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Gewohnt, des Sultans Herz nach ihrer Lust zu drehen,
Zu herrschen über ihn, im Harem unbeschränkt
Zu herrschen, könnte sie den Zepter ungekränkt
Von dieser Fremden aus der Hand sich spielen sehen?
Zwar leiht sie ihrem Haß ein lächelndes Gesicht,
Und thut als zweifle sie an Zoradinen nicht;
Doch überall ist's in des Harems Mauern
Verborgner Augen voll, die all ihr Thun belauern.

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Allein, seitdem des schönen Gärtners Reitz
Mit Amors schärfstem Pfeil ihr stolzes Herz durchdrungen,
Hat Lustbegier die Eifersucht verschlungen.
Ihr Ehrgeitz weicht nun einem süßern Geitz,
Dem Geitz nach seinem Kuß. Ihn wieder zu besiegen
Ist nun ihr einz'ger Stolz. Mag doch die ganze Welt
Zu Zoradinens Füßen liegen,
Wenn Sie nur den sie liebt in ihren Armen hält!

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Sie selbst befördert nun den Anschlag—Zoradinen,
Entfernt von ihr, in einem andern Theil
Des Harems, den Almansor schon in Eil'
Für sie bereiten ließ, anständ'ger zu bedienen:
Der Fremden wahrer Stand, wiewohl sie ihn noch nicht
Gestanden, mache dieß zu einer Art von Pflicht;
Beym ersten Anblick könn' es keinem Aug' entgehen,
Sie sey gewohnt nichts über sich zu sehen.

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Indem Almansaris, mit lust'ger Höflichkeit,
Auf diese Weise sich in ihren eignen Zimmern
Von einer Zeugin, die ihr lästig ist, befreyt,
Läßt, ohne sich um sie, und wie sie sich die Zeit
Vertreiben kann und will, im mindesten zu kümmern,
Almansor, der nun ganz sich seiner Liebe weiht,
Ihr freyen Raum, Entwürfe auszubrüten,
Wozu im Harem ihr sich hundert Hände bieten.

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Unmäßig grämt indeß der schöne Gärtner sich,
Daß ihm—der schon seit mehr als sieben Tagen
Die Mauern, wo Amanda trau'rt, umschlich,
(Denn daß sie trau'rt, das kann sein eignes Herz ihm sagen)
Das holde Weib auch durch ein Gitter nur
Zu sehn, nur ihres leichten Fußes Spur,
(Er würd' ihn, o gewiß! aus tausenden erkennen!)
Die unmitleidigen Gestirne noch mißgönnen.

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Er wirft sich unmuthsvoll bey seinen Freunden hin:
"Könnt ihr, wenn ihr mich liebt, denn keinen Weg ersinnen,
Nur einen einz'gen Mund im Harem zu gewinnen,
Der meinen Nahmen nur und daß ich nah ihr bin
Ins Ohr ihr flüstre?"—Still! da kommt mir was zu Sinn,
Ruft Fatme aus: Ihr sollt ihr einen Mahneh schicken!
Geht nur, die Blumen, die uns nöthig sind, zu pflücken;
In dieser Sprache bin ich eine Meisterin.

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Und Hassan eilt, wie Fatme ihm befohlen,
Ein Myrtenreis, und Lilien, und Schasmin,
Und Rosen und Schonkilien herzuhohlen.
Drauf heißt sie ihn ein Haar aus seinen Locken ziehn,
Nimmt dünnen goldnen Draht, und windet
Und dreht das Haar mit ihm zusammen, bindet
Den Strauß damit, und drein ein Lorberblatt,
Worauf er A und H, verschränkt, gekritzelt hat.

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Nun, spricht sie, wenn ich's noch mit Zimmetwasser netze,
So ist's der schönste Brief, den je ein Herzensdieb
Von eurer Art an seine Liebste schrieb.
Wollt ihr, daß ich's geschwind euch übersetze?
Verliere keine Zeit, ruft Hüon, tausend Dank!
Du kannst nicht bald genug mir eine Antwort bringen;
Die Liebe schütze dich und laß' es dir gelingen!
Geh, wir erwarten dich auf dieser Rasenbank.

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Die gute Fatme ging. Allein, weil ihr kein Zimmer
Im innern Theil des Harems offen stand,
So lief der Strauß durch manche Sklavenhand,
Und ward zuletzt (wie sich der Zufall immer
In alles ungebeten mischt)
Durch einen Irrthum von Nadinen aufgefischt,
Und ihrer Königin, nachdem sie erst durch Fragen
Das Wie und Wann erforscht, frohlockend zugetragen.

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Weil Fatme diesen Brief gebracht,
Die Sklavin Ibrahims, so konnte der Verdacht
Auf keinen andern als den schönen Hassan fallen;
Und daß er aus des Harems Schönen allen
Der Schönsten gelten muß, scheint eben so gewiß,
Zumahl nach dem was jüngst sich zugetragen.
Was könnte denn das A und H sonst sagen,
Als—Hassan und Almansaris?