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Zuweilen däuchte mich sogar
Ich sehe sie, in los gebundnem Haar,
Am Fenster stehn, mit aufgehobnen Armen,
Als flehte sie zum Himmel um Erbarmen.
Mir fuhr ein Dolch ins Herz. Und die Verzweiflung nun
Trieb mich, seit jenem Tag, aus bloßer Noth zu thun
Was ihr erfahren habt, wie alle diese Streiter:
Kurz, ungefochten, Herr, kommt hier kein Ritter weiter.

9
Gelingt es euch, was keinem noch gelang,
Aus meinem Sattel mich zu heben,
So seyd ihr frey und reiset ohne Zwang
Wohin ihr wollt: wo nicht, so müßt ihr euch ergeben,
Wie diese Herren hier, mir zu Gebot zu stehn,
Und keinen Schritt von hier zu gehn,
Bis wir das Abenteu'r bestanden
Und meine Braut erlöst aus Angulaffers Banden.

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Doch, wenn ihr etwa lieber schwört
In seinen Eisenthurm geraden Wegs zu dringen,
Und meine Angela allein zurück zu bringen,
So habt ihr freye Wahl, und seyd noch Dankes werth.
Prinz, sprach der Paladin, was braucht's hier erst zu kiesen?
Genug, daß ihr die Ehre mir erwiesen!
Kommt, einen Ritt mit euch und eurer ganzen Zahl,
Vom übrigen ein andermahl!

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Der schöne Ritter stutzt, doch läßt er sich's gefallen:
Sie reiten, die Trompeten schallen,
Und, kurz, Herr Hüon legt mit einem derben Stoß
Den Prinzen Libanons gar unsanft auf den Schooß
Der guten alten Mutter Erde.
Drauf kommen nach der Reih' die edeln Knechte dran;
Und als er ihnen so wie ihrem Herrn gethan,
Hebt er sie wieder auf mit höflicher Geberde.

12
Bey Gott, Herr Ritter, (spricht, indem er zu ihm hinkt,
Der Cedernprinz) ihr seyd ein scharfer Stecher!
Doch Basta! eure Hand! Kommt, weil der Abend winkt,
Zum brüderlichen Mahl und zum Versöhnungsbecher.
Herr Hüon nimmt den Antrag dankbar an:
Drey Stunden flogen weg mit Trinken und mit Scherzen;
Und, wie die Ritter ihn so schön und höflich sahn,
Verziehn sie ihm ihr Rippenweh von Herzen.

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Itzt, spricht er, liebe Herr'n und Freunde, da ich euch
Was mein war ehrlich abgewonnen,
Itzt, sollt ihr wissen, geht's geraden Weges gleich
Dem Riesen zu. Ich war's vorhin gesonnen,
Und thu' es nun mit desto größ'rer Lust,
Weil einem Biedermann ein Dienst damit geschiehet.
Drauf dankt er daß sie sich so viel mit ihm bemühet,
Und drückt der Reihe nach sie all' an seine Brust.

14
Und als sie ihm zur Burg des ungeschlachten Riesen
Durch einen Föhrenwald den nächsten Weg gewiesen,
Entläßt er sie, mit der Versicherung,
Sie sollten bald von ihrer Dame hören.
Lebt wohl, ihr Herr'n!—"Viel Glücks!"—Und nun in vollem Sprung
Zum Wald hinaus. Kaum röthete die Föhren
Die Morgensonn', als ihm im blachen Feld
Ein ungeheurer Thurm sich vor die Augen stellt.

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Aus Eisen schien das ganze Werk gegossen,
Und ringsum war's so fest verschlossen,
Daß nur ein Pförtchen, kaum zwey Fuß breit, offen stand;
Und vor dem Pförtchen stehn, mit Flegeln in der Hand,
Zwey hochgewaltige metallene Kolossen,
Durch Zauberey belebt, und dreschen unverdrossen
So hageldicht, daß zwischen Schlag und Schlag
Sich unzerknickt kein Lichtstrahl drängen mag.

16
Der Paladin bleibt eine Weile stehen;
Und, wie er überlegt was anzufangen sey,
Läßt eine Jungfrau sich an einem Fenster sehen,
Und winkt gar züchtiglich ihn mit der Hand herbey.
Ey ja! ruft Scherasmin, die Jungfer hat gut winken!
Ihr werdet doch kein solcher Waghals seyn?
Seht ihr die Schweizer nicht zur Rechten und zur Linken?
Da kommt von euch kein Knochen ganz hinein!

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Doch Hüon hielt getreu an seiner Ordensregel,
Dem Satan selber nicht den Rücken zuzudrehn.
Hier, denkt er, ist kein Rath als mitten durch die Flegel
Geradezu aufs Pförtchen los zu gehn.
Den Degen hoch, die Augen zugeschlossen,
Stürzt er hinein; und, wohl ihm! ihn verführt
Sein Glaube nicht; die ehernen Kolossen
Stehn regungslos, so bald er sie berührt.