvollen Wünsche, die sie nur für die Erde hegen! Mitleidig blickt er auf ihre Fehden und Kriege hinab, mitleidig auf die Götter der Erde, die sich da unten so groß dünken. – So gieng einst auch Jesus auf hohe Berge, denn hier fühlte er die selige Nähe seines himmlischen Vaters, hier sprach er mit ihm und überdachte den heiligen Plan zur Rettung der Menschheit! –

Doch, es sey mir erlaubt, eine Reise zu erzählen, welche ich einst mit einigen meiner Jugendfreunde von Schneeberg aus nach dem Auersberge machte. Es ist dieses gewiß eine unterhaltende und belehrende Geschichte. –

Es war in einem Juliusmonate und die schöne Witterung versprach Dauer, als wir beschlossen, eine Reise auf den Auersberg zu machen, welchen wir so oft in seiner Ferne schon betrachtet hatten. Wir wurden einig, uns so einzurichten, daß wir des Nachts auf der Spitze des Berges bleiben könnten, um dann früh desto gewisser den Aufgang der Sonne zu sehen. Daher versahen wir uns mit Lebensmitteln und zum Theil auch mit Säbeln, und traten froh und heiter um 1 Uhr Mittags unsre Reise an; giengen über Zschorlau nach dem Schindlerschen Blaufarbenwerke und kamen von da nach Sosa. Ich will hier die Anfangsbuchstaben der Namen meiner Freunde hersetzen, damit, wenn sie dieses Buch lesen sollten, sie sich an mich und an die originelle Reise erinnern. W–r und Oe–l aus J**, F–r aus A**, K–sch aus S**, und H–n aus H**; vielleicht wird sich der letztere noch seiner Ausruffungen an den Mond und seines Durstes, und die Andern Alle sich der interessanten Scenen des Nachts auf dem Berge erinnern! –