Dein Tasso athmete so rein,
In hoher Unschuld, aus dem Hain
Der Einsamkeit, die grossen Triebe
Geweihter grosser Seelen ein:
Und dennoch blühte seiner Liebe
Kein Zweig in ihrem Mirtenhain,
Um seinen Lorbeer sich zu winden,
Zu überduften seine Ruh.
Er sang, er glühete den Gründen
Und Hügeln Phyllis Namen zu.
Ach! ihn umstrikten die Geflechte
Der Tyrannei; und Bosheit rächte
An seinem Herzen, was der Kranz
Verschuldet hatte, der den Glanz
Der Sklaven eines Fürsten schwächte.
Verstossen floh er zu dem Glük
Der Einsamkeit – von den Medusen
Des Neides weit entfernt – zurük,
Und sie empfieng, mit seinen Musen
Gern ihren Liebling, ihren Sohn;
Und er entschlief an ihrem Busen,
Getränkt mit ihrem süssten Mohn.
Ihr ruhevoller Athem näret
Den Funken Geist, der in uns glüht,
Den Frieden, welcher, oft gestöret,
Am zarten Halm des Lebens blüht;
Nur wilde Leidenschaft verheeret
Ihr stilles, seliges Gebiet.
In dieser ungestörten Stille
Rafft sich mit ihrer ganzen Fülle
Die Leidenschaft empor, und reisst
In ihre Flammen Herz und Geist.
Und flieht ein Thor zu ihrer Stille,
Weil er den Weg zum Glük verlor:
So kommt aus ihrem Hain der Thor,
Mit jedem Wahn, mit jeder Grille,
Die ihn hinein trieb, auch hervor.
Die Weisheit nur streut edlen Saamen
In dies, oft zwar entweihte, Feld;
Ihr wuchsen da die grossen Namen,
Die, über Welt und Enkelwelt,
Herab von lichten Sternenhöhen,
Mit ihren Lorbeerkronen wehen,
In deren Schatten, angeglüht
Vom Feuergeiste jener Weisen,
Die junge Kunst bescheiden blüht.
Fern, von des Lebens Wirbelkreisen,
Mit Wettlaufstaube schwarz bestreut,
Tief in den Hain der Einsamkeit
Hinein zu flüchten, ziemt dem Weisen,
Der gern mit seinem Herzen spricht:
Nur sich, und Schäzze seiner Gaben,
In ihrem Schoose zu begraben,
Wie Diogen, das ziemt ihm nicht.
Sie stärk' ihn nur zur edlen Pflicht,
Für's Wohl der Menschheit aufzustreben;
Die Ruhe sey's, die hier sein Leben
Zur Reife schöner Thaten nährt,
Um es der Welt zurük zu geben,
Der auch ein Theil von ihm gehört.
Die Kraft, die sich, für die Pachome[1],
So mild, und doch umsonst, ergoss,
Die wars, die, gleich dem Tiberstrome,
Von jenes Römers Lippen floss,
Und einen silberhellen Spiegel
In stille Blumenthäler goss;
Dann aber, aufgestürmt vom Flügel
Der Leidenschaft, die sieben Hügel
Errettend in die Arme schloss.
Als Katilina schon die Ketten
In ihre freien Thäler trug;
Da konnt' ein Tullius nur retten,
Der mächtig das Gespinst zerschlug;
Der Weise, welcher in den Fluren
Des stillen Tuskulums die Spuren
Der Wahrheit fand, an deren Quell,
Der durch die Wiesenblumen schäumte,
Sein Geist, in stiller Laube, hell
Den grossen Traum der Zukunft träumte;
Der Weise, der uns jede Pflicht
Der ungeschminkten Tugend malte,
Die er mit seines Geistes Licht
Warm, wie mit Lebensglut, umstralte;
Die, nur in eignem Daseyn froh,
Aus dem zu rauschenden Getümmel,
Mit ihrem Kato zu dem Himmel
Der süssen Lebensstille floh.
[1] Einer der ersten Anachoreten.
Hier brach Lukrez auch manche Blume
Der keuschverhüllten Wahrheit ab,
Die dann aus ihrem Heiligthume,
Troz ihm, Unsterblichkeit ihm gab.
Hier sah er manches Glied der Kette
Der grossen Unermessenheit,
Werth, daß er auch Unsterblichkeit
Geglaubt, gefühlt, gesungen hätte!
Und du, mein Maro, holtest du
Nicht deinen Lorbeer aus dem grünen,
Vertrauten Grottenhain der Ruh,
Wo jene Bilder dir erschienen,
Womit du, wahr, wie die Natur,
Die Lieder deiner Hirten schmüktest,
Und, wie die Schäfer deiner Flur,
Den üppigen Mäzen entzüktest,
Den längst die Grazien verwöhnt,
Und nun zu ihrem Richter hatten?
In deinem süssen Mirtenschatten,
Von deiner hohen Laut' umtönt,
Schwelgt' er in deines Geistes Fülle.
Wer aber schöpft' aus deiner Stille,
Geliebte Einsamkeit, so tief
Die feine Kunst, des Narrn zu spotten,
Der sich auf Ahnenschaft berief,
Und träg auf fremdem Lorbeer schlief?
Wer war's, der aus den Venusgrotten
Der Griechenflur die Scherze rief,
Die nun auf Tiburs Hügeln tanzten,
Und in die todten Wüstenei'n
Den Liedervollen Opferhain
Der schönen Grazien verpflanzten?
Dein Flakkus! der, am Lenzgesträuch
Froh hingegossen, süss und weich,
Wie das Geseufz' im Hain des Taubers,
Für Lalage die Flöte blies;
Und nun, mit allem Pomp des Zaubers,
Den hohen Hymnus rauschen lies;
Und nun auf einer Rasenstelle,
Beim leisen Flüstern seiner Quelle,
Den Himmel reiner Seelen pries!
Dein Flakkus fand erst in der Stille,
Von Roms Tumulten ungestört,
Die Ruhe, welcher keine Grille,
Die sich in falscher Hoheit ehrt,
Das Rieseln ihrer Tag' empört.
Er schöpft' aus ihr die ganze Fülle
Der Lebensweisheit, die uns lehrt,
Den Werth der Dinge, nach Gesezzen
Der richtenden Vernunft, zu schäzzen,
Die, was ihr minder angehört,
Als fremde Güter, leicht entbehrt.
So schlich er, nur mit Stunden geizend,
Die frohe Leier in der Hand,
Durch seinen Wald, den er so reizend,
Vor allem Erdgepränge, fand;
Zufrieden, wenn ihm nur die Mirthe,
Durch welche sanft die Sympathie
Verliebter Turteltauben girrte,
Zum Abendschmaus den Kranz verlieh.
Katull – auf Nachtigallenflügeln
Flog seine Phantasie empor,
Wenn sich auf stillen Schattenhügeln,
Mit Lesbia, sein Geist verlor.
Fern von dem Taumel, der, halb thierisch,
Den gröbern Sinn für sich erkor,
Sang er den Lüften, welche lyrisch
Um seine Leier schwärmten, vor.
Noch blühn die Rosen, die den Sizzen
Der Freundschaft ihren Purpur streu'n;
Noch grünt der schöne Mirtenhain,
Worin, auf zarten Blumenspizzen,
Sein Lied, das keine Zeit begräbt,
Weil es die Grazien beschüzzen,
Leicht, wie ein Zephyr, hingeschwebt;
Und lieblich, wie die Blüt' im Thale,
Das nie Petrarka's Lied vergisst,
Wo, wie bei einem Liebesmahle,
Ein Veilchen sanft das andre küsst;
Wo das Vermälungsfest der Düfte
Ein süsser Seelenwechsel ist,
Und selbst der Athemzug der Lüfte,
Von jenem Zauber noch berauscht,
Melodisch in den Zweigen schmachtet,
Von deren Schatten grün umnachtet,
Und von der Stille nur belauscht,
Der Sänger jenen Blütenregen
Besang, der sich auf Laura goss,
Daß, unter seinen Harfenschlägen,
Der stille Bach noch stiller floss.
Und Thomson – welche Hymnustöne
Entquillen seiner Einsamkeit!
Die über jede Frülingsszene
Die Jugend eines Lebens streut,
Das, angehaucht von einem Gotte,
Die Welt, wie eine Braut umschlingt,
Die Haine stimmt und bis zur Grotte,
Worin ein Wesen schlummert, dringt.
Durch alles weht der Geist der Liebe,
Die aus den Nachtigallen singt,
Und sich mit ihrem Schmeicheltriebe
Selbst um die grauen Eichen schlingt.
Wie rauschen jene Wasserfälle,
Gleich dem Gewühl der wilden Lust!
Wie schmiegt sich um die Silberbrust
Der Nymphe sanft die Rasenstelle,
Um die der Ahornschatten hängt!
Wie sich der Nymphentanz der Quelle
In krausen Reihen, Well' an Welle,
Von Veilchen angelächelt, drängt!
Nun blüht die Ros', und Sommerlüfte
Wehn um die heitre Königin,
Und bringen ihre frischen Düfte
Zum Opfer einer Schäferin,
Die, von der Mittaghizze glühend,
Zu einem Ulmenwäldchen irrt,
Wo Liebe flüstert; wo ein Hirt,
In vollen Jugendlokken blühend,
Sie freundlich überraschen wird.
Gern flieht der Dichter das, mit Schiefer
Und mit Statü'n beschwerte, Dach;
Er schleicht Gedankenfreuden nach,
Zur Hainesstill', und dringet tiefer
Zum Sizze der Begeisterung:
Er sieht durch grüne Dunkelheiten
Tief in des Waldes Heiligung
Die feierlichen Geister schreiten[2],
Die, nah mit unserm Geist verwandt,
Ins Land der Ruh hinein geflüchtet,
Wo keine Zeit, und keine Hand
Des Frevels mehr den Kranz vernichtet,
Den sich die stille Tugend wand.