Wo grünt ihr dämmernden Zypressen,
Um die kein Wunsch der Thorheit fliegt;
Die ihr, zu still dem wilden Schwarme,
Im Liebgekose grüner Arme
Mein Eremitenhüttchen wiegt.
Da tritt, mit manchem Kranz umschlungen,
Entflohne Zeit, da tritt hervor!
Hervor mit den Beseligungen
Des Thals, in dessen Dämmerungen
Mein Leben sich schon halb verlor.
Bring alle deine Jugendtänze;
Bring alles, was ich that und litt,
Die Rosen und Zypressenkränze,
Selbst meine Thorheit bring mir mit,
Samt ihren Träumen, ihren Spielen,
Und alles, was mein Herz bereut:
Denn auch auf Stellen, wo wir fielen,
Zurük zu schaun, ist Seligkeit.
Die Hoffnung hat mir oft gelogen;
Je glühender mein Herz gehofft,
Je kälter hat sie mich betrogen;
Die Gegenwart selbst täuscht uns oft;
Wir stehn uns dann noch viel zu nahe,
Um uns, so wie wir sind, zu sehn;
Wer hat wol – las es uns gestehn! –
So gut er in der Fern' auch sahe,
Nie seine Nähe falsch gesehn?
Erinnrung ist der treue Spiegel,
Der uns, so wie wir sind, uns zeigt,
Wenn viel zu hoch mit uns der Flügel
Der allzuraschen Hoffnung fleugt.
Sie führe mich zum stillsten Hügel
Der Ruhe, den ihr Geist umweht,
Wo, Schritt vor Schritt, das Herz am Zügel
Den ihre Warnung führet, geht;
Das Herz, das nur zu gern am Riegel
Der dunkeln Zukunft horchend steht.
Auch mein Herz stand mit Wunsch und Klage
Vor der, mit Recht verschlossnen, Thür,
Nicht achtend, daß es traurig hier
Den Tag der Gegenwart verschlage.
Die nächste Zukunft meiner Tage
Gehört der Zukunft und nicht mir!
Und doch, wenn je zum Reiz der Ferne
Mein Geist hinaus zu fliegen strebt,
So sey's ein Blik zum Abendsterne,
Wo meine Seelenfeier schwebt;
Wo unter seligen Gesträuchen
Der Liebe sich mein Geist verlor,
Wenn sich den Schatten dunkler Eichen
Zum Tempel meine Seel' erkor.

Ihr seelevollen Schwärmereien!
Ihr Geister meiner schönsten Zeit!
Verlast nie meine Einsamkeit,
Um sie zum Tempel mir zu weihen,
Um den, im Lispel junger Maien,
Der Ulmbaum seine Arme schlägt!
Die Priesterin in diesem Tempel
Sey nur die Freude, die den Stempel
Des hohen Götterfunkens trägt.
Las michs – in seiner höchsten Fülle
Mit Zittern fühlen, süsse Stille,
Die unter meinen Ulmen thront,
Daß tief in meiner Blütenhülle
Die Gottheit einer Seele wohnt!


Gedrukt bei W. G. SOMMER in LEIPZIG.