In Merkels, von Engelhardt neu herausgegebener Erdbeschreibung von Sachsen im ersten Bd. S. 201. ließt man Folgendes:

»Die Gegend über Eibenstock, Johanngeorgenstadt, Wiesenthal, Jöhstadt u. s. w. bis nach Böhmen auf der einen, und bis ins Voigtland auf der andern Seite, nennt man gewöhnlich (??) das Sächsische Siberien, ein Name, der freilich paßt, wenn man jene Gegenden mit Meisnischen oder Thüringischen vergleicht. Denn man erblickt dort, ausser etwas kärglichem Ackerbau, fast nichts, als Wald und Wüstung. Der Schnee liegt gewöhnlich 2–3 Ellen, in den Hohlwegen wohl 20–30 Ellen, tief, und schmilzt immer erst spät im Frühjahr, oft kaum vor Johannis. In einer Nacht verschneit gleich Haus und Hof, daß ein Meisner oder Thüringer etc. nicht wissen würde, ob er in Sachsen oder Siberien sei.« – –

Da Herr Engelhardt das Meiste aus handschriftlichen Nachrichten erfahren hat, so mag die angeführte Stelle auch aus einer dergleichen Nachricht vielleicht herrühren. Denn der verdienstvolle Herr Herausgeber würde sich gewiß bedacht haben, dieses einzurücken, wenn er die Gegenden bei Johanngeorgenstadt und Eibenstock durchwandert hätte, und Derjenige, welcher ihm jene Nachricht überschickte, hat entweder dabei besondere Absichten gehabt, oder er ist nicht weiter, als vor die Thüre gekommen. – Mir sowohl, als mehrern unpartheiischen Erzgebirgern, welche die Gegenden gewiß kennen, in welchen sie leben, kam es sehr lächerlich vor, daß man wähnen kann, in diesem Theile des Gebirges bloß kärglichen Ackerbau, Wald und Wüstung zu erblicken; daß ferner der Schnee in den Hohlwegen 20–30 Ellen tief liegen soll. Das ist nun wahrlich übertrieben! – Denn man stelle sich nur vor, wenn der Schnee 20–30 Ellen in den Hohlwegen liegen soll, müssen diese natürlich selbst so tief seyn;[39] aber ich kann behaupten, daß es in dortiger Gegend nicht einen solchen Hohlweg gebe. Der Boden ist steinigt und fest, und kann so tief gar nicht durchgefahren werden, man würde sehr bald auf Felsen stoßen, womit die ganze Gebirgskette versetzt ist; übrigens ist auch das Fuhrwesen gar nicht so stark und häufig. Der Begriff überhaupt, welchen man hier den Meisnern und Thüringern von dem obern Erzgebirge geben will, ist nun wohl ein wenig überspannt und falsch. Nicht ein Winter ist wie der andere, und man findet, wenn im Gebirge ein großer Schnee gefallen ist, auch in Meißen und Thüringen nicht wenig, wie ich sehr wohl weiß. – Es giebt sogenannte Spaßvögel, welche in den andern sächsischen Provinzen die fadesten Lügen[40] von dem obern Erzgebirge gesagt haben. Verständige Leute sollten daher nicht Alles unbedingt glauben, das Ungewöhnliche nicht für das Gewöhnliche halten und weniger partheiisch seyn!! –


6.
Der Weg von Sosa nach dem Schindlerischen Blaufarbenwerke.

Von Unterblauenthal kommt man nach Sosa, ein ziemliches Dorf, dessen Einwohner sich theils vom Bergbau und Spitzenklöppeln, theils aber vom Arzenei verfertigen und Vitriolbrennen nähren. Man trifft, sogar in den entferntesten Gegenden, bisweilen Bergleute mit Arzeneikästen, welche meistentheils aus Sosa sind. Eigentlich sind es keine gewöhnlichen Bergleute, sie kleiden sich blos aus besonderer Anhänglichkeit in bergmännische Tracht.

Sosa liegt in einem schönen Thale, zwei Stunden von Johanngeorgenstadt, von einem Bache durchschnitten und auf den beiden Bergseiten von Feldern und Büschen umgeben. An dem untern Ende des Dorfes fängt sich ein dichter, finstrer Wald an, welcher sich bis an den Ausgang des Thales fortzieht und wodurch der Weg nach dem Schindlerischen Blaufarbenwerke geht. Aber man stelle sich unter Weg hier ja nicht das vor, was eigentlich mit diesem Begriffe verbunden ist. Es ist vielmehr ein ganz schmaler, oft steiniger, oft lehmiger Pfad, der hier und da plötzlich verschwindet und eben so plötzlich wieder sich zeigt; Gestrippe und Aeste verwirren des Wanderers Fuß, daß man äußerst vorsichtig gehen muß, um nicht Schaden zu nehmen. – Man geht dem Waldbach anfänglich immer rechts zur Seite, aber weiter unten muß man öfters herüber und hinüber springen, um fortkommen zu können. Es ist ein schauerliches, stilles Thal, welches man hier durchwandert, nur selten sieht man den Himmel, kein Vogel singt hier, kein Blümchen duftet hier, ewiger Wald bedeckt Alles mit grauenvoller Finsterniß und eine Kühle, wie in Leichengrüften, herrscht darin. Banger Schauer schüttelte meine Glieder, in unerklärbarer Furcht pochte mein Herz, als ich das erstemal dieses Thal durchwanderte; oft sah ich mich ängstlich um, jedes Knarren einer alten Tanne, jedes unbedeutende Geräusch erschreckte mich Einsamen, kein lebendiges Wesen war zu erblicken, und dennoch freute ich mich in der Beklommenheit meiner Brust dieses wilden Thals. Bald mußte ich über schlüpfrige Wurzeln, bald über Gestripp und Steine klettern, bald über den Bach setzen, bald durch dichte Gebüsche mich drängen, bald auf einem handbreiten Ufer, an herab hängende Aeste mich festhaltend, klimmen, bald hinan, bald herabsteigen. Weiter unten erhoben sich zu meiner Linken weißgraue Felsen aus dem grünen Dunkel empor, welche hier und da mit Moos bedeckt waren. Dieses überraschte mich sehr, und nach einer kleinen Strecke kam ich an einige schlüpfrige über den Bach gelegte Hölzer, auf welchem Wege ich dann einen Fahrweg erreichte, der bis an den Ausgang des Thals führt. So sehr Furcht und Grauen das Herz des Wanderers füllten, als er sich in diesem langen, schauerlichen Thale einsam und verlassen sah: um so größer war die freudige Ueberraschung und das Erstaunen bei dem Ende dieses Thals.

Aus dem schaurigen Dunkel des schweigenden Forstes trat ich plötzlich in ein breites, grünes, freundliches Thal, durch dessen Mitte hinab die Mulde sich schlängelte; Blumen prangten hier, Vögel sangen fröhlich, die Wellen des Flusses schlugen plätschernd an die Ufer, über mir war so rein und klar der Himmel ausgespannt und eine warme Luft umwehte mich. Ich kann nicht sagen, wie angenehm ich überrascht war, mit welchen frohen Gefühlen ich umherblickte; mir war, als sei ich einer Gefahr entgangen, als käm ich aus dem Todtenhaine des Tartarus in die freundlichen Gefilde Elysiums. – Zu beiden Seiten sah ich die sehr hohen Gebirge mit vermischter Waldung bedeckt, an deren Saum hier und da Felsen von Buchen umschattet aufragten; vor mir erblickte ich das große, steinerne Wehr, auf dessen mittelsten Pfeiler ein weißes Monument daher blinkte, welcher Anblick ausserordentlich viel romantisches in sich faßt. Ich gieng nun weiter und kam auf das Wehr, welches zugleich eine Brücke über die Mulde bildet. Es ist aus lauter Quaderstücken auf dem felsigen Bette des Flusses gebaut und man hat hier zugleich den angenehmsten Anblick eines, wenn auch nicht hohen, aber doch starken, Wasserfalls; mit Pfeilesschnelle strömt das klare Wasser über die schrägen Quadersteine und stürzt dann schäumend und siedend sich in die klippenvollen Bassins hinab, wo es nun murmelnd weiter fließt. Ein dumpfer, ewiger Donner herrscht hier. Das weißmarmorne Monument auf dem mittlern Pfeiler ist einfach und geschmackvoll; es ist zur Erinnerung an den verstorbenen, verdienstvollen Factor Bauer auf dem Schindlerischen Blaufarbenwerke errichtet. In einem Oval ist eine lateinische Innschrift, welche sich ungefähr so anfängt:

En petrarum molem perennem! Perennis quoque sit memoria etc.