Ein Uhr war jetzt vorbei und schon stieg am östlichen Himmel die Morgenröthe auf, und reiner und schöner strahlte ihr purpur goldener Saum; auch der Scheitel des Berges fieng jetzt an, sich hie und da zu röthen, einzeln verloschen schon am Himmel die Sterne, bleicher wandelte Luna und kehrte allmählich ihr Angesicht nach dem blühenden Sonnengotte, welchem funkelnd Venus voraus wandelte.[35] Aber auf der Erde drunten war noch Nacht und Dunkel; kein Berg, kein Thal, kein Wald, keine Stadt, nichts war zu unterscheiden, alles war eine ewigragende Finsterniß; aber Verklärung herrschte auf dem Berge.
Ach! es wäre doch grausend und schrecklich gewesen, wenn auf immer die Erde so von mir wäre getrennt geblieben, wenn ich nicht mehr unter den Menschen dieses Lebens hätte wandeln können, nicht mehr von ihnen geliebt und gehaßt, belohnt und betrogen worden wäre und so einsam immer auf der Spitze des Berges hätte weilen sollen! Man leidet und duldet gern, wenn andere leiden und dulden, aber man genießt alle Seligkeiten doppelt, wenn man sie als Mensch unter Menschen genießt. –
Immer lichter und goldener wurde es in Osten, immer weiter am Himmel verbreitete sich ein hehrer Glanz; ein Fleck war jetzt der strahlende Verräther der Sonnenbahn, sichtbar erhöhte sich das Licht, die Vögel des Waldes auf der Höhe des Berges wachten auf und sangen so schön, eine wärmere Luft strich über unsere Wangen, – und da hob sich in weißer Gluth, neu und vergnügt die liebe Sonne am fernsten Horizont langsam empor. Ihr erster Strahl traf uns und die Spitze des Berges. Unter uns war alles noch finster und still, weiße Nebel wallten durcheinander, bis endlich nach und nach die Sonne höher stieg, durch ihre allmächtigen Strahlen die Nebel zerriß und zerstreute, und magisch uns die Menge der Städte, Dörfer, Häuser, Felder, Wälder, Berge und Felsen enthüllte und darstellte. Dieser Anblick war äußerst überraschend und herrlich! –
Wir konnten mit bloßen Augen viele Meilen weit ziemlich deutlich im Umkreise umher blicken und durch Hülfe des Fernrohrs uns besser von den Gegenständen überzeugen und mancherlei neue entdecken. Wir konnten gegen Abend hin das ganze Voigtland und die verschiedenen Herrschaften, die ganze Zwickauer Gegend, nach Mitternacht hin die Schönburgischen Landschaften mit ihren Schlössern und Ruinen und die dahinter sich anschließenden Gegenden erkennen. Nach Morgen zu das untere Erzgebirge und ein Theil des Meißner Landes, woran sich weiter oben Böhmen anschließt und dann in einem halben Kreise nach Mittag bis Abend hin sich ausbreitet. Zwischen Morgen und Mittag ragt aus mehrern größern und kleinern Bergen stolz der waldige Fichtelberg empor und schielt neidisch herüber auf seinen kleinern Bruder; weiter hin nach Morgen der grabähnliche Pöhlberg[36] und alle die darum liegenden Berge. Näher vor sich sieht man den Riesenberg, einen ziemlich hohen, kahlen, mit ruinförmigen Basaltfelsen auf der Spitze ausgezeichneten Berg, und so gegen Mittag hin nimmt man viel hohe Berge in Böhmen wahr, worunter sich vorzüglich ein mit hellgrünen Steinen bedeckter, auszeichnet. Wir hatten eine entzückende Aussicht! – Nun wollten wir auch nach dem lieben Schneeberg sehen, lange mußten wir suchen, und wie groß war unser Staunen, als es tief, tief da unten so klein und unbedeutend lag, daß wir unsern Augen kaum trauten. So gieng es uns mit mehrern näher liegenden Orten, wir mußten, ob sie schon auf Bergen lagen, sie doch in der Tiefe aufsuchen.
Wenn die Luft rein und hell ist und man ein gutes Fernrohr hat, kann man sich viel Vergnügen und zugleich manche Belehrung über die Lage und Form verschiedener Städte, Dörfer und Gegenden verschaffen, ob man sie gleich mit keinem Fuße betreten hat; man kann, und zwar mit Wahrheit, versichern, diesen und jenen Ort wirklich gesehen zu haben, ohne in die Gegend gekommen zu seyn. –
In dem Walde um und unter uns wurde es nach und nach immer lebhafter; wir hörten fleißige Holzäxte klingen, hörten das Rasseln der Wagen in den nahen Thälern, (des Wildenthaler Blechhammers monotonische Schläge hatten wir die ganze Nacht hindurch gehört) und den schwebenden Schall der Frühglocken, das frohe Gebrülle des Viehes, das man auf die Weide trieb, und den schönen Gesang der Vögel. Es war entzückend, unvergleichlich erhaben, jetzt auf dem Berge zu weilen. In Thränen hätte man vor Wonne vergehen mögen! – –
Lange noch senkten wir die trunkenen Blicke umher auf die Gegend, wo wir immer mehr neue und interessante Gegenstände und Scenen auffanden. Endlich aber, von Hunger und Durst geplagt, schickten wir uns zur Rückreise an, welche wir auch vergnügt und glücklich vollendeten.
Nach mehrern Jahren reißte ich wieder einmal auf den Auersberg und fand die Ruinen unserer damaligen Hütte noch, worüber ich die lebhafteste Freude empfand, denn dadurch wurde ich an manche frohe Stunde erinnert, die ich nie wieder so genießen werde.
Reiche Leute könnten sich recht verdient um den Auersberg machen, wenn sie eine nicht zu hohe, steinerne Gallerie auf die Spitze desselben bauen ließen; die Aussicht gewönne dadurch ungemein, man hätte mehr Bequemlichkeit, und in der Ferne würde dieß dem Berge ein interessanteres Ansehen geben. – Steine giebts im Gebirge, auch arme Leute genug, die sich etwas verdienen möchten und könnten! –