38
Heil euch, mein edler Herr! ihr habt mich wohl gerochen,
Ruft Angela, indem sie sich entzückt
Zu seinen Füßen wirft, so bald sie ihn erblickt:
Und dir, die ihn zum Retter mir geschickt,
O Himmelskönigin, sey es hiermit versprochen,
Der erste Sohn, mit dem ich in die Wochen
Einst komme, werd', in klarem dichtem Gold,
So schwer er ist, zum Opfer dir gezollt!

39
Herr Hüon, als er sie gar ehrbar aufgehoben,
Erwiedert ihren Dank mit aller Höflichkeit
Der guten alten Ritterzeit,
Die zwar so fein, wie unsre, nicht gewoben,
Doch desto derber war, und besser Farbe hielt.
Des Ritters große Pflicht war Jungfrau'n zu beschützen,
Und, wenn sein Herz sich gleich unangemuthet fühlt,
Auf jeden Ruf sein Blut für jede zu verspritzen.

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Die Dame hatte noch nicht Zeit und Ruh genug
Gehabt, den jungen Mann genauer zu erwägen;
Itzt, da sie ihn erbat die Waffen abzulegen,
Itzt hätte sie sich gleich mehr Augen wünschen mögen
Als Junons Pfau in seinem Schweife trug,
So sehr däucht ihr der Ritter, Zug für Zug,
Von Kopf zu Fuß, an Bildung und Geberden,
An Großheit und an Reitz, der erste Mann auf Erden.

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Nicht, daß sie just mit jemand ihn verglich
Der zwischen ihm und ihrem Herzen stünde;
Ganz arglos überließ sie ihren Augen sich,
Und bloßes Sehn ist freylich keine Sünde.
Kein Skrupel störte sie in dieser Augenlust,
So sanft spielt noch um ihre junge Brust
Der süße Trug; denn, was sie sicher machte
War, daß ihr Herz nicht an Alexis dachte.

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Ein Glück für dich, unschuldige Angela,
Daß keiner deiner Blick' in Hüons Busen Zunder
Zum Fangen fand. Und freylich war's kein Wunder:
Denn, kam ihr auch, wie dann und wann geschah,
Der seinige auf halbem Weg entgegen,
So war's der Blick von einem Haubenkopf;
Er hätt' auf einen Blumentopf,
Auf ein Tapetenbild, nicht kälter fallen mögen.

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Ein unbekanntes Was, das ihn wie ein Magnet
Nach Bagdad zieht, scheint allen seinen Blicken
Die scharfe Spitze abzuknicken,
Und macht, daß jeder Reitz an ihm verloren geht.
Vergebens ist ihr Wuchs wie eine schöne Vase
Von Amors eigner Hand gedreht;
Vergebens schließt die sanft erhobne Nase
Sich an die glatte Stirn in stolzer Majestät;

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Umsonst hebt ihre Brust, gleich einem Doppelhügel
Von frischem Schnee, um den ein Nebel graut,
Den dünnen weißen Flor; umsonst ist ihre Haut
So rein und glatt als wie ein Wasserspiegel,
Worin im Rosenschmuck Aurora sich beschaut;
Vergebens hat ihr königliches Siegel
Die Schönheit jedem Theil so sichtbar aufgedrückt,
Daß ihr Gewand sie weder deckt noch schmückt.

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Kurz, Angela mit allen ihren Reitzen
Ist ihm vergebens schön und jung;
Und, ferne nach Verlängerung
Der holden Gegenwart zu geitzen,
Wünscht er mit jedem Augenblick
In ihres Bräut'gams Arm recht herzlich sie zurück,
Und kann zuletzt sich nicht entbrechen,
Da Sie nichts sagt, ihr selbst davon zu sprechen.

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Kaum daß er ihr dazu Geleit und Schutz versprach,
Und ihre Lippen sich in Dank dafür ergossen:
Als ein Getös von Reisigen und Rossen
Im Hof der Burg sie plötzlich unterbrach.
Schon trampelt's laut die langen Wendelstiegen
Herauf. Die junge Frau erschrickt—"Wer kann es seyn?"
Doch bald zerschmilzt ihr Schrecken in Vergnügen,
Denn, siehe da! Alexis tritt herein.

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Ihm war, zwar etwas spät, zu Sinne
Gestiegen, daß es ihm nicht allzu rühmlich sey,
Wenn Hüon seine Braut dem Recken abgewinne,
Indessen, weit vom Schuß, mit seiner Reiterey
Er, ihr Gemahl, im Schatten, frank und frey,
Sein zärtlich Blut mit Palmenwein verdünne:
Auch konnte ja (wer wird dafür ihm stehn?)
Der Ritter gar davon mit seinem Engel gehn.