[2] Siehe Thomsons Sommer.
Nun tritt sein Herbst auf, im Gesange
Der lezten Stimme jeder Flur;
Und an der Waldung blühet nur
Das Schwindsuchtroth noch auf der Wange
Der ruhig sterbenden Natur!
Nun schleicht zur röthlichgelben Laube,
Zur dichterischen Einsamkeit
Des Denkers Abgeschiedenheit.
Willkommen, Ruhe! wo die Traube
Den Lippen ihren Nektar beut.
Schon ziehn die Vögel, und begleiten
Den längern Tag zur wärmern Welt;
Und grosse Wolkenschatten schreiten
Nun Riesenmässig übers Feld;
Und ihnen folgt dann öd' und traurig
Die Todesfeier der Natur.
Horch! ihre Manen ächzen schaurig
Um den gestorbnen Halm der Flur!
Der Hain verschied; den grünen Schleier
Des Lebens warf er seufzend ab!
Dort sinkt der Jubel seiner Feier
Zu den Verwesungen hinab!
Sag! welcher Spiegel zeigt wol treuer
Dem Menschen sein gewisses Grab?
Doch wird er leben, wieder leben!
Der Wald wird wieder auferstehn!
Dann wird ein geistigleises Wehn
Sein wallendes Gewand umschweben;
Begeistert werden Thal und Höh'n
Den Auferstehungspsalm erheben,
Und ihr Verklärungsfest begehn!
Nun folge mir zu jenen Nächten,
Wo neben Young der Tiefsinn wacht,
Der, troz der schwarzen Mitternacht,
Aus labyrinthischen Geflechten
In eine heitre Sphäre blikt,
Und unter Ahndungsvollen Lüften,
In heiligen Zypressendüften,
Von Gräbern Himmelsfreuden pflükt.
Hier sah' er leuchtender den Stempel
Der Gottheit, Welten aufgedrükt;
Und Welten waren nun sein Tempel,
Die Wahrheit seine Priesterin.
Mit welchem feierlichen Sinn
Trat er an ihren Altar hin!
Wie himmelvoll! wenn nun das kühnste
Der Lieder diese Szene sang,
Und zu dem grossen Gottesdienste
Der feiernden Natur sich schwang!
Das Grab, das seinen Tag verschlang,
Sah er im Schatten ruhig modern;
Sie, die sein süsses Leben war,
Sie sah er stehn am Glanzaltar,
Auf welchem glorreich Sonnen lodern.
Ein Himmel der Unsterblichkeit,
Die zu den eingesunknen Trümmern
Verblühter Tag' ein leises Schimmern,
Durch Mondgewölk, hernieder streut,
Entstieg dem theuren Aschenkruge,
Auf den des Sehers Thräne fiel.
Die Einsamkeit gab seinem Fluge
Den hohen Schwung zum Palmenziel.
Sie führte Popen durchs Gewühl
Der Erdenszenen, bis zum Throne,
Wo er, in einer sichern Hand,
Das erste Glied der Ordnung fand.
Die Stille wars, die diesem Sohne
Der Weisheit, mit geweihter Hand,
Die grosse Epheulorbeerkrone
Des hohen Mäoniden wand.
Die Stille wars, die keinen Störer
In seine werthe Grotte lies,
Wo sie den Denker an den Lehrer,
Den grossen Lehrer, Tod! verwies;
Der, unter Palmendämmerungen,
Von Knoten, die ein Gott geschlungen,
Ihm die Entwikkelung verhies.
So flog, in den Begeisterungen
Der hohen Abgeschiedenheit,
Dein Kronegk zu der Seligkeit,
Zu den erhabnen Huldigungen
Der reinen Geisterwelt empor,
Wo er der Erde Dämmerungen
Aus dem entzükten Blik verlor.
Hell trat aus einem Götterchor,
Mit ihrem Stralenkranz umschlungen,
Serena's lichte Seel' hervor.
Er fühlte kaum noch vom Getümmel
Des Lebens eine leichte Spur;
Serena's Gottheit fühlt' er nur.
Und er, mein Opitz, welchen Himmel
Fand er auf Zlatnas goldner Flur!
Im Stolz am Arme der Natur
Der höhern Freude nachzuschleichen,
An der ein Stral von Seele blizt,
Verachtet' er den Stolz des Reichen,
Der arm ist, und nur Gold besizt.
Hier war der weise Sänger freier,
Und liederreich, wie Zlatnas Hain.
Die Stille hauchte seiner Leier
Die hohe Lebensweisheit ein.
Ihm hat der Genius den reinen
Einweihungskuss zuerst geküsst:
Begeistert sang er nun den Hainen
Germaniens, das ihn – vergisst.
Noch stolzer gieng, wie eine Blüte
Des Aethers, den sie früh erhellt,
Die Sonne Leibnitz auf, und glühte
Den jungen Stral durch ihre Welt.
Da flohe vor des Denkers Strale
Die dumpfe kalte Dunkelheit!
Ihn lud ein Wink der Einsamkeit
Zum hohen Geistesbakchanale,
Dem aus dem schönsten Quellenthale
Die Wahrheit ihre Blumen streut.
Im Innersten des Heiligthumes
Der Nacht, erzog die Einsamkeit
Die schönen Kränze seines Ruhmes.
Wenn wir uns in des Lebens Hain
Weit von uns selbst verloren hatten:
Sie samlet uns in ihrem Schatten,
Und führt uns in uns selbst hinein.
Weh aber! weh dem Wahn des Thoren,
Der da in eine Wüste tritt!
Wie fremd ist's rund um seinen Schritt!
Er fühlt sich nur noch mehr verloren.
Nun flüchtet er voll Ungeduld
Aus sich hinaus, hin zum Getöse,
Daß ihn der rauschende Tumult
Wohlthätig von ihm selbst erlöse;
Erlöse vom Gefühl der Pein,
Sein eigener Gefährt zu seyn,
Durch irgend eine Flur des Lebens.
Und wenn nun ihn der Rausch verläst:
Ganz einsam sucht er dann vergebens
In sich ein stilles Friedensfest!
Wo blüht ihr feierlichen Rosen,
Dem Denkerbakchanal geweiht?
Empfangt mich von dem wilden Tosen
Der Flut in eure Einsamkeit!
Nimm mich, gedankenvolle Ruhe,
In deine Abgeschiedenheit,
Die dann auf alles, was ich thue,
Die Blumen ihrer Stille streut!
Geliebte, süsse Einsamkeit,
Auf alles drükst nur du den Stempel
Der dauernden Vollkommenheit!
Von nun an sey ein Göttertempel
Von meinem Herzen dir geweiht!
Wie leicht wird jede Wunde heilen,
Die irgend eine Hand mir schlägt:
Wenn mich der Wellenstrom, zuweilen
Nur, an ein stilles Ufer trägt,
Wo jene tausend Stimmen schweigen,
Von welchen, wie's der Zufall schikt,
Die Eine gleich die Andr' erstikt;
Wo unter leis' umhauchten Zweigen
Die Ruhe mir entgegen nikt;
Wo keine Blüte meiner Jahre
Die Flut des Weltgewühls verschlingt,
Von dem ich dann nichts mehr erfahre,
Als was ein Schiffbruch zu mir bringt,
Der sich, von Sturm und Tod umringt,
Ans Ufer meiner Stille rettet,
Wo, jedem Herzenszwang' entkettet,
Das Leben dem Gewässer gleicht,
Das, nie von einem Sturm erreicht,
In Veilchenufer hingebettet,
Durch singende Gebüsche schleicht;
In deren Schatten das Vergessen
Des Harms auf seidnem Rasen liegt.