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Geh hin, und, wie gesagt, eh' du aufs Haar vollzogen
Was ich dir hier von Wort zu Wort gebot,
Ist deine Wiederkunft unmittelbarer Tod!
Wir bleiben übrigens in Gnaden dir gewogen.
Der Kaiser sprach's und schwieg. Allein wie uns dabey
Zu Muthe war, ist nothlos zu beschreiben.
Ein jeder sah, daß so gewogen bleiben
Nichts besser als ein Todesurtheil sey.
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Ein dumpfes Murren begann im tiefen Sahl zu wittern.
Bey Sankt Georg! (sprach einer von den Rittern
Der auf der Lanzelot und Tristan rauher Bahn
Manch Abenteu'r mit Ehren abgethan)
Sonst pfleg' ich auch nicht leicht vor einem Ding zu zittern;
Setz' einer seinen Kopf, ich setz' ihm meinen dran:
Doch was der Kaiser da dem Hüon angesonnen
Hätt' auch, so brav er war, Herr Gawin nicht begonnen!
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Was red' ich viel? Es war zu offenbar
Daß Karl durch dieß Gebot mir nach dem Leben trachte.
Doch, wie es kam, ob es Verzweiflung war,
Ob Ahnung, oder Trotz, was mich so tollkühn machte,
Genug, ich trat vor ihn und sprach mit Zuversicht:
Was du befohlen, Herr, kann meinen Muth nicht beugen.
Ich bin ein Frank! Unmöglich oder nicht,
Ich unternehm's, und seyd ihr alle Zeugen!
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Und nun, kraft dieses Worts, mein guter Scherasmin,
Siehst du mich hier, nach Babylon zu reisen
Entschlossen. Willst du mir dahin
Den nächsten Weg aus diesen Bergen weisen,
So habe Dank; wo nicht, so mach' ich's wie ich kann.
Mein bester Herr, versetzt der Felsenmann,
Indem die Zähren ihm am Bart herunter beben,
Ihr ruft, wie aus dem Grab, mich in ein neues Leben!
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Hier schwör' ich euch, und da, zum heil'gen Pfand,
Ist diese alte zwar doch nicht entnervte Hand,
Mit euch, dem theuren Sohn und Erben
Von meinem guten Herrn, zu leben und zu sterben.
Das Werk, wozu der Kaiser euch gesandt,
Ist schwer, doch ist damit auch Ehre zu erwerben!
Genug, ich führ' euch hin, und steh' euch festen Muths
Bis auf den letzten Tropfen Bluts.
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Der junge Fürst, gerührt von solcher Treue,
Fällt dankbarlich dem Alten um den Hals.
Drauf legen sich die beiden auf die Streue,
Und Hüon schläft als wär' es Flaum. Und als
Der Tag erwacht, erwacht mit muntern Blicken
Der Ritter auch, schnallt seine Rüstung an,
Der Alte nimmt den Quersack auf den Rücken,
Den Knittel in die Hand, und wandert frisch voran.
Zweyter Gesang.
1
So zieht das edle Paar, stets fröhlich, wach und munter,
Bey Sonnenschein und Sternenlicht
Drey Tage schon den Libanon hinunter;
Und wenn die Mittagsgluth sie auf die Scheitel sticht,
Dient hohes Gras im Schatten alter Cedern
Zum Ruheplatz; indeß in bunten Federn
Das leichte Volk der Luft die Silberkehlen stimmt,
Und traulich Theil an ihrer Mahlzeit nimmt.
2
Am vierten Morgen läßt ein kleiner Haufen Reiter
Sich ziemlich nah auf einer Höhe sehn.
Es sind Araber, spricht zu Hüon sein Begleiter,
Und aus dem Wege dem rohen Volke zu gehn,
Wo möglich, wäre wohl das beste:
Ich kenne sie als unverschämte Gäste.
Ey, ey, wo denkst du hin? erwiedert Siegwins Sohn,
Wo hörtest du, daß Franken je geflohn?
3
Die Söhne der Wüste, magnetisch angezogen
Von Hüons Helm, der ihnen im Sonnenglanz
Entgegen blitzt, als wär' er ganz
Karfunkel und Rubin, sie kommen mit Pfeil und Bogen,
Den Säbel gezückt, in Sturm heran geflogen.
Ein Mann zu Fuß, ein Mann zu Pferd
Scheint ihnen kaum des Angriffs werth;
Allein sie fanden sich betrogen.