Ueber die nachstehende Epistel hätte ich dem Publikum eigentlich nichts zu sagen, wenn mir nicht die Ursache ihrer Erscheinung ein paar Worte abnöthigte, die mich sehr die Verlegenheit fühlen lassen, von mir selbst reden zu müssen. Ich gehe damit um, meine zum Theil noch ungedrukten, zum Theil aber seit 1783 zerstreut erschienenen Episteln, nach einer strengen Auswahl und Durchsicht, in einer Samlung den Händen des Publikums zu übergeben, wovon nun schon eine nähere Ankündigung erschienen ist. Mancherlei Ursachen bestimmen mich, den freilich oft gemisbrauchten Weg der Pränumeration einzuschlagen. Sehr viele meiner Freunde haben sich indessen für mein Unternehmen interessirt. Und wenn mich die Aussicht eines entsprechenden Erfolgs bei den ersten Schritten nicht durchaus verläst: so wird die ganze Samlung meiner epistolarischen Gedichte Michaelis dieses Jahres ohnfehlbar erscheinen, unter Bedingungen, welche die bereits ausgegebene Anzeige darlegt. Die gegenwärtige Epistel über die Einsamkeit soll eine Vorläuferin der ganzen Samlung seyn, um dem Publikum, dem ich nur aus früheren Ausstellungen bekannt bin, den Erwartungspunkt an die Hand zu geben. Ich glaube dies unsern Zeiten schuldig zu seyn, die mit einem sehr begreiflichen Widerspruche zu sehr und zu wenig poetisch sind.
Halberstadt, im Januar 1792.
An
Lina.
Es giebt auf Gottes schöner Welt
Gewis noch manche schöne Stelle,
Wo ich mir wol ein Hirtenzelt
Hinbaut', an einer kleinen Quelle,
Verstekt in einem Schweizerthal,
Wo, wenn die Wind' aus Norden stürmten,
Vertraute Pappeln mich beschirmten,
Und wo ein Wäldchen, wenn der Stral
Aus Südens Feuerschoos die Schwinge
Dem West versengte, mich empfinge:
Wo ich, vom Drang und Schein der Dinge,
Von Lug und Trug der Menschen fern,
Mich vest an meine Stille schmiegte;
Wo ich den lezten Hang zum Spott,
Den ein bethörter Donquixott
Sonst leicht in Flammen blies, besiegte.
Ja solch ein Pläzchen liegt noch hier
Und da verstekt; allein vor allen
Hat Dein geliebter Hügel mir
Im Schlehenkranze wohlgefallen,
Wo friedlicher die Lüfte wehn;
Wo durch das Thal der Nachtigallen
Sich lieblicher die Bäche drehn;
Wo silberner die Blüten wallen,
Die von des Frülings Schoose fallen.
Wie einsam steht er da! wie schön!
Im frischgewebten Feierkleide,
Als hätt' er sich zum Tanz geschmükt;
So schön, wie in der grünen Seide
Kaum Minnas weisser Finger stikt,
Und welche Aussicht in die Auen,
Die er beherrscht! – O Freundin, hier,
Hier möcht' ich mir die Hütte bauen,
Wo Turteltauben über mir
In schönen Zweigen traulich girrten,
Und zu der Hand des stillen Hirten
Herunter flatterten, und sich
Vertrügen unter meinem Zelte,
Und mich umschmeichelten, wenn ich
Zur Botin eines Briefs an Dich
Die kleine Tejerin bestellte.
Da legt' ich mir ein Gärtchen an,
Und flüsternd sollten, wie Gedanken
Der Liebe Deine Seel' umranken,
Die Spröslinge der Rebe dann
Mein kleines Ohnesorg' umschwanken.
Da wär' ich erst ein freier Mann,
So frei, wie meine Nachtigallen;
Da lüd' ich aus dem nahen Hain
Die Sänger in die grünen Hallen,
Zu süssen Wettgesängen, ein.
Wir sängen, bis am dunkeln Hain
Uns Cynthia von fern begrüste:
Nun führe selbst die Königin
Der Sterne durch die graue Wüste
Des Aethers, minder eilend, hin.