24
Sie disputierten oft bey einer Flasche Wein;
Doch, wenn das letzte Glas zu Kopf zu gehn begonnte,
So mischten sie so viel Latein darein
Daß unser einer kaum ein Wort verstehen konnte.
Da dacht' ich oft: Schwatzt noch so hoch gelehrt,
Man weiß doch nichts als was man selbst erfährt;
Ich wollt' ein Geist erwiese mir die Ehre
Und sagte mir was an der Sache wäre.
25
Indem sah unser wandernd Paar
Sich unvermerkt in einem Park befangen,
Durch den sich hin und her so viele Wege schlangen,
Daß irre drin zu gehn fast unvermeidlich war.
Der Mond war eben itzt vollwangig aufgegangen,
Um durch ein trüglich Dunkelklar
Die Augen, die nach einem Ausweg irren,
Mit falschen Lichtern zu verwirren.
26
Herr, sagte Scherasmin, hier ist's drauf angesehn
Uns in ein Labyrinth zu winden.
Der einz'ge Weg sich noch heraus zu finden,
Ist—auf gut Glück der Nase nachzugehn.
Der Rath (der weiser ist als mancher Klügling meinet)
Führt unsre frommen Wandrer bald
Zum Mittelpunkt, wo sich der ganze Wald
In einen großen Stern vereinet.
27
Und in der Fern' erblicken sie in Büschen
Ein Schloß, das, wie aus Abendroth gewebt,
Sich schimmernd in die Luft erhebt.
Mit Augen, worin sich Lust und Grauen mischen,
Und zwischen Traum und Wachen zweifelhaft
Schwebt Hüon sprachlos da und gafft;
Als plötzlich auf die goldnen Thüren flogen
Und rollt' ein Wagen daher, den Leoparden zogen.
28
Ein Knäbchen, schön, wie auf Cytherens Schooß
Der Liebesgott, saß in dem Silberwagen,
Die Zügel in der Hand.—Da kommt er auf uns los,
Mein bester Herr, ruft Scherasmin mit Zagen,
Indem er Hüons Pferd beym Zaume nach sich zieht:
Wir sind verloren! flieht, o flieht!
Da kommt der Zwerg!—Wie schön er ist! spricht jener—
"Nur desto schlimmer! Fort! und wär' er zehnmahl schöner.
29
"Flieht, sag' ich euch, sonst ist's um uns gethan!"
Der Ritter sträubt sich zwar, allein da hilft kein Sträuben;
Der Alte jagt im schnellsten Flug voran
Und zieht ihn nach, und hört nicht auf zu treiben,
Zu jagen über Stock und Stein,
Durch Wald und Busch, und über Zaun und Graben
Zu setzen, bis sie aus dem Hain
Ins Freye sich gerettet haben.
30
Mit Regen, Sturm und Blitz verfolgt ein Ungewitter
Die Fliehenden; die fürchterlichste Nacht
Verschlingt den Mond; es donnert, saust und kracht
Rings um sie her, als schlüg's den ganzen Wald in Splitter;
Kurz, alle Element' im Streit
Zerkämpfen sich mit zügellosem Grimme;
Doch mitten aus dem Sturm ertönt von Zeit zu Zeit
Mit liebevollem Ton des Geistes sanfte Stimme:
31
"Was fliehst du mich? Du fliehst vor deinem Glück;
Vertrau dich mir, komm, Hüon, komm zurück!"
Herr, wenn ihr's thut, seyd ihr verloren,
Schreyt Scherasmin: fort, fort, die Finger in die Ohren,
Und sprecht kein Wort! Er hat nichts Guts im Sinn!
Nun geht's aufs neue los durch Dick und Dünn,
Vom Sturm umsaust, vom Regen überschwemmet,
Bis eine Klostermau'r die raschen Reiter hemmet.
32
Ein neues Abenteu'r! Der Tag da dieß geschah
War just das Nahmensfest der heil'gen Agatha,
Der Schützerin von diesem Jungfernzwinger.
Nun lag kaum einen Büchsenschuß
Davon ein Stift voll wohl genährter Jünger
Des heil'gen Abts Antonius;
Und beide hatten sich in diesen Abendstunden
Zu einer Betefahrt freundnachbarlich verbunden.
33
Sie kamen just zurück, als, nah am Klosterbühl,
Indem sie Paar und Paar in schönster Ordnung wallten,
Der Rest des Sturms sie überfiel.
Kreuz, Fahnen, Skapulier, sind toller Winde Spiel,
Und strömend dringt die Flut bis in des Schleiers Falten.
Umsonst ist alle Müh den Anstand zu erhalten;
Die Andacht reißt; mit komischem Gewühl
Rennt alles hin und her in seltsamen Gestalten.