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Das Vogelstellen im Herbste.
Es ist nicht zu berechnen, welch' eine Menge Vögel, und meistens Krametsvögel, alljährlich nur im obern Erzgebirge auf allerlei Art und Weise gefangen wird, und der Vogelfang selbst macht ein vorzügliches Vergnügen des Erzgebirges aus. Um Michaelis geht gewöhnlich das Vogelstellen an und ich werde hier alle die verschiedenen Arten des Fanges aufzählen und beschreiben.
Um kleine Vögel, meistentheils Roth- oder Blaukehlchen, zu fangen, bedient man sich der Tränke. Zur Zeit, wenn kleine Bäche früh schon ein wenig zu gefrieren, sucht man in einem nahen Waldthale einen solchen kleinen Bach, deren es viele giebt. Diesen bedeckt man nun eine große Strecke weit mit dichtem Fichten- und Tannenreißig, läßt aber hier und da kleine Lücken, daß das Wasser hervor blinkt, und bringt darin viereckige Rahmen von dünnen Bretchen an, worin man Leimruthen fest steckt. Dieses Alles bereitet man gegen Abend vor und geht dann wieder fort.
Früh Morgens fliegen nun die kleinen Vögel umher und wollen trinken, aber die Bäche sind gefroren; so kommen sie endlich durstig an unsern Graben, welcher durch das dicht überdeckte Reißig für Frost gesichert ist. Lange hüpfen sie darum, bis sie endlich an die Lücken kommen, wo die Leimruthen stecken, worauf sie sich setzen und trinken, für diese Bequemlichkeit aber ihre Freiheit und gewöhnlich ihr Leben hingeben müssen. Den Nachmittags geht man hin und nimmt die schreienden und flatternden Gefangenen ab, wobei man manches Vergnügen hat. –
Um Stieglitze und Hänflinge zu fangen, hat man eigene, kleine Heerde, wo der sogenannte Strauch[64] aus dürren Disteln besteht, dessen Saamen jene Vögel gern fressen; sie gehen häufig darauf, wo denn plötzlich über sie ein Netz springt und sie fängt. Die Erzgebirger halten, so wie die Harzbewohner, (über welche man sich in Bechsteins Naturgeschichte der Stuben- und Singvögel belehren kann,) sehr viel auf Sing- und Stubenvögel, wenden oft den letzten Groschen dafür an und sind meistens ganz leidenschaftlich für manche Arten Vögel eingenommen. So findet man in der Stube des ärmsten Bergmanns doch immer gewöhnlich ein halbes Dutzend lebendiger Vögel, worunter die beliebtesten und allgemeinsten folgende sind:[65] 1) der Reitzufink, 2) der Stieglitz, 3) der Hänfling, 4) die Lerche, 5) der Zeißig, 6) der Quäcker, 7) die Zippe, 8) der Grünschling, 9) der Gimpel und andere mehr. In Schönhaide ist das Vogelstellen, vorzüglich auf Feld- und Heidelerchen, einheimisch. –
Der Vogelfang mit Leimruthen ist bekannt. Aber weniger und fast gar nicht werden die Kloben bekannt seyn, welche Art, Vögel zu fangen, der übrigens verdienstvolle Oberförster Mirus in Jahnsgrün erfunden hat, wovon auch eine Abbildung und Beschreibung im Forst- und Jagdkalender für das Jahr (wenn ich nicht irre) 1798. zu sehen und zu lesen ist. – Früh vor Tages geht man auf den Klobenheerd; hier steht eine mit grünem Reißig überdeckte Hütte, um welche nicht weit davon in einem halben Kreise eine Anzahl hoher, oben mit einigen wenigen Aesten versehener, Stangen steht, worauf die Kloben, welche wie hervor ragende Aeste aussehen, angebracht sind. Unten gehen von jeder Stange Schnüre herein in die Hütte; so wie nun auf irgend einem Kloben einer solchen Stange man Vögel sitzen sieht, sucht man, wie viel Nummer die Stange sei und faßt die dahin gehende Schnur; ruckt ein wenig und plötzlich schreit oben auf dem Kloben der mit den Beinen gefangene Vogel. Man läßt die Stange nieder, nimmt die Vögel aus und stellt wieder auf. Ich würde gern einen solchen Kloben hier näher beschreiben; aber theils gehört dieses nicht hier her, theils kann man sich aus der schweren Beschreibung desselben keine deutliche Vorstellung machen, besser ists, wenn man Alles selbst sehen kann. –
So künstlich und sicher auch dieser Vogelfang ist, so gefallen mir doch die großen Heerde mit Schlagnetzen weit besser und schöner. Früh um drei, vier Uhr zieht man schon fort, mit einer Laterne, und mit Lebensmitteln versehen. Man kommt in der Hütte an; hier wird mit Kohlen der kleine Ofen geheitzt und Wasser nebst Milch zum Kaffee zugesetzt, während der Vogelsteller die Lockvögel füttert und aushängt, und die Netze aufspannt. Während dessen kommt die Morgenröthe schon ein wenig und, da solche Vogelheerde meistentheils auf Bergen zwischen dem Walde liegen, so ist es dann ein herrlicher Anblick, wenn die Sonne aufgeht und nun Alles lebendig im Walde wird, so wie auch die vielen Lockvögel nun an zu singen fangen. Jetzt muß man ruhig seyn, der Kaffee ist auch fertig geworden und man trinkt, raucht ein Pfeifchen und giebt Acht, wo es Vögel giebt. Man kann durch Spalten und kleine Fensterchen zu allen Seiten der Hütte hinaus sehen. – So wie dann ein Schwarm Vögel heran und in den mit Beeren geschmückten Strauch gefahren ist, wird mit einem Ruck plötzlich das große Netz zugezogen und wer da ist, muß nun eine dabei liegende Ruthe ergreifen und die gefangenen Vögel in die Zipfel des Netzes treiben, wo man sie leichter heraus nehmen kann.
In andern Gegenden sticht man, um den Vogel zu tödten, ihm eine Feder durch den Kopf; welch' ein grausamer Tod! Der obererzgebirgische Vogelsteller hat einen bessern Vortheil; er weiß nämlich auf dem Rücken des Vogels einen kleinen Knochen, welchen er geschickt schnell zerdrückt, daß der Vogel kein Glied mehr zuckt. Dieß geht sehr schnell und ein Schock Vögel drückt er so in wenig Minuten todt. –
Uebrigens hat es mir recht sehr auf diesen Vogelheerden gefallen, es ist so heimlich und traulich daselbst, daß man sich Mittags ungern trennt. Freilich es kommt viel auf die Gesellschaft an, in welcher man sich befindet; ich war in sehr lustiger Gesellschaft und erinnere mich noch mancher lächerlicher Scenen und Geschichten, welche auf solchen Vogelheerden vorfielen. Es giebt der Vogelheerde sehr viele im obern Erzgebirge, besonders an der Gränze.
Endlich durch den Dohnenstrich fängt man auch Vögel in Menge und im Herbste kann man immer und wohlfeile gebratene Krametsvögel essen und niederländische Leckerbissen im Gebirge ganz gewöhnlich antreffen.