8
O! raubet nun dem Blitz die Feuerschwingen,
Ihr Stunden, ihn herbey zu bringen,
Den süßen Augenblick! Zu langsam schleichet ihr
(Wie schnell ihr eilt!) der lechzenden Begier!
Doch—Sie ist's nicht allein, die jetzt Sekunden zählet:
Auch Hüon überlebt, von Ungeduld gequälet,
Den trägen Gang der drey verhaßten Tage kaum,
Und wachend und im Schlaf ist Rezia sein Traum.

9
Der zweyte Morgen war dem sehnlichen Verlangen
Der Haremskönigin nun endlich aufgegangen;
Goldlockig, schön und rosenathmend stieg
Er, wie der Herold, auf, der ihr den schönsten Sieg
Verkündigte; schon säuselt durch die Myrten,
Die, dicht verweht, der Grotten schönste gürten,
Ein leichter Morgenwind, und tausendstimmig schallt
Der Vögel frühes Kor im nah gelegnen Wald.

10
Doch um die Grotte her ist unterm Myrtenlaube
In ew'ger Dämmerung das Heiligthum der Ruh.
Hier girret nur die sanfte Turteltaube
Dem Tauber ihre Sehnsucht zu.
In diesen lieblichen Gebüschen,
Dem dunkeln Sitz verborgner Einsamkeit,
Pflegt öfters sich zur stillen Morgenzeit
Almansaris mit Baden zu erfrischen.

11
Der anmuthsvolle Morgen rief
Den schönen Hassan auf, indeß noch alles schlief,
Die Blumenkörbe voll zu pflücken,
Die er an jedem Tag dem Harem zuzuschicken
Verbunden war: als ihm ein Sklav' entgegen lief,
Und keuchend ihm befahl die Grotte aufzuschmücken.
Der Neger fügt, zur Eil' ihn anzuspornen, bey,
Daß eine Dame dort zu baden Willens sey.

12
Verdrossen geht Herr Hüon auszurichten
Was ihm befohlen war. Er füllt mit bunten Schichten
Von Blumen, Florens ganzem Schatz,
Den größten Korb, und eilt zum angewiesnen Platz.
Fern ist's von ihm, der Sache mißzutrauen.
Allein, beym Eintritt in die Grotte fällt auf ihn
Ein dumpfes wunderbares Grauen,
Und ein verborgner Arm scheint ihn zurück zu ziehn.

13
Betroffen setzt er seine Blumen nieder;
Doch faßt er Augenblicks sich wieder
Und lächelt seiner Furcht. Das zweifelhafte Licht,
Das unter tausendfachem Flittern
In diesem Labyrinth mit sichtbar'm Dunkel ficht,
Ist ohne Zweifel Schuld an diesem kind'schen Zittern,
Denkt er, und geht getrost, bey immer hellerm Schein,
Mit seinem Blumenkorb ins Innerste hinein.

14
Hier herrscht ein Tag wie zu verstohlnen Freuden
Die schlaue Lust ein Zauberlicht sich wählt,
Nicht Tag nicht Dämmerung; er schwebte zwischen beiden,
Nur lieblicher durch das, was ihm zu beiden fehlt;
Er glich dem Mondschein, wenn durch Rosenlauben
Sein Silberlicht zerschmilzt in blasses Roth.
Der Held, wiewohl ihm hier noch nichts gefährlichs droht,
Erwehrt sich kaum, bezaubert sich zu glauben.

15
Was er am wenigsten sich überreden kann,
Ist, daß man hier, wo alles um und an
Von Blumen strotzt, noch Blumen nöthig hätte.
Doch, wie sein Auge nun auf allen Seiten irrt,
O wer beschreibt, wie ihm zu Muthe wird,
Da ihm auf einem Ruhebette
Sich eine Nymf' aus Mahoms Paradies
Im vollen Glanz der reinsten Schönheit wies!

16
In einem Licht, das zauberisch von oben
Wie eine Glorie auf sie herunter strömt,
Und, durch die Dunkelheit des übrigen erhoben,
Mit ihres Busens Schnee die Lilien beschämt;
In einer Lage, die ihm Reitzungen entfaltet
Wie seine Augen nie so schön entschleiert sahn;
Mehr werth als alles was zum Farren und zum Schwan
Den Jupiter der Griechen umgestaltet.

17
Die Gase, die nur, wie ein leichter Schatten
Auf einem Alabasterbild
Sie hier und da umwallet, nicht verhüllt,
Scheint mit der Nacktheit selbst den Reitz der Scham zu gatten.
Weg, Feder, wo Apell und Tizian
Bestürzt den Pinsel fallen ließen!
Der Ritter steht, und bebt, und schaut bezaubert an,
Wiewohl ihm besser war die Augen zuzuschließen.