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Ach! keicht er, gnädiger Herr, was sagt' ich euch?—Nicht weiter,
Freund Scherasmin! fällt ihm der Zwerg ins Wort:
Ich kenne dich als einen wackern Streiter,
Nur läuft zuweilen dein Kopf mit deinem Herzen fort.
Warum, auf andrer Wort, so rasch, mich zu verlästern?
Fy! graulich schon von Bart, an Urtheil noch so jung!
Nimm in Geduld die kleine Züchtigung!
Ihr andern, geht, und büßt für euch und eure Schwestern!

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Das Klostervolk schleicht sich beschämt davon.
Drauf spricht der schöne Zwerg mit Freundlichkeit zum Alten:
Wie, Alter? immer noch des Argwohns düstre Falten?
Doch, weil du bieder bist, verzeiht dir Oberon.
Komm näher, guter alter Zecher,
Komm, faß' ein Herz zu mir und fürchte keinen Trug!
Du bist erschöpft; nimm diesen Becher
Und leer' ihn aus auf Einen Zug.

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Mit diesem Wort reicht ihm der Elfenkönig
Ein Trinkgeschirr von feinem Gold gedreht.
Der Alte, der mit Noth auf seinen Beinen steht,
Stutzt, wie er leer es sieht, nicht wenig.
Ey, ruft der Geist, noch keine Zuversicht?
Frisch an den Mund, und trink, und zweifle nicht!
Der gute Mann gehorcht, zwar nur mit halbem Willen,
Und sieht das Gold sich flugs mit Wein von Langon füllen.

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Und als er ihn auf Einen Zug geleert,
Ist's ihm, als ob mit wollustvoller Hitze
Ein neuer Lebensgeist durch alle Adern blitze.
Er fühlet sich so stark und unversehrt,
Als wie er war, da er, in seinen besten Jahren,
Mit seinem ersten Herrn zum heiligen Grab gefahren.
Voll Ehrfurcht und Vertraun fällt er dem schönen Zwerg
Zu Fuß und ruft: Nun steht mein Glaube wie ein Berg!

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Drauf spricht der Geist mit ernstem Blick zum Ritter:
Mir ist der Auftrag wohl bekannt,
Womit dich Karl nach Babylon gesandt.
Du siehst, was für ein Ungewitter
Er dir bereitet hat; sein Groll verlangt dein Blut:
Allein, was du mit Glauben und mit Muth
Begonnen hast, das helf' ich dir vollenden;
Da, wackrer Hüon, nimm dieß Horn aus meinen Händen!

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Ertönt mit lieblichem Ton von einem sanften Hauch
Sein schneckengleich gewundner Bauch,
Und dräuten dir mit Schwert und Lanzen
Zehn tausend Mann, sie fangen an zu tanzen,
Und tanzen ohne Rast im Wirbel, wie du hier
Ein Beyspiel sahst, bis sie zu Boden fallen:
Doch, lässest du's mit Macht erschallen,
So ist's ein Ruf, und ich erscheine dir.

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Dann siehst du mich, und wär' ich tausend Meilen
Von dir entfernt, zu deinem Beystand eilen.
Nur spare solchen Ruf bis höchste Noth dich dringt.
Auch diesen Becher nimm, der sich mit Weine füllet,
So bald ein Biedermann ihn an die Lippen bringt;
Der Quell versieget nie, woraus sein Nektar quillet:
Doch bringt ein Schalk ihn an des Mundes Rand,
So wird der Becher leer, und glüht ihm in der Hand.

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Herr Hüon nimmt mit Dank die wundervollen Pfänder
Von seines neuen Schützers Huld;
Und da er sich des Ostens Purpurränder
Vergülden sieht, forscht er mit Ungeduld
Nach Babylon den kürzesten der Wege.
Zeuch hin, spricht Oberon, nachdem er ihn belehrt;
Und daß ich nie die Stunde sehen möge,
Da Hüons Herz durch Schwäche sich entehrt!

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Nicht daß ich deinem Muth und Herzen
Mißtraue! aber, ach! du bist ein Adamskind,
Aus weichem Thon geformt, und für die Zukunft blind!
Zu oft ist kurze Lust die Quelle langer Schmerzen!
Vergiß der Warnung nie, die Oberon dir gab!
Drauf rührt er ihn mit seinem Lilienstab,
Und Hüon sieht aus seinem liebevollen
Azurnen Augenpaar zwey helle Perlen rollen.

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Und wie er Treu' und Pflicht ihm heilig schwören will,
Entschwunden war der Waldgeist seinem Blicke,
Und nur ein Lilienduft blieb wo er stand zurücke.
Betroffen, sprachlos, steht der junge Ritter still,
Reibt Aug' und Stirn, wie einer, im Erwachen
Aus einem schönen Traum, sich sucht gewiß zu machen,
Ob das, was ihn mit solcher Lust erfüllt,
Was wirklichs ist, ob nur ein nächtlich Bild?