18
Kaum ist der Held hinein gegangen,
Indessen Scherasmin im Hof die Pferde hält,
So eilt die schöne Magd den Ritter zu empfangen;
Mit schwarzen Haaren, die ihr am Rücken niederhangen,
In weißem Atlaßrock, der bis zur Erde fällt,
Und den am leicht bedeckten Busen
Ein goldnes Band zusammen hält,
Das zierlichste Modell zu Grazien oder Musen!

19
Was für ein Engel, (spricht, indem sie seine Hand
Nur kaum berührt, das Mädchen süß erröthend)
Was für ein Engel, Herr, hat euch mir zugesandt?
Ich stand am Fenster just, zur heil'gen Jungfrau betend,
Als ihr erschient. Gewiß hat Sie's gethan,
Und als von Ihr geschickt nimmt Angela euch an.
Von ihr, die schon so oft sich meiner angenommen,
Zu Hülfe mir gesandt, seyd tausendmahl willkommen!

20
Nur laßt uns nicht verziehn; denn jeder Augenblick
Ist mir verhaßt, den wir in diesem Kerker weilen.
Ich komme nicht, spricht Hüon, so zu eilen:
Wo ist der Ries'?—O der, versetzt sie, liegt, zum Glück,
In tiefem Schlaf, und wohl, daß ihr ihn so getroffen;
Denn, ist er wieder auferweckt,
Vergebens würdet ihr ihm obzusiegen hoffen,
So lang' der Zauberring an seinem Finger steckt.

21
Doch diesen Ring ihm sicher abzunehmen
Ist's noch gerade Zeit. "Wie so?"—Der tiefe Schlaf,
Der täglich drey—bis viermahl ihn zu lähmen
Und zu betäuben pflegt, ist kein gemeiner Schlaf.
Ich will euch, weil noch wohl zwey ganze Stunden fehlen
Bis er erwacht, die Sache kurz erzählen.
Mein Vater, Balazin von Frygien genannt,
Ist Herr von Jericho im Palästinerland.

22
Beynah vier Jahre sind's, seit mich Alexis liebte,
Der schönste Prinz vom Berge Libanon;
Und wenn ich ihn durch Sprödethun betrübte,
So wußte, glaubet mir, mein Herz kein Wort davon:
Es fiel mir schwer genug! Doch, in den ersten Wochen
Hatt' ich's der heiligen Alexia versprochen,
Nur, wenn der Prinz drey Jahre keusch und rein
Mir diente, anders nicht, die Seinige zu seyn.

23
Ganz heimlich ward er mir mit jedem Tage lieber;
Die Prüfungszeit war lang, allein sie ging vorüber;
Ich ward ihm angetraut,—und kurz, schon sahen wir
Ins Brautgemach zusammen uns verschlossen:
Auf einmahl flog im Sturm die Kammerthür
Erdonnernd auf, der Riese kam geschossen,
Ergriff mich, floh, und sieben Monden schier
Sind, seit mich dieser Thurm gefangen hält, verflossen.

24
Zu wissen, ob der Ries' es mir so leicht gemacht
Ihm Stürme ohne Zahl beständig abzuschlagen,
Müßt ihr ihn selber sehn. Mein Herr, was soll ich sagen?
Stets angefochten, stets den Sieg davon zu tragen,
Ist schwer. Einst, da er mich in einer Mondscheinsnacht
(Noch schaudert's mich!) aufs äußerste gebracht,
Fiel ich auf meine Knie, rief mit gerungnen Händen
Die Mutter Gottes an, mir Hülfe zuzusenden.

25
Die holde Himmelskönigin
Erhörte mich, die Jungfrau voller Gnaden.
Getroffen wie vom Blitz sank der Verruchet hin,
Und lag, ohnmächtig mir zu schaden,
Sechs ganzer Stunden lang. So oft, seit dieser Zeit,
Er den verhaßten Kampf erneut,
Erneut das Wunder sich; stracks muß sein Trotz sich legen,
Und nichts vermag sein Zauberring dagegen.

26
Dieß war erst heute noch der Fall; und nach Verlauf
Der sechsten Stunde (vier sind schon davon verloffen)
Steht er zu neuem Leben auf,
So frisch und stark, als hätt' ihn nichts betroffen.
Des Ringes Werk ist dieß. So lang' ihn der beschützt,
Kann ihm am Leben nichts geschehen.
Ihr glaubt nicht was der Ring für Tugenden besitzt!
Allein, was hält euch, selbst das alles anzusehen?

27
Nun ging's dem Ritter just wie euch.
Er hatte sich, nach Angulaffers Nahmen,
Ein Unthier vorgestellt aus Titans rohem Samen,
Den wilden Erdensöhnen gleich,
Die einst, den Göttersitz zu stürmen,
Den hohen Pelion zusammt den Wurzeln aus
Der Erde rissen, um ihn dem Ossa aufzuthürmen:
Nun ward ein Mann von sieben Fuß daraus.