Darf einem die Organisation der römischen Kirche keine Bewunderung einflößen — als eine der wenigen großen Machtgebilde auf Erden, die dauern?
In der Gesellschaft läuft alles darauf hinaus, daß einer vor dem andern den Hut abnimmt. ‚Ich nehme den Hut vor dir ab, damit du den Hut vor mir abnimmst.‘ Ein stillschweigendes Übereinkommen, das den, der klug und ‚liebenswürdig‘ in seinem Sinne handelt, in der ‚allgemeinen Achtung‘ außerordentliche Grade erreichen läßt.
Du erklärst, du fühlst nicht sozial, du verachtest deine Mitmenschen fast mehr als daß du sie liebst. Gut. Ich 120verlange weder soziales Gefühl von dir, noch Verehrung des ‚Nächsten‘. Aber wenn du neben dir einen Hund verhungern siehst, so wirst du ihm von deinem Essen mitteilen, das versteht sich von selbst. Nun, ich verlange nur, daß du mit einem Mitmenschen fühlst wie mit einem Hunde, nämlich: Im Fall der äußersten Not: solidarisch.
In New York haben sich die Kellner ein Klubhaus gebaut. Man sollte sie auch bei uns dazu ermuntern und ihnen von jetzt ab kein Trinkgeld mehr (welch überlebte Bezeichnung), sondern nur noch Klubgeld geben.
Ein durch und durch kultivierter Kellner ist ein Kunstwerk, das nicht nur in Wien seine Lobredner haben sollte. Er hat etwas von einem Philosophen, von einem Arzt, einem Soldaten. Ganz anders, wie der Friseur etwa, der den Komödianten nie ganz los wird, oder die Kellnerin, die doch eben immer ein Weib bleibt, das heißt ein Geschöpf, von dem vollkommene Sachlichkeit weder verlangt werden darf noch will. In der großen Universität der täglichen Angelegenheiten, an der ich mir, als an einem Parallelinstitut der ehrwürdigen Alma Mater, das halbe moderne Leben neu erzogen denke, sollte der Lehrstuhl für die Wissenschaft von den Pflichten und Rechten des Kellners besonders sorgfältig besetzt werden. Wann übrigens wird diese Universität, nach der unser ganzes Leben von heute ruft, und zu der bereits unzählige Ansätze vorhanden sind, ins Leben treten?