Bei diesem ungestörten Liede
Der Seelenharmonien, lag
In seinem Palmenhain der Friede,
Und feierte, der Flucht nun müde,
Den feierlichsten Ruhetag,
Der jemals auf dem Augenliede
Der jungen Morgenröthe lag.
Und ausgesöhnt war Erd' und Himmel,
Ein nie umwölkter Sonnenschein
Beschien das frölichste Getümmel,
Beschien den ewig grünen Hain.

Die von der Weisheit selbst verehrte,
Nicht leichte Kunst, sich stets zu freun,
Die sonst kaum Weisen glükte, hörte
Ganz auf, die schwere Kunst zu seyn,
Die Vater Utz im Mirtenhain
Der Unschuld und der Liebe lehrte,
Und Gleim, den jede Rosenflur
Der Musen liebt, und immer liebte,
Durch vierzehn schöne Lustren übte:
Sie war blos Gabe der Natur.

Das Heiligthum der Gabriele
Gab meinem Volke jeden Zug,
So wahr, daß er das Bild der Seele,
Aus welcher er gequollen, trug;
Und Sanftheit sprach aus jedem Zug.

Kein Wild durchächzte die Gebüsche,
Vor wildern Menschen auf der Flucht;
Man war noch menschlich; kein Gemische
Vergossnen Bluts und grüner Frucht
Lies man zu seinem Mahle tragen –
Der Mensch, aus unschuldvollern Tagen,
Der fiel gewis das Thier erst an,
Eh er es über sich gewann,
Sein eignes Wesen zu erschlagen. –
Noch lebten meine Lotophagen
Mild, wie der Hain, sanft, wie die Flur,
In süsser, unschuldvoller Frohheit,
Weit zwar entfernt von wilder Rohheit,
Doch dicht am Busen der Natur,
Umwebt mit friedlichen Oliven;
Den Segen der Zufriedenheit
Lies ich von allen Zweigen triefen,
In deren Schatten, überstreut
Mit Blumen jener goldnen Zeit,
Die Unschuld und die Liebe schliefen.

Vielleicht, wenn mein Vielleicht nicht irrt,
Erwartest du, wie hell die Wahrheit,
Im ganzen Aufwand ihrer Klarheit,
Durch meine Schöpfung leuchten wird?
Sie kam von selbst, auf allen Wegen,
Die sich durch mein Elisium
Hinschlangen, meinem Volk entgegen,
Man irrte nie um sie herum;
Man pflükte nicht aus Dorngehegen,
Nicht mühsam ihren Rosenkranz;
Sie warf ihn jedem Wunsch entgegen;
Sie mischte sich in Spiel und Tanz:
Da ward sie, troz dem ofnen Segen,
Den sie durch meine Götterwelt
Hinströmen lies, in leichten Spielen
Verstekt, zum Wettkampf aufgestellt. –
Wie doch die Wahrheit den Gefühlen
Des Herzens, nur verhüllt, gefällt!
Mit Mühe wollen wir sie haschen!
Die Freude, sie zu überraschen,
Ist das, was ihren Reiz erhält.

Und streng und freundlich wog die Waage
Der offensten Gerechtigkeit,
Von keiner Frevelhand entweiht,
Das Recht der Wahrheit zu, und Tage
Voll Einfalt, Still' und Heiterkeit.

Die reizende Bescheidenheit,
Der reinen Wahrheit treu, verhüllte
So tief sich in sich selbst hinein,
Daß meine Welt der Wiederschein
Von ihren Thaten nur erfüllte.

Die Duldung – himmlisch hold erschien
Sie im erhabnen Schmuk der Demuth,
Und um ihr Lächeln lies die Wehmuth
Ein sanft verhüllend Wölkchen ziehn.
So führte sie in jede Hütte
Die stille Sanftmuth selbst hinein,
Die schloss den Druk, durch den sie litte,
Geheim in ihrem Busen ein.
Den Druk? – Woher denn Druk und Pein
In einer Welt, der die Verschuldung
Nichts zu verzeihn, zu dulden gab?
Wie kam denn Sanftmuth, wie kam Duldung,
Wie kam Zufriedenheit herab
Auf eine Welt, die, von Verguldung
Der Thorheit weit entfernt, sich froh
Im Sonnenschein des Friedens sonnte,
Vor welchem jedes Laster floh;
Wo man durchaus nicht anders konnte,
Als nur zufrieden seyn und froh?
Bedurften jene stillen Tage
Der Unschuld, die kein Unrecht kennt,
Der Tugend jener gleichen Waage?
Der Hand, die Recht und Unrecht trennt?
Man lebt' in einer süssen Jugend
Der Kindheit noch, zu kindlich rein,
Zu fromm, um tugendhaft zu seyn;
Du siehst denn, Freundin, manche Tugend
Kann unter Lastern nur gedeihn!
Der Sturmwind, der den Feldern wütend
Die tiefsten Narben hinterläst,
Errettet, tausendfach vergütend,
Das Land vielleicht von einer Pest.
Nimm zwanzig Laster weg, so schwinden
Vielleicht zehn Tugenden dahin!
So las uns denn, für den Gewinn,
Auch immer den Verlust verwinden,
Und stets der Tugend Blumen streun!
Der Kranz, den wir der Tugend winden,
Wird einst ein schönes Erbtheil seyn,
Das wir in ihrem Schoose finden,
In irgend einem Friedenshain,
Wo sich die Knoten von den Dingen
Vielleicht ein wenig anders schlingen,
Als in dem Erdenlabyrinth,
Das uns, wie weit wir immer dringen,
Mit seiner Schattennacht umspinnt.

Verzeihe denn, du gutes Kind
Der Unschuldwelt, daß an den Frieden
Der bessern Zukunft, die hienieden
Gehofft wird, ich nicht glauben kann!
Vom Schauplatz, wo an wilden Dolchen
Manch edles Leben blutig rann,
Schwing' ich zur Gottheit mich hinan,
Die dies Gewebe nur aus solchen,
Und nicht aus andern Fäden spann,
Wie sie vielleicht der Mensch ersann,
Der weise Thor, der, in der Mitte
Der Schöpfung da zu stehn, sich deucht;
Und mit der Schöpfung seine Hütte,
Sich mit der Gottheit selbst vergleicht,
Die er noch, Wunder! glaubt zu ehren,
Wenn er so gütig für sie sorgt,
Und, zu der Haushaltung der Sphären,
Ihr seine Hüttenweisheit borgt.
Nach tausend aufgeklärten Jahren,
Wird noch die Sonne Menschen sehn,
Wie, unter längst verschwundnen Schaaren,
Die Borgia's und Alba's waren,
Und Titusseelen, gross und schön,
Die unverlezlich die Gefahren
Der Zeitenpestilenz bestehn.

Die Welt rollt stets in Einem Gleise:
So schleicht auch Menschenleben fort,
Sich immer gleich, von Ort zu Ort,
Als dreht' es sich in einem Kreise.
Wir hoffen, hoffen! und das Dort
Wird endlich hier, dieselbe Reise,
Derselbe Weg, dieselben Gleise,
Bald Wiesenplan, bald eingeengt;
Nun einsam, izt vom Tross gegängelt;
Hier blumig, dort vom Stral versengt,
Der über unserm Haupte hängt;
Und die Gefärten, nie verengelt,
Ein Haufe, der sich immer drängt,
Bis sich der Weg ins Dunkle schlängelt,
Und uns das öde Thal empfängt,
An dessen stille, dumpfe Schatten
Die lichte Heimathflur sich schmiegt,
Die den Ermüdeten, den Matten
Im mütterlichen Schoose wiegt.