18
Es ist vielleicht der schöne Gärtner, spricht
Die schlaue Zof': er ist, wofern mich alles nicht
An ihm betrügt, der Mann sein Leben dran zu setzen,
Um hier, im Hinterhalt, an einen Busch gedrückt,
Mit einem Anblick sich noch einmahl zu ergetzen,
Der ihn ins Paradies verzückt.
Wie wenn wir ihn ganz leise überraschten,
Und auf der frischen That den schönen Frevler haschten?

19
Schweig, Närrin, spricht die Haremskönigin;
Du faselst, glaub' ich, gar im Traume?
Und gleichwohl richtet sie geraden Wegs zum Baume,
Woher das Rauschen kam, die leichten Schritte hin.
Es war ein Eidechs nur gewesen,
Der durchs Gesträuch geschlüpft.—Ein Seufzer, halb erstickt,
Halb in den Strauß, den sie zum Munde hielt, gedrückt,
Bekräftigt was Nadin' in ihrem Blick gelesen.

20
Unmuthig kehrt sie um, und mit sich selbst in Zwist,
Beißt sich die Lippen, seufzt, spricht etwas, und vergißt
Beym dritten Wort schon was sie sagen wollte,
Zürnt, daß Nadine nicht die rechte Antwort giebt,
Und nicht erräth, was sie errathen sollte;
Die schöne Dame ist, mit Einem Wort—verliebt!
Sogar ihr Blumenstrauß erfährt's—wird, ohn' ihr Wissen,
Zerknickt, und, Blatt für Blatt, verzettelt und zerrissen.

21
Drey Tage hatte nun das Übel schon gewährt,
Und war, durch Zwang und Widerstand genährt,
Mit jeder Nacht, mit jedem Morgen schlimmer
Geworden. Denn, so bald der Abendschimmer
Die bunten Fenster mahlt, verläßt sie ihre Zimmer,
Und streicht, nach Nymfen-Art, mit halb entbundnem Haar,
Durch alle Gartengäng' und Felder, wo nur immer
Den Neffen Ibrahims zu finden möglich war.

22
Allein, vergebens lauscht' ihr Blick, vergebens pochte
Ihr Busen Ungeduld: der schöne Gärtner ließ
Sich nicht mehr sehn, was auch die Ursach' heißen mochte.
Unglückliche Almansaris!
Dein Stolz erliegt. Wozu dich selbst noch länger quälen,
(Denkt sie) und was dich nagt Nadinen, die gewiß
Es lange merkt, aus Eigensinn verhehlen?
Verheimlichung heilt keinen Schlangenbiß.

23
Sie wähnt, sie suche Trost an einer Freundin Busen;
Doch was sie nöthig hat ist eine Schmeichlerin.
In dieser Hofkunst war Nadine Meisterin.
Der Saft von allen Pompelmusen
In Afrika erfrischte nicht so gut
Der wollustathmenden Sultanin gährend Blut,
Als dieser Freundin Rath und zärtliches Bemühen,
Den Mann, den sie begehrt, bald in ihr Netz zu ziehen.

24
Um Mitternacht und bey verschloßnen Thüren
Ihn in den Theil des Harems einzuführen
Worin Almansaris ganz unumschränkt befahl,
Schien nicht so schwierig, seit der Sultan, ihr Gemahl,
Der Leidenschaft zur schönen Zoradinen
(Wie sich die junge Fremde hieß
Die durch ein Wunder jüngst an diesem Strand erschienen)
Ganz öffentlich und frey sich überließ.

25
Die Amme hatte sich im Schließen nicht betrogen;
Es war Amanda selbst, die aus der Räuber Macht
Titania durch einen Blitz gezogen
Und unverletzt an diesen Strand gebracht.
Ihr wißt, was sich begab als sie ans Land gekommen;
Wie ihr Almansor stracks sein flüchtig Herz geweiht,
Und wie mit neidischer verstellter Zärtlichkeit
Almansaris sie aufgenommen.

26
Der Sultan war vielleicht der allerschönste Mann
Auf den die Sonne je geschienen,
Und wußte dessen sich so siegreich zu bedienen,
Daß ihm noch nie ein weiblich Herz entrann.
Zum ersten Mahl bey dieser Zoradinen
Verlor er seinen Ruhm. Für Sie ist nur Ein Mann
Auf Erden; Sie hat keine Augen, keinen
Gedanken, keinen Sinn, als nur für diesen Einen.

27
Die Würde ohne Stolz, die edle Sicherheit,
Die anstandvolle, unterstellte
Gleichgültigkeit und ungezwungne Kälte,
Womit sie ihn, der hier befehlen kann, so weit
Von sich zu halten weiß, daß er, wie sehr er brennet,
Ihr kaum durch einen stummen Blick
Zu klagen wagt,—dieß alles sieht und nennet
Almansaris der Buhlkunst Meisterstück.