Gern würde mich der Wald verstekken;
Da könnte mir den heitern Sinn
Kein Hasser aus dem Herzen nekken;
Da sollte wol die Schwäzzerin,
Die Neugier selbst, mich nicht entdekken;
Mich würd' ein immer froher Muth
Zu lauter Freudenliedern stimmen;
Entfernt von jeder Lasterbrut,
Würd' ich zum Zorne nie entglimmen;
Nie würde mir in seinem Blut
Ein guter Nam' entgegen schwimmen.
Auf einer stillern Lebensfluth,
An deren Ufern, überhangen
Mit Rosen, unbelauscht von Schlangen,
Ein reines Herz so selig ruht,
Würd' ein entwölkter Himmel spiegeln;
Und leise würde hinter mir
Ein Genius der Ruh die Thür
Zum Tempel der Natur verriegeln;
Damit in meiner Einsamkeit
Mich nicht die tausend Dinge störten,
Die einst an Blüten meiner Zeit,
Gleich gierigen Insekten, zehrten,
Bis sie zur Abgeschiedenheit,
Zum Selbstgenus, mein Herz bekehrten,
Und mich durch ihren Unbestand,
Den meine Ruh so oft empfand,
Die Kunst, sie zu verachten, lehrten.
Von jedem Weltgetös' entfernt,
Und fern vom Pöbel niedrer Freuden,
Der täuschend gute Seelen körnt,
Würd' ich mich an der Einfalt weiden,
Die selbst vom Hänfling Weisheit lernt.
O welche Wollust, auszuruhen
Vom Wirbeltanz der Unnatur!
Dann würden Thal, und Hain, und Flur,
Beredter als die Bourdalouen,
Die goldnen Sprüche der Natur
Mir in die stille Seele flüstern;
Nie würd' ich nach der Täuschung lüstern,
Die alles, nur nicht glüklich, macht.

Nein, ich beneide nicht die Pracht,
Die manches Elend überschimmert,
Und, wie der stolze Blik auch lacht,
Die Ruh im Herzen niedertrümmert!
O der betrügerischen Pracht!
Ein frohes Herz, frei von Verschuldung,
Ist warlich mehr, als die Verguldung,
Die keinen Gek zum Weisen macht.
Schau hin auf jene Vorgemächer,
Wo man einander quälend ehrt!
Die liebe Langeweile leert
Auf diese Gruppen einen Köcher,
Der nie mit seines Pfeiles Gift
Das Leben Deiner Stunden trift.
Tritt näher, Freundin, den Geräuschen,
Nach welchen man sein Daseyn misst,
Das, klein und kriechend, wie die List
Durch die es Nichts, und Alles, ist,
Sich martert, um sich selbst zu täuschen.

O wie verliert sich das Gefühl
Der Wahrheit auf dem Welttheater,
In Nachahmung und leeres Spiel!
Vergönnt mir nur der gute Vater
Des Lebens, die Zufriedenheit,
Mein Herz mit jener Heiterkeit
Und Wahrheit der Natur zu nähren:
So weilt im Schatten meiner Zeit
Das stille Glük, das selbst der Neid
Nicht würdig achten wird zu stören.

Dich, Vater, find' ich überall
In der Natur! Der Wasserfall,
Das Lüftchen, das mit seinem Flügel
Die Blüt' umarmt am Schlehenhügel,
Das hohe Lied der Nachtigall,
Selbst das Gekreische froher Raben,
Ja Alles spricht so gut von dir,
Und nichts verläumdet dich, als – wir!
Wir Menschen, voll von deinen Gaben,
Und dennoch von dir selbst so leer!
Was Menschen erst entgöttert haben,
Nur darin find' ich dich nicht mehr!

Ja, Freundin, es ist warlich schwer,
Zur Unnatur sich zu gewöhnen,
Und durch die trügerischen Szenen
Der Klugheit, die so freundlich hasst,
So höflich mordet, froh die Last
Des Lebens vor sich herzuwälzen.
Im Schuz der Einfalt einer Flur,
Und zwischen friedlichen Gehölzen,
Verstatte mir nur die Natur,
An ihrem Tisch mich zu vergnügen!
Bei ihr ist Wahrheit! Ihre Flur
Straft jeden Fürstenteppich Lügen;
Bei solchem Freudenmale nur,
Trank ihr geliebter Epikur,
Ihr Priester, einst, in langen Zügen,
Die unvermischte Wollust ein.
O er verstand's, im grünen Hain,
An ihrem Busen sich zu wiegen!
Und das wär' ihm nicht zu verzeihn?
Nicht zu verzeihn, daß er die Schale
Des Lebens aufschloss, und den Kern,
Von allem Weltgetöse fern,
In einem kleinen Rosenthale,
Das seine Hand erzog, genoss?
Nicht zu verzeihn, daß auf der Stelle
Der Veilchen seine Weisheit spross?
Daß ihm in grün umwebter Quelle
Die Lehre seiner Tugend floss?
Verzieh doch er dem grossen Tross
Der Thoren, die an Schalen käuten,
Die Armuth ihrer Schwelgerei!
Las sich die Streitsucht müde streiten,
Die ewig fragt: was Freiheit sey?
Mein Epikur war weis' und frei!
Und war er's nicht: wo würd' ein Leben,
Und wär's an Götterfülle reich,
Im Himmel und auf Erden, euch
Bericht auf eure Frage geben?

Oft hört' ich auch: ein weiser Mann
Ist immer frei! wie leicht gesprochen,
Nur nicht so leicht gethan! Wie kann
Auch selbst ein Weiser sich entjochen
Von manchem Niederdruk, woran
Die Sorg' ihn knüpft, mit allen Härten
Des Misgeschiks, und wenn er dann
Zur Einsamkeit in seine Gärten,
Wie Epikur, nicht flüchten kann,
Wo ihm der Freiheit Mirten blühen?
Was bleibt ihm nun? Etwa der Welt,
Worin ihm manches nicht gefällt,
Wie Jakob Rousseau, zu entfliehen,
Und von den Possenspielen fern,
Worin sie wirbelt, aus dem Kern
Sich eine bessre Welt zu ziehen?
Wo Hass und Unruh nie das Fest
Der Unschuld und der Freude stören?
Ich rathe nicht dazu! Es läst
Sich immer noch die Frage hören:
Ob wir bei einem ew'gen Fest
Der Freude wol beglükter wären,
Als diese Welt uns werden läst,
Die freilich uns noch manche Zären
Und Seufzer aus dem Herzen prest,
Dem schöne Pflanzungen verwildern,
Die schönste Hofnung Täuschung giebt.
Was hilfts, nach rosenfarbnen Bildern
Zu haschen, die ein Hauch zerstiebt?
Man schafft, empört von dem Tumulte,
Der um uns her sein Wesen treibt,
Sich eine Welt, bei seinem Pulte,
Die glüklicher im Pulte bleibt.

So hab' auch ich, in schönen Träumen,
Mir manches Paradies geträumt,
Und seinen Horizont mit Säumen
Des schönen Morgenroths besäumt,
Aus dem, mit Lichtgeström umschäumt,
Im Schimmer seines Glanzgeschmeides,
Der Tag den Elisäern keimt,
Und das Phantom des Weltgebäudes,
Das ich für meine Ruhe schuf,
War lieblich anzusehn! Des süssen,
Des reinen Daseyns zu geniessen,
War hier der einzige Beruf
Der Göttermenschen, die ich schuf.
Sie waren alle Virtuosen
Der Tugend, und die Unschuld lag
Auf Blättern hingewehter Rosen,
So ruhig, wie der Feiertag,
Der ewig meinen Fluren glänzte,
Vollauf von der Natur beschenkt,
An deren Busen, ungekränkt,
Der Friede sich mit Epheu kränzte,
Mit keiner Fessel mehr bekannt,
Auf welche Trug und Bosheit pochten,
Als nur mit der, die, von der Hand
Der Treu im Mirtenhain geflochten,
Sie nur im Schoos der Liebe fand.
Kurz meine Welt, das Vaterland
Der Ruh, war eine schöne Welle,
Die in den Strom der Welten rann;
Da lächelte aus jeder Quelle
Ein Engel einen Engel an.

Der Freundschaft süsse Rosen glühten
So unverwelklich durch den Hain
Des Lebens, so von Giftthau rein,
Wie sie nur auf der Insel blühten,
Die, ohne Stolbergs Phantasie,
Im grossen, unbegrenzten Meere
Der weiten Idealogie,
Wol unentdekt geblieben wäre.
Man lebt' in süsser Harmonie.
Sanft athmete, durch alle Triebe
Des Strebens, nur der Geist der Liebe,
Der Geist der holden Sympathie,
Der meinem Volke, fern vom stolzen
Aufstrebungsgeist, den Sinn verlieh,
Mit welchem, Herz in Herz verschmolzen,
Die allerreinste Melodie,
Der Wohllaut eingestimmter Saiten,
Den Plato selber nur vom weiten
Im Traum empfunden haben soll,
Ins grosse Chor der Wesenheiten
So zauberisch hinüber quoll.