Doch, wie die Ruhe nun erlangen,
In einer Welt, wo Laster sind,
Auch wol seyn müssen; die durch Schlangen
So viel Vollkommenheit gewinnt,
Als durch die sanfte Ringeltaube,
Die, aus den Zweigen deiner Laube,
Durch holdes Girren mit dir spricht?
Wie läst sich da die Ruh erringen,
Die unserm Herzen doch gebricht? –
O! dazu führt, vor allen Dingen,
Die schöne, menschlichschöne Pflicht:
Alliebend, wie das Sonnenlicht,
Ein jedes Wesen zu umschlingen,
Das sich in unser Daseyn flicht;
Die bessern Seiten aufzuspüren,
Die jedes Wesen trägt, und schön
Den Sphärenraum damit zu zieren,
In dem sich unsre Tage drehn;
Zu sorgen, daß kein Tag vergebens
Für uns die Schwalbenflügel regt,
Weil jeder einen Theil des Lebens
Von uns auf seinen Schwingen trägt;
Frisch fort zu gehn, was unsern Tritten
Auch in den Weg sich wirft, und dann –
Die Gottheit selbst um nichts zu bitten,
Was man sich selber geben kann.
Ein reines Herz, ein Herz voll Ruhe,
Kann uns die Gottheit nicht verleihn,
Was ihre Huld auch für uns thue!
Der Mensch soll selbst, er soll allein
Der Schöpfer seiner Seelenruhe,
Der Gott in seinem Himmel seyn!
Doch wird uns oft die Ruh' entrissen;
Die Ebb' und Fluth, die uns umringt,
Läst nur zu oft sie uns vermissen:
Doch, Lina, desto süsser schlingt
Der Friede, von der Lind' umdüftet,
Und fern von allem eitlen Schmuk,
Um uns den Engelarm, und lüftet
Dem müden Pilger jeden Druk,
Wann endlich von verbrannten Haiden,
Durch welche seine Bahn sich krümmt,
Der blaue Wald, voll Lebensfreuden,
In seine kühle Ruh ihn nimmt.
Nun seyd gegrüst, geweihte Schatten
Der Einsamkeit! Nun sey gegrüst,
Du frische Quelle, die dem matten
Verschmachteten entgegen fliest,
Die, unter grün umflohrten Schatten,
Die weitre Wallfarth ihm versüst.
Die kleinen lieblichen Sirenen
Der Waldgesänge laden nun
Den Pilger ein, bei ihren Tönen,
Am Bachgeriesel, auszuruhn.
Und endlich giebt er seinen Segen
Dem Rasen, wo er ausgeruht,
Und eilt mit hofnungsvollerm Muth
Dem vorgestekten Ziel entgegen.
Denn diese Ruhe, diese Kühle,
Die seine Flammen löschte, macht
Der Pilger nicht zu seinem Ziele;
Gestärkter eilt er nur, gelehnt
Auf seinen Stab, durch die Gefilde.
Sprich! kennst du nicht in diesem Bilde
Das Herz, das sich nach Stille sehnt?
Das, oft verkannt, sich selbst nur kenntlich
Durch manche Hofnung hingeharrt,
Durch manche Täuschung, bis es endlich
Sein eigner Gott, sein Schuzgott ward!
O Ruhe! wenn im Abendgolde
Zu Dir des Haines Athem stieg,
Und feiernd die Natur, du Holde,
Vor deinem Altar stand und schwieg:
Wie strebte dann aus dem Getümmel
Mein Herz hinaus, um hinzufliehn
Zu dir, und deinen ganzen Himmel
Dicht um mein Wesen herzuziehn!
Wo an vergötternden Gedanken
Die edlern Lebensfrüchte schwanken,
Die nur in deinem Schoose blühn,
Wo rein, und unberührt vom Neide,
Durchs Haar der unentweihten Freude
Die königlichen Rosen glühn:
In diesem stilleren Geschmeide
Flieht sie den Stolz und wandelt nur,
Mit jenem Sinn der Unschuld freier,
Und seliger, durch Hain und Flur;
Da wischt sie jede dunkle Spur
Des Grams, mit ihrem reinen Schleier
Hinweg vom Antliz der Natur.
Die Einsamkeit, die hohe Stille
Vergöttert und erhebt den Geist,
Daß er sich kühn, aus dieser Hülle
Der engen Sinnlichkeit, zur Fülle
Der Feier seines Himmels reisst.
Hier blühn ihm ewige Naturen
Aus der Unendlichkeit hervor;
Hier tönt der Welten grosses Chor,
Hier spriest auf reinen Aetherfluren
Ein junges Sonnenheer empor;
Hier blizzen heller ihm die Spuren
Der Gottheit auf. Ein stilles Licht,
Unsichtbar dem profanen Volke,
Versilbert jede Schattenwolke,
Die sich um seine Ruhe flicht,
Und ihm die Aussicht in den Spiegel
Der schönen Zukunft unterbricht,
Die auf dem weichen Taubenflügel
Der Ahndung um den Rasenhügel
Geliebter Urnenreste schwebt,
Und nun, entfesselt von dem Zügel
Des Erdensinnes, sich zum Spiegel
Der reinern Fluth der Wahrheit hebt.
Er hüllt sich tiefer ein ins Grauen
Der Mitternacht, dem Ernst geweiht,
Und auf die Blumen seiner Zeit,
Auf seine schönsten Stunden thauen
Die Tropfen der Unsterblichkeit.
Er sieht am Ufer, wo die Zeit
Ihr Laub noch fallen läst, mit Schweigen
Das Wogenfluthen, und das Steigen
Und Sinken der Vergänglichkeit.
Der Vorwelt graue Schatten zeigen
Von fern ihm jedes grosse Ziel,
Von welchem jede Krone fiel,
In der sie noch den Strom umschimmern,
Der über Piramiden siegt,
Sie wegspült, und mit ihren Trümmern
Vorbei an seinem Ufer fliegt.
Zum Lispelton der Laubenrosen,
Die um den stillen Denker blühn,
Tönt lieblich das entfernte Tosen
Der Wellen, die vorüber fliehn.
Er nimmt zur Stille seiner Rosen
Die Welt- und Menschenkunde mit,
Die er aus jener Fluth erstritt;
Die leitet dann zu dem Gebiete
Der Wahrheit, wo die stille Blüte
Der Ruhe duftet, seinen Schritt.
Gerettet von den Truggestalten,
An die der Wahn der Thorheit glaubt,
Uebt er die Kunst, sich vest zu halten,
Daß ihn kein Trug ihm selber raubt.
Komm! las mich jedes Harms vergessen,
Der mit der Welt mich oft entzwei't,
Und folge mir zu den Zypressen,
Zur Stille meiner Einsamkeit!
Ein Pläzchen sey mir zugemessen,
Wo nie ein Stolz den andern drängt;
Wo still, wie eine Sabbathfeier,
Und heilig, wie ein Altarschleier,
Der Schatten der Zypressen hängt.
Geheiligt sey die Feierstille,
Die Ruh, die von den Zweigen tröpft,
Aus der das Daseyn erst die Fülle
Des wahren, reinen Lebens schöpft,
Dem nie die stillen Freuden fehlen,
Die Gott in unser Daseyn warf!
Das Leben, nicht das Daseyn, darf,
Nach Tagen, seine Summe zälen.
Die Luft der Welt ist rauh und scharf;
In ihrem Sturm wird manche Blume,
Voll Frucht des Geistes, abgestreift,
Wenn ihre Pflanz' im Heiligthume
Der Stille nicht zur Dauer reift.
Befruchtung, die der Still' entträuft,
Die kann den Sonnenschein vergüten,
Den Thau, der sich auf Nesseln senkt,
Und seltner die bescheidnen Blüten
Des Geistes und des Herzens tränkt.
Sie ist das Land der Geistessaaten,
Der Herzensblüten! Reiften nicht
In ihrem Schatten jene Thaten,
Die leuchtend, wie ein flammend Licht,
Hinstralen durch so manch Jahrhundert,
Von einer Ewigkeit bewundert,
Die dankbar ihre Frucht noch bricht?
Sie trug von jeder schönen Pflanze
Die schönste Blume zu dem Kranze,
Der sich um Friedrichs Namen flicht.
Ihm galten Kron' und Zepter wenig;
Mit tausend Sorgen überstreut,
Fühlt' er in ihrem Prunk den König,
Sich fühlt' er – in der Einsamkeit!
Mit eignen Stralen sich bekränzend,
Gieng still sein Geist, so still und glänzend
Wie sein Gestirn, aus ihr hervor,
Aus ihrem Hain, den zum Asyle
Für ihre seligern Gefühle
Sich seine Königssorg' erkor.
Das Laster brütet nur Verderben
In ihrem Schoos, tränkt hier mit Gift
Den Mörderpfeil, der noch den Erben
Des kommenden Jahrhunderts trift.
Doch wird sie die Entweihung rächen;
Sie hält das fliehende Verbrechen,
Das ihrer Rache lang' entrann,
Noch an des Lebens Gränzen an;
Und macht die lezte Lagerstelle,
Wenn's nun umsonst nach einer Quelle
Des Trostes und der Ruhe lechzt,
Zu einer fürchterlichen Hölle,
Vom Wehgewinsel laut umächzt;
Und stösst es endlich von der Schwelle
Des Lebens wütend in die Gruft!
Du, Unschuld, komm zu ihrem Schatten!
Komm, athme diesen Lilienduft,
Worin sich Fried' und Tugend gatten!
Wie heilig! selig! ist die Luft,
In der ein Tugendtrieb erwachte!
Empfind' es, von ihr wach geküsst:
Daß nirgendwo ein Himmel ist,
Den Unschuld nicht zum Himmel machte.