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Und hätte sie, wiewohl es nicht zu glauben,
Auch eine Nebenbuhlerin;
Nur desto mehr Triumf für ihren stolzen Sinn,
Der Feindin mit Gewalt die Beute wegzurauben!
Die Eifersucht, die dieß auf einmahl rege macht,
Vereinigt sich mit andern sanftern Trieben,
Nicht länger als bis auf die nächste Nacht
Den schönen Sieg, nach dem sie dürstet, zu verschieben.
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Indessen kommt, entzückt von ihres Auftrags Glück,
Und ohne Argwohn, hintergangen
Zu seyn, fast athemlos, mit glühend rothen Wangen
Vor Freud' und Hastigkeit, die Amme nun zurück.
Ihr Blick ist schon von fern als wie ein Sonnenblick
Aus Wolken, die sich just zu theilen angefangen.
Herr Ritter (raunt sie ihm ins Ohr) was gebt ihr mir,
So öffnet heute noch sich euch die Himmelsthür?
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Mit Einem Wort, ihr sollt Amanden sehen!
Noch heut, um Mitternacht, wird euch die kleine Thür
Ins Myrtenwäldchen offen stehen:
Der Sklavin, die euch dort erwartet, folget ihr
Getrost wohin sie geht, und fürchtet keine Schlingen;
Sie wird euch unversehrt an Ort und Stelle bringen.
Das gute Weib, dem nichts von Arglist schwant,
Verläßt sich auf den Weg, den sie ihm selbst gebahnt.
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"Wie hoch, o Fatme! bin ich dir verbunden!
Ruft Hüon aus—Ich soll sie wiedersehn!
Noch diese Nacht! Und wär's, durch tausend Wunden
Unmittelbar von Ihr in meinen Tod zu gehn,
Kaum würde weniger die Nachricht mich erfreuen!"
Mein bester Herr, ich habe guten Muth;
Die Sterne sind uns hold, ihr werdet sie befreyen,
(Spricht Scherasmin) und alles wird noch gut!
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Gebt mir drey Tage nur, um heimlich eine Pinke
Zu miethen, die nicht fern in einer sichern Bucht
Vor Anker liegen soll, bereit, beym ersten Winke,
So bald der Augenblick zur Flucht
Uns günstig wird, frisch in die See zu stechen.
Noch läßt's das Kästchen uns an Mitteln nicht gebrechen;
Nur Gold genug, so ist die Welt zu Kauf;
Ein goldner Schlüssel, Herr, schließt alle Schlösser auf!
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Indeß daß unser Held die Zeit von seinem Glücke
Mit Ungeduld an seinem Pulse zählt,
Und, weil sein Puls mit jedem Augenblicke
Behender schlägt, sich immer überzählt,
Seufzt, nicht geduldiger, die reitzende Sultane,
Gerüstet schon zum Sieg, die Mitternacht herbey.
Gefällig bot der Zufall ihrem Plane
Die Hand, und machte sie von allen Seiten frey.
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Ein großes Fest, der schönen Zoradinen
Zu Ehren im Palast vom Sultan angestellt,
Wobey die Odalisken all' erschienen,
Gab ihr in ihrem Theil des Harems offnes Feld.
Daß sich Almansaris für überflüssig hält
Bey dieser Lustbarkeit, schien keinem ungebührlich:
Im Gegentheil, man fand das Kopfweh sehr natürlich,
Das, wie gebeten, sie auf einmahl überfällt.
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Die Stunde ruft. Der schöne Gärtner nahet
Sich leise durchs Gebüsch der kleinen Gartenthür.
Wie klopft sein Herz! Ihm fehlt der Athem schier,
Da eine weiche Hand im Dunkeln ihn empfahet,
Und sanft ihn nach sich zieht. Stillschweigend folgt er ihr,
Mit leisem Tritt, bald auf bald ab, durch enge
Sich oft durchkreuzende lichtarme Bogengänge,
Und nun entschlüpft sie ihm vor einer neuen Thür.
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Wo sind wir? flüstert er und tappt mit beiden Händen.
Auf einmahl öffnet sich die Thür. Ein matter Schein
(Wie wenn sich, zwischen Myrtenwänden
Mit Efeu überwölbt, in einem Frühlingshain
Der Tag verliert) entdeckt ihm eine Reihe Zimmer
Die ohne Ende scheint; und, wie er vorwärts geht,
Wird unvermerkt das matte Licht zu Schimmer,
Der Schimmer schnell zum höchsten Glanz erhöht.
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Er steht betroffen und geblendet
Von einer Pracht, die alles, was er ie
Gesehn, beschämt; so sehr ist Gold und Lapis Lazuli,
Und was Golkond und Siam reiches sendet,
Mit stolzer Üppigkeit hier überall verschwendet.
Doch unbefriedigt sucht sein liebend Auge—Sie.
Wo ist Sie? seufzt er laut. Kaum ist sein Ach! entflogen,
So wird, in einem Blitz, ein Vorhang weggezogen.