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Der wilde Amory, wie er sein dampfend Blut
Den Panzer färben sieht, entbrannt von neuer Wuth,
Und stürmt auf Hüon ein, gleich einem Ungewitter
Das alles vor sich her zertrümmert und verheert,
Blitzt Schlag auf Schlag, so daß mein junger Ritter
Der überlegnen Macht mit Mühe sich erwehrt.
Ein Arm, an Kraft mit Rolands zu vergleichen,
Bringt endlich ihn, nach langem Kampf, zum Weichen.

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Des Sieges schon gewiß faßt Amory sogleich
Mit beiden angestrengten Händen
Sein mächtig Schwert, den Kampf auf Einen Schlag zu enden.
Doch Hüons gutes Glück entglitscht dem Todesstreich,
Und bringt, eh jener sich ins Gleichgewicht zu schwingen
Vermag, da wo der Helm sich an den Kragen schnürt,
So einen Hieb ihm bey, daß ihm die Ohren klingen,
Und die entnervte Hand den Degengriff verliert.

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Der Stolze sinkt zu seines Gegners Füßen,
Und Hüon, mit gezücktem Schwert,
Dringt auf ihn ein. Entlade dein Gewissen,
Ruft er, wenn noch das Leben einen Werth
In deinen Augen hat. Gesteh es auf der Stelle
Bandit, schreyt Amory, indem er alle Kraft
Zum letzten Stoß mit Grimm zusammen rafft,
Nimm dieß und folge mir zur Hölle!

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Zum Glücke streift der Stoß, mit ungewisser Hand
Vom Boden auf geführt, durch eine schnelle Wendung
Die Hüon macht, unschädlich nur den Rand
Des linken Arms; allein, mein Ritter, in der Blendung
Des ersten Zorns, vergißt, daß Hohenblat,
Um öffentlich vor Karln die Wahrheit kund zu machen,
Noch etwas Athem nöthig hat,
Und stößt sein breites Schwert ihm wüthend in den Rachen.

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Der Frevler speyt in Wellen rother Flut
Die schwarze Seele aus. Der Sieger steht, entsündigt
Und rein gewaschen in seines Klägers Blut,
Vor allen Augen da. Des Herolds Ruf verkündigt
Es laut dem Volk. Ein helles Jubelgeschrey
Schallt an die Wolken. Die Ritter eilen herbey
Das Blut zu stillen, das an des Panzers Seiten
Herab ihm quillt, und ihn zum Kaiser zu begleiten.

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Doch Karl (so fährt der junge Ritter fort
Dem Mann vom Felsen zu erzählen)
Karl hielt noch seinen Groll. Kann dieser neue Mord
Mir, rief er, meinen Sohn beseelen?
Ist Hüons Unschuld anerkannt?
Ließ Hohenblat ein Wort von Widerruf entfallen?
Auf ewig sey er denn aus unserm Reich verbannt,
Und all sein Land und Gut der Krone heimgefallen!

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Streng war dieß Urtheil, streng der Mund
Aus dem es ging; allein, was konnten wir dagegen?
Das einzige Mittel war aufs Bitten uns zu legen.
Die Pärs, die Ritterschaft, wir alle knieten, rund
Um seinen Thron, uns schier die Kniee wund,
Und gaben's endlich auf, ihn jemahls zu bewegen;
Als Karl zuletzt sein langes Schweigen brach:
Wohlan, ihr Fürsten und Ritter, ihr wollt's, wir geben nach.

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Doch höret den Beding, den nichts zu widerrufen
Vermögend ist!—Hier neigt' er gegen mich
Herunter zu des Thrones Stufen
Den Zepter—Ich begnadige dich:
Allein, aus allen meinen Reichen
Soll dein verbannter Fuß zur Stunde stracks entweichen,
Und, bis du Stück für Stück mein kaiserlich Gebot
Vollbracht, ist Wiederkunft unmittelbarer Tod.

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Zeuch hin nach Babylon, und in der festlichen Stunde,
Wenn der Kalif, im Staat, an seiner Tafelrunde,
Mit seinen Emirn sich beym hohen Mahl vergnügt,
Tritt hin, und schlage dem, der ihm zur Linken liegt,
Den Kopf ab, daß sein Blut die Tafel überspritze.
Ist dieß gethan, so nahe züchtig dich
Der Erbin seines Throns, zunächst an seinem Sitze,
Und küß' als deine Braut sie dreymahl öffentlich.

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Und wenn dann der Kalif, der einer solchen Scene
In seiner eignen Gegenwart
Sich nicht versah, vor deiner Kühnheit starrt,
So wirf dich, an der goldnen Lehne
Von seinem Stuhle, hin, nach Morgenländer-Art,
Und, zum Geschenk für mich, das unsre Freundschaft kröne,
Erbitte dir von ihm vier seiner Backenzähne
Und eine Hand voll Haar aus seinem grauen Bart.