Unerfahren in solchen Reisen, war schon bei unserer Ankunft in Sosa unser Proviant aufgezehrt, daß wir uns mit frischem versehen mußten, wozu wir Schnaps[30] und Bier fügten, ein Jeder hatte das Seine. – Man rieth uns, es war gegen 6 Uhr Abends, in Sosa sehr ab, des Nachts auf dem Berge zu bleiben, weil uns sehr frieren würde; aber, wie nun einmal junge Leute sind, wir lachten und bestellten einen Führer, welcher uns bis an den Fuß des Berges leiten sollte. Er erschien und wir traten die abentheuerliche Wanderung an.

Der Weg gieng durch ein schönes, mit Wiesen, Feldern, Bächen und Büschen geschmücktes Thal, in welchem schon einige Dämmerung herrschte. Aus dem Walde zu beiden Seiten drangen die Abendgesänge der Vögel an unser Ohr, die Purpurstrahlen der Sonne mahlten die Wipfel der Bäume und hie und da begegneten uns heimkehrende Feldarbeiter und Bergleute, welche uns nicht wenig anstaunten; denn unser Zug mochte auch besonders in die Augen fallen. Voran der Führer, dann einzeln nach einander, weil der Weg schmal war, wir Wanderer mit Flaschen und Gewehr belastet. –

Nie kann ich aber das romantische Thal vergessen, durch welches wir giengen, so abwechselnd, so heimlich und doch freundlich. Jetzt war zur Rechten Tannenwald und zur Linken Laubholz mit Felsen, jetzt umgekehrt hatten wir Nadelholz zur Linken und Buchen zur Rechten; jetzt giengen wir durch gewässerte Wiesen, jetzt zwischen Aeckern und Gebüschen, und ein murmelnder Bach blieb stets uns zur Seite. Endlich kamen wir an dem steil aufragenden Fuße des Auersbergs an und blickten beklommen an der mächtigen Höhe empor, nicht ahnend, daß wir nun noch über eine Stunde zu steigen hatten. Unser Führer stieg eine Strecke mit uns empor und zeigte dann, in welcher Richtung wir uns halten müßten, wünschte uns gute Nacht und verschwand.

In Sorgen des Weges und in Furcht (ich will es nur gestehen) vor Wilddieben stiegen wir empor, fest entschlossen, uns mit keinem Blicke umzusehen, damit wir die Aussicht dann doppelt genießen möchten. Wir kamen nun an einen Absatz des Berges, ungefähr in der Mitte der Höhe; hier zog sich eine schmale Seite des Waldes hervor, mit einzelnen Granitblöcken, welches angenehm auffiel. Wir kamen an mehrere der erwähnten Gruben, in welchen ewiger Schnee blinkte; uns schwitzte sehr, und der Contrast der Jahreszeit mit diesem Schnee regte unsern Durst, daß die mit genommenen Flaschen Bier es empfanden.

Wir kamen sodann an den Theil des Berges, welcher der Thurm heißt und wurden froh, weil wir das Ende unsers Steigens und das Ziel unserer Reise nun bald erreicht sahen. Jetzt wurde es etwas waldiger, wir drängten uns durch Gebüsche, immer emporsteigend, bis wir endlich, und mit welchen frohen Gefühlen! auf die Spitze des Berges kamen. Wir ersahen uns ein bequemes Plätzchen, warfen unser Gepäck hin und uns daneben nieder, um auszuruhen; es wurde gegessen, getrunken, gescherzt und unterhalten. Acht Uhr war vorbei, aber auf dem Berge war es nach dem Stande der Sonne etwa erst fünf Uhr. –

Nachdem wir uns gelabt und erholt hatten, wurde Anstalt gemacht, (umgesehen hatten wir uns wenig oder gar nicht) eine Hütte von Reisig aufzubauen, worein wir uns des Nachts legen könnten. Wir fiengen daher an, mit unsern – Säbeln Aeste und junge Bäume abzuhauen, sammelten eine Menge dürres Holz zu einem Feuer und nun gieng der Bau an. Nach einer Stunde stand die kleine Hütte fertig, vor der Thüre[31] derselben loderte ein Feuer und die ganze Scene schien einer Niederlassung unstäter Nomaden oder Apenninischer Rinaldo-Truppen[32] nicht unähnlich zu seyn; denn die Andern hatten sich um das Feuer gelagert und schmauchten ein Pfeifchen. Aber ich strich noch auf dem Scheitel des Berges herum, mich umzusehen, es war 10 Uhr vorbei.

O Gott! wie ward ich überrascht, als ich hin nach West blickte und die Sonne, ohne Strahlen, wie eine Rubinkugel, glühend am grauen Horizonte hinab sinken sah! – Alle Sterne funkelten am Himmel und in seinem Silberglanze strahlte zugleich der Mond, von der Erde unter mir war nichts zu sehen, ein weißer Nebelschleier wallte darüber. Der Anblick griff mich zu mächtig an, ich wußte nicht mehr, wo ich war, als ich Sonne, Mond und Sterne am Himmel, Tag und Nacht zugleich sah; und nun die erhabene, schauerliche Stille, welche nur bisweilen ein rauher Windstoß durch den Forst unterbrach! – Ich wollte weinen, und wußte nicht, warum, – beten wollte ich und konnte nichts denken, und so starrte ich in der höchsten Bewegung meines Geistes umher. Alles war so friedlich, so ruhig, und lieblich winkten die goldnen Sterne mir: – da ward mir leichter, da sank eine drückende Last von meinem Herzen, da fühlte ich mich plötzlich dem Himmel näher, ich stand vor dem Throne der Gottheit und trunken schwebte ich durch das Reich der Sterne hin … ewig war der Raum, mein Flug ein Gedanke, meine Bahn zwischen Sonnen, ach! und ich konnte sie nicht beenden … des Raumes Ewigkeit warf den zitternden Jüngling wieder auf seine Erde. – »O! wäre es mir – seufzte ich – nur vergönnt, so ewig auf Erden zu leben! Warum muß ich wieder vergehen, ohne zu wissen, was ich war, wo ich war? Das wäre grausam, wenn ein Gott ist.« – – Und da sank schnell die Sonne hinab, ich schauerte zusammen; – »Ja! – rief ich – ja, ich sinke! Aber ich gehe auch wieder auf, gehe strahlend wieder auf!« – Mein Geist rang mit einem Heere schrecklicher Zweifel, endlich besiegte er sie, mit Sonnenlichte strahlte der göttliche Gedanke Unsterblichkeit in mir auf: und lieblicher winkten alle Sterne mir, und freundlicher lächelte der Mond auf mich. Beruhigt, getröstet und heiter kehrte ich zu meinen Freunden zurück. –

Diese hatten nichts mehr zu trinken, und waren von Durst und von Ameisen[33] geplagt. Längst schon waren Zwei fort, um Wasser aufzusuchen, aber noch nicht zurück gekehrt, daß wir unterdessen viel Angst ausstanden; endlich kamen sie und brachten – mehrere Flaschen Bier, statt Wasser, welches sie, man denke die Aufopferung, aus Wildenthal herauf geholt hatten. Dankbar gegen sie labten wir uns und legten uns einmüthiglich in die Hütte, um ein wenig zu schlafen, es war 12 Uhr Mitternachts.

Kaum hatten wir uns an einander gelegt, um uns zu wärmen, denn über die flache Bergspitze daher strich ein kalter Nachtwind, da pfiff man plötzlich in einiger Entfernung von uns zweimal stark auf dem Finger … wir fuhren erschrocken auf und griffen – ängstlich nach unsern Gewehren. Noch einmal pfiff es jetzt, daß der Wald gellte, wir hoben uns langsam und leise empor und fürchteten schon, von Wilddieben angefallen zu werden,[34] gossen daher Bier auf die glimmenden Kohlen, damit wir dadurch nicht bemerkt würden. – Horch! da raschelt es durch das Riedgras langsam über den Scheitel des Berges daher … Keiner von uns wagte erst, aus der Hütte zu sehen; endlich gewahrten wir ein hohes, schlankes Reh nicht weit von uns vorüber trippeln, welches gerade auf die Gegend hinab, woher der Pfiff gekommen war, zulief, lange noch hörten wir das Geräusch seiner Tritte, bis es nach und nach verschwand. – Plötzlich gieng ein Büchsenschuß auf, der, von dem Echo vervielfältigt, schauerlich durch die Thäler der Nacht dahin krachte, und nicht lange darauf hörten wir im Thale auf der Mittagsseite einen Wagen rollen. Es war also gegründet, daß böhmische Wilddiebe in unserer Nähe gewesen waren. –

Wir hatten nun nicht eben die größte Lust, mehr zu schlafen, sondern standen auf und machten wieder Feuer an, während dessen sahen wir in Böhmen ein ziemliches Feuer aufgehen; wir nahmen das Fernrohr zur Hand und bemerkten, daß zwei Scheunen wegbrannten.