3
Die Unruh treibt sie auf. Sie läuft, mit hastigen Schritten
Und suchendem Blick, durch Busch und Blumengefild,
Eilt athemlos zu allen grünen Hütten,
Zu allen Grotten hin; ihr Auge, zärtlich wild
Und thränenvoll, scheint das geliebte Bild
Von allen Wesen zu erbitten:
Oft steht sie ängstlich still, und lauscht
Wenn nur ein Schatten wankt, nur eine Pappel rauscht.
4
Zuletzt, indem sie sich nach einer Stelle wendet
Wo durch der Büsche Nacht ein heller Mondschein bricht,
Glaubt sie—o Wonne! wenn kein falsches Schattenlicht
Ihr gern betrognes Auge blendet—
Zu sehen was sie sucht. Sie sieht und wird gesehn;
Sein Feuerblick begegnet ihren Blicken.
Sie eilt ihm zu, und bleibt, in schauerndem Entzücken,
Wie zwischen Scham und Liebe, zweifelnd stehn.
5
Mit offnen Armen fliegt er ihr entgegen.
Sie will entfliehn, und kann die Kniee nicht bewegen.
Mit Müh verbirgt sie noch sich hinter einen Baum,
Und in der süßen Angst zerplatzt der schöne Traum.
Wie gerne hätte sie zurück ihn rufen mögen!
Sie zürnt sich selbst und dem verhaßten Baum;
Vergebens suchet sie sich wieder einzuwiegen,
Ihm nachzusinnen bleibt ihr einziges Vergnügen.
6
Die Sonne hatte bald den dritten Theil vollbracht
Von ihrem Lauf, und immer war's noch Nacht
Bey Rezia; so groß war ihr Ergetzen,
Den angenehmen Traum noch wachend fortzusetzen.
Doch da sie gar zu lang' kein Lebenszeichen giebt,
Naht endlich Fatme sich dem goldnen Bette, schiebt
Den Vorhang weg, und findet mit Erstaunen
Die Dame wach, und in der besten aller Launen.
7
Ich hab' ihn wieder gesehn, o Fatme, wünsche mir Glück,
Ruft Rezia, ich hab' ihn wieder gesehen!—
Das wäre! spricht die Amm', und sucht mit schlauem Blick
Herum, als dächte sie den Vogel auszuspähen.
Das Fräulein lacht: "Ey, ey, wie ist dein Witz so dick!
Man dächte doch, das sollte sich verstehen!
Ich sah ihn freylich nur im Traum; allein
Er muß gewiß hier in der Nähe seyn.
8
"Mir ahnt's, er ist nicht fern, und sprich mir nichts dagegen,
Wenn du mich liebst!"—So schweig' ich!—"Und warum?
Was wäre denn am Ende so verwegen
An meiner Hoffnung? Sprich! wie sollt' ich sie nicht hegen?"
Die Amme seufzt und bleibt noch immer stumm.
"Was übersteigt der Liebe Allvermögen?
Der Löwenbändiger, der mich beschützt, ist sie;
Und retten wird sie mich, begreif' ich gleich nicht wie.
9
"Du schweigst? du seufzest? Ach! zu wohl nur, gute Amme,
Versteh' ich was dein Schweigen mir verhehlt!
Du hoffest nichts für meine Flamme!
Ich selbst, ich hoffe nur weil beßrer Trost mir fehlt.
Die Stunde naht; schon klirren meine Ketten,
Und mein Verderben ist gewiß;
Ein Wunder nur, o Fatme, kann mich retten,
Ein Wunder nur! wo nicht—so kann es dieß!"
10
Bey diesem Worte zieht mit feur'gem Blicke
Sie aus dem Busen einen Dolch hervor.
"Siehst du? Dieß macht mir Muth! dieß hebt mich so empor!
Mit diesem hoff' ich alles vom Geschicke!"
Die Amme schwankt an ihren Stuhl zurücke,
Wird leichenblaß, und zittert wie ein Rohr.
Ach! ist dieß alles, so erbarme
Sich Gott!—ruft sie, und weint und ringt die Arme.
11
Das Fräulein drückt die Hand ihr auf den Mund:
Still, spricht sie, fasse dich! und steckt in ihren Busen
Den Dolch zurück. Du weißt, im weiten Erdenrund
Ist nichts mir so verhaßt als dieser Fürst der Drusen.
Eh' Der mich haben soll, eh' soll ein giftiger Molch
In meine Brust die scharfen Zähne schlagen!
Kommt mein Geliebter nicht, den Raub ihm abzusagen,
Was bleibt mir übrig als mein Dolch?
12
Kaum hatte sie die Worte ausgesprochen,
So hört man am Tapetenthürchen pochen,
Das aus dem Schlafgemach in Fatmens Kammer führt.
Sie geht, und kommt nach einer kleinen Weile
So schnell zurück, daß sie vor lauter Eile
Und Freudentrunkenheit den Athem fast verliert.
"Nun sind wir aller Noth entbunden!
Triumf! Prinzessin, Triumf! der Ritter ist gefundener