Der Aufgang der Sonne auf dem Auersberg bei Eybenstock.
Eine Novantike für Freunde der Natur.[37]
Den 12ten July 1793.
Hab ich mir je gewünscht ein Dichter zu seyn: so hab ichs heute. Heute habe ich die Sonne auf dem Auersberg aufgehen gesehen. Eine Erscheinung, Freund, die schon von vielen Dichtern lebhaft besungen und von Prosaikern beschrieben worden; deren Beschreibung aber doch das Gefühl in mir nicht rege gemacht hat, als es die Natur diesen Morgen selbst in uns hervorbrachte. Sey es nun, daß das frühe Erwachen, die Morgenluft und die mit ihr vereinigte Bergluft, die höhere Region, in welcher wir uns befanden, zu unserer Stimmung für Freude und reine Naturgefühle das Ihre beygetragen haben: genug, ich muß Dir gestehen, daß ich solche Empfindungen nie in mir gefühlt habe: ob ich schon die Sonne oft, aber auf der Ebene, habe aufgehen sehen. Ich will dir ohne allen dichterischen Schwung die Erscheinung, so gut ich kann, beschreiben.
Um 12 Uhr des Nachts machten wir uns in Eybenstock auf den Weg; denn wir hatten volle 2 Stunden, einen ziemlich ungebahnten Weg bis auf die Spitze des Auersberges, der Thurm genannt, zu steigen. Unser Weg bis an den Abhang, welcher sich in das Thal der großen Bucke hinabstürzt, war fast eben. Aber auf einmal als wir uns dem Abhang näherten, wo wir gegen über wieder aufwärts klettern mußten, wurde unser Pfad kritischer. Vorsichtig und in Gefahr hinab zu rollen, stiegen wir in das Thal der großen Bucke hinab, und befanden uns, so viel als die Schatten der Nacht urtheilen ließen, in einem sehr engen, auf beiden Seiten mit hohen Gebirgen und freistehenden Felsenwänden umgebenen Thal eingeschlossen. Der einzige Ort wo wir ins Thal herab gestiegen waren, machte es zugänglich. Von hier aus stiegen wir wieder in einer von freystehenden Felsen gebildeten, mit hohen Bäumen bewachsenen und durch zerstreut umherliegende Felsenmassen fast unwegbaren Schlucht aufwärts. Das durch die Hitze der vorigen Tage ausgetrocknete Moos und die durch die schattichten Bäume noch dunkler gemachte Nacht, erschwerte unser Steigen ungemein. Unsere Schuhe wurden so glatt, daß wir aller Versuche ungeachtet, uns nicht immer aufrecht erhalten konnten; und die Dunkelheit erlaubte es nicht uns bequemere Fußtritte auszusuchen.
Unter solchem mühvollen Aufwärtsklettern waren wir endlich auf der Spitze des Berges angelangt. Heller als das Thal war die Region in welcher wir uns befanden. Wir konnten die wenig entfernten Gegenstände ziemlich genau unterscheiden. Die schwarze Farbe die über der Süd-, Nord- und Oestlichen Gegend ausgebreitet war, ließ uns Waldung vermuthen; auch bestätigte die Aussage unsers Führers unser Urtheil. Diese schwarze Farbe war aber auch jetzt alles, was wir in einiger Entfernung unterscheiden konnten; denn es war finster auf der Tiefe. Die Nacht lag noch mit ihrem bleyernen Zepter über der Gegend um uns her, indeß in Osten die weißen Sonnenstrahlen den Schimmer der Sterne verbleichten, und nur die hellglänzende Venus allein übrig ließen. Diese ersten Bothen des werdenden Tages veränderten ihre Farbe aus einem ekelhaften Grau bald in ein helles blendendes Silberweiß: und ihr Abglanz erhellte den Ort unsers Aufenthalts. Noch immer bedeckte Dunkel das Erdreich, und Finsterniß die schlafenden Völker; doch die Umrisse der Gebirge wurden mehr bemerkbar. – Jetzt verlohr auch Venus ihren Glanz und verbarg ihr reizendes Gesicht hinter den Strahlen des Taggestirns als einen undurchsichtigen Schleier. – Jetzt röthete sich tief im Osten der Horizont, aber bald fuhr sie höher herauf, Aurora, die Hoffnung des kommenden goldhaarigen Phöbus. – Goldene Strahlen warf der Schneeberg[38] in Südwest uns zurück, und machte ihn durch sein Leuchten in der Entfernung kenntbar. – Jetzt war es ganz Tag bey uns, jetzt umtönte uns der Gesang der erwachten gefiederten Waldbewohner; und doch ruhete noch Nacht auf der Tiefe. Noch konnte man Eybenstock nicht deutlich unterscheiden. Die schlängelnden Krümmungen der Thäler waren mit einem sanften Milchflor ähnlichem Nebel bezeichnet. Das Morgenroth, das der Sonne voraus gieng, hatte so eine brennende Purpurfarbe, daß unsere Augen seinen Anblick kaum vertragen konnten; und wir erwarteten jeden Augenblick den Hervortritt des jungen Phöbus. Eine neidische schwarze Wolke am Horizont entzog uns die ersten Strahlen noch wenige Augenblicke. Auf einmal aber brach, über die neidische siegend, der erste Strahl der Sonne gleich einer Fackel hinter einem Vorhang hervor gebracht, so durchdringend hervor, daß unsere Augen thränend wurden. – Die beyden Basaltberge, der Pöhl- und Bärnsteiner Berg, bildeten ein Thor, durch welches die Sonne sich den Eintritt über den Gesichtskreis eröfnete. Um uns her glänzten der Berge Spitzen – und die Schatten der Thäler zerstreuten sich immer mehr und mehr. Zween Hirsche zogen sich von den Feldern in ihre dicken Schlupfwinkel langsam mitten am Auersberge zurück. Gerührt über das majestätische Schauspiel der Natur hatte es keiner von uns gewagt, ein lautes Wort zu sprechen: – so mächtig wirkte diese erhabene Naturscene auf unsere Empfindung! Der dumpfe Schall des Hammers im Thal der großen Bucke tief unter unsern Füssen gelegen, versetzte uns auf einmal in Gedanken auf die Spitze des Aetna, und wir wähnten, das Getöse der einäugigen Cyclopen in ihrer Werkstatt zu hören, und erzitterten über den etwanigen Ausbruch eines Feuerstroms aus dem Bauche des Berges. – Jetzt hatte sich eine Aussicht über eine Fläche eröfnet, die nur gesehen aber nicht beschrieben werden kann. Das erste was uns in die Augen fiel, waren die Merkmale, daß die Bewohner der vor uns liegenden Städte und Dörfer nach und nach erwachten. Dicke senkrechte Rauchsäulen stiegen aus ihren Wohnungen hoch in die Luft empor, wo sie durch Strahlen der Sonne zerstreut wurden und erinnerten uns, daß die erwachten Einwohner dem arabischen Gotte in diesen frühen Morgenstunden ein Rauch- und Trankopfer zu bringen schon bemüht waren.
In Südwesten ragte über die nahen Gebirge in blauer Entfernung der schon erwähnte Fichtelberg hervor. Weiter gegen Westen breitete sich ein Theil des Voigtlandes, des Erzgebirges, des Altenburgischen und des Schönburgischen, wie eine Landkarte aus. Dörfer und Städte, Thäler, Hügel und Berge, Fruchtland und Waldungen wechselten so angenehm und so frey ohne gezwungene Ordnung mit einander ab, daß wir uns davon kaum loszureissen vermochten. Eibenstock, Schneeberg, Zwickau, Crimmitschau, Altenburg, Hohenstein, Lichtenstein, Annaberg, Scheibenberg waren mit bloßen Augen ohne Schwierigkeit zu unterscheiden. Und die Menge Dörfer, welche vor uns lagen, lassen sich nicht alle herzählen. Gegen Nordosten lag der König der sächsischen Gebirge und bedeckte die Aussicht in das ebene Land Böhmens. Südöstlich lag Johanngeorgenstadt in einer Einöde rund mit Waldungen umgeben; und weiter südlich war, so weit das Auge reichte, die Waldung kaum durch ein einzelnes Waldhaus unterbrochen. Jetzt wünschten wir den Thurm wieder hergestellt, welchen einst ein sächsischer Regent auf die Spitze dieses Berges zu seinen Vergnügen, wenn er hier jagte, hatte bauen lassen; wovon auch noch die Spitze des Berges der Thurm genannt wird; träumten uns dann die ungleich größere Aussicht, dachten uns unser Auge mit einem Herschelischen Telescop bewaffnet! Die Erde, welche nun jetzt schon so groß, so schön sich uns darstellte, würde es gewiß dann noch mehr seyn; und welchen Horizont hätte hier der Astronom!
Mit einem Wort, ich kann dir die Freude nicht beschreiben, welche ich diesen Tag auf dem Auersberg genossen: unvergeßlich wird er mir seyn, denn zu tiefe Eindrücke haben alle, die von mir daselbst zum erstenmal gesehenen Erscheinungen in meiner Seele gemacht. Noch eine Bemerkung, welche ich diesen Morgen beym Aufgang der Sonne machte, muß ich dir mittheilen. Ich erinnerte mich an die Urgeschichte der Welt, und überzeugte mich fest: Moses, oder wer der Verfasser derselben ist, hat auf einem hohen Berg den Aufgang der Sonne gesehen, und bei der Beschreibung der Schöpfung kopirt; denn alle Erscheinungen folgten fast in der von ihm angeführten Ordnung.