14
Kaum war er in der Dämmerung
Zwey hundert Schritte fortgetrottet,
Als links und rechts in vollem Sprung
Ein Heer von Hirschen und Rehen sich ihm entgegen rottet.
Sie schienen, mit Thränen im warnenden Blick,
(Wie Scherasmin, wiewohl bey wenig Lichte,
Bemerken will) aus Mitleid sie zurück
Zu scheuchen, als sprächen sie: O flieht, ihr armen Wichte!

15
Nun! merkt ihr, (flüstert er zum Ritter) wie es steht?
Und werdet ihr ein andermahl mir glauben?
Trifft's nicht ganz wörtlich ein? Die Thiere, die ihr seht,
Die aus Erbarmen uns so stark entgegen schnauben,
Sind Menschen, sag' ich euch; und wenn ihr weitergeht,
Glaubt mir, so haben wir den Kobold auf der Hauben.
Seyd nicht so hart und rennt aus Eigensinn,
Trotz eines Freundes Rath, in euer Unglück hin!

16
Wie, Alter? spricht der Held, ich geh' mit diesen Schritten
Nach Bagdad, den Kalif um eine Hand voll Haar
Aus seinem Bart und vier von seinen Zähnen zu bitten,
Und du verlangst, ich soll von ungewisser Fahr
Mich schrecken lassen? Wo ist dein Sinn geblieben?
Wer weiß, der Kobold ist vielleicht mein guter Freund.
Mit diesen wenigstens ist's nicht so schlimm gemeint;
Sieh, wie sie all' in einem Huy zerstieben!

17
Indem er's sagt, so sprengt er auf sie zu,
Und alles weicht wie Luft und ist im Huy verflogen.
Herr Hüon und sein Führer zogen
Nun eine Weile fort in ungestörter Ruh,
Stillschweigend beide. Der Tag war nun gesunken,
Und ihren Mohnsaft goß die braune Nacht herab;
Rings um sie lag schon alles schlummertrunken,
Und durch den ganzen Wald war's stille wie im Grab.

18
Zuletzt kann länger sich der Alte nicht entbrechen.
Herr, spricht er, stör' ich euch in einem Grillenplan,
So haltet mir's zu gut; 's ist eine meiner Schwächen,
Ich läugn' es nicht; allein, im Dunkeln muß ich sprechen,
Das war so meine Art von meiner Kindheit an.
Es ist so stille hier als sey der große Pan
Gestorben. Tönte nicht der Hufschlag unsrer Pferde,
Ich glaube daß man gar den Maulwurf scharren hörte.

19
Ihr denkt ich fürchte mich; doch ohne Prahlerey,
(Denn, was der Mensch auch hat, so sind's am Ende Gaben,
Auch leben manche noch, die es gesehen haben)
Wo Schwerter klirren, im Feld und im Turney,
Mann gegen Mann, auf Stechen oder Hauen,
Wär's auch im Nothfall zwey und drey
An fünf bis sechs, ich bin dabey!
Da kann man doch auf seine Knochen trauen.

20
Kurz, hat ein Feind nur Fleisch und Blut,
Ich bin sein Mann! Allein, das muß ich frey gestehen,
Um Mitternacht an einem Kirchhof gehen
Das lupft ein wenig mir den Hut.
Gesetzt, so einem Geist, der querfeld mir begegnet,
Steht meine Fysionomie
Nicht an: was hilft mir Arm und Degen, ventregris!
Wenn's unsichtbare Schläg' auf meinen Rücken regnet?

21
Gesetzt, wie man Exempel hat,
Ich hau' ihm auch den Schädel glatt vom Rumpfe;
Noch weil er rollt, stehn schon an dessen Statt
Zwey neue Köpfe auf dem Stumpfe.
Oft rennt sogar der Rumpf in vollem Lauf
Dem Kopfe nach, und setzt ihn wieder auf
Als wär' es nur ein Hut, den ihm der Wind genommen:
Nun, bitt' ich euch, wie ist so einem beyzukommen?

22
Zwar, wie ihr wißt, so bald der Hahn gekräht,
So ist's mit all dem Spuk, der zwischen eilf und zwölfen
Im Dunkeln schleicht, Gespenstern oder Elfen,
Als hätte sie der Wind davon geweht.
Allein, der Geist der hier sein Wesen treibet,
Ist euch von ganz besonderm Schlag,
Hält offnen Hof, ißt, trinkt, und lebt und leibet
Wie unser eins, und geht bey hellem Tag.

23
Um meine Neugier aufzuschrauben,
Hast du dein bestes gethan, erwiedert Siegwins Sohn:
Man spricht von Geistern so viel, und lügt so viel davon,
Daß Laien unsrer Art nicht wissen was sie glauben.
Einst kam an unsern Hof ein tief studierter Mann,
Der schwor uns hoch, es wäre gar nichts dran,
Und schimpfte weidlich los auf alle Geisterseher;
Auch hieß ihn der Kaplan nur einen Manichäer.