18
In süßem Irrthum steht er da
Und glaubt, doch nur zwey Augenblicke,
(So schön ist was er sieht) er sehe Rezia.
Allein, mit Recht mißtrauisch einem Glücke
Das ihm unglaublich däucht, tritt er ihr näher, sieht,
Erkennt Almansaris, und wendet sich und flieht;
Er flieht, und fühlt im Fliehn von zwey elastisch runden
Milchweißen Armen sich gefangen und umwunden.

19
Er kämpft den schwersten Kampf, den je seit Josefs Zeit
Ein Mann gekämpft, den edlen Kampf der Tugend
Und Liebestreu' und feuervollen Jugend
Mit Schönheit, Reitz und heißer Üppigkeit.
Sein Will' ist rein von sträflichem Entzücken;
Allein, wie lange wird er ihrem süßen Flehn,
Den Küssen voller Gluth, dem zärtlich wilden Drücken
An ihren Busen, widerstehn?

20
O Oberon, wo ist dein Lilienstängel,
Wo ist dein Horn in dieser Fährlichkeit?
Er ruft Amanden, Oberon, alle Engel
Und Heilige zu Hülf'—Und noch zu rechter Zeit
Kommt Hülf' ihm zu. Denn just, da jede Sehne
Ermatten will zu längerm Widerstehn,
Und mit wollüst'ger Wuth ihn die erhitzte Schöne
Fast überwältigt hat, läßt sich Almansor sehn.

21
Gleich einem angeschoßnen Wild,
Und wüthend, eine Frau, die ihn verschmäht, zu lieben,
Hat er, verfolgt von Zoradinens Bild,
Schon eine Stunde sich im Garten umgetrieben:
Der Zufall leitet ihn in dieses Myrtenrund;
Er glaubt die Stimme von Almansaris zu hören,
Und, weil die Grottenthür nur angelehnet stund,
Geht er hinein, sich näher zu belehren.

22
Der Dämon, der durch seiner Priesterinnen
Gefährlichste des Ritters Treu' bestritt,
Wird schon von fern an seinem Sultansschritt
Almansors nahe Ankunft innen.
O Hülfe, Hülfe! schreyt das schnell gewarnte Weib,
Und wechselt stracks mit Hüons Ihre Rolle,
Stellt sich, als kämpfte sie um ihren eignen Leib
Mit einem Wüthenden, der sie entehren wolle.

23
Ihr wilder Blick, ihr halb zerrissenes Gewand,
Ihr fliegend Haar, des jungen Gärtners Schrecken,
Der von der unversehenen kecken
Beschuldigung wie blitzgetroffen stand,
Der Ort, wo ihn der Sultan fand;
Kurz, alles schien in ihm den Frevler zu entdecken.
O! Alla! sey gelobt, rief die Betrügerin,
Daß ich Almansorn selbst die Rettung schuldig bin!

24
Drauf, als sie schamhaft sich in alle ihre Schleier
Gewickelt, lügt sie, mit dem Ton
Der Unschuld selbst, ein falsches Abenteuer:
Wie dieser schändliche verkappte Christensohn,
Da ihr die Lust im Kühlen sich zu waschen
Gekommen, sich erfrecht sie hier zu überraschen,
Und wie sie mit Gewalt sich seiner kaum erwehrt,
Als ihn, zu größtem Glück, der Sultan noch gestört.

25
Um von dem häßlichen Verbrechen,
Deß er beschuldigt wird, den Ritter los zu sprechen,
Bedurft's nur Einen unbefangnen Blick;
Doch seinem Richter fehlt auch dieser einz'ge Blick.
Der Held verachtet es, mit einer Frauen Schande
Sich selbst vom Tode zu befreyn;
Er schmiegt den edeln Arm in unverdiente Bande,
Und hüllet schweigend sich in sein Bewußtseyn ein.

26
Der Sultan, den sein Unmuth zum Verdammen
Noch rascher macht, bleibt dumpf und ungerührt.
Der Frevler werd' in Ketten weggeführt,
(Herrscht er den Sklaven zu, die sein Befehl zusammen
Gerufen) werfet ihn in eine finstre Gruft;
Und morgen früh, so bald vom Thurm der Imam ruft,
Werd' er, im äußern Hof, ein Raub ergrimmter Flammen,
Und seine Asche streut mit Flüchen in die Luft!

27
Der Edle hört sein Urtheil schweigend,—blitzet
Auf das verhaßte Weib noch Einen Blick herab,
Und wendet Sich, und geht in Fesseln ab,
Auf einen Muth, den nur die Unschuld giebt, gestützet.
Kein Sonnenblick erfreut das fürchterliche Grab,
Worin er nun tief eingekerkert sitzet;
Der Nacht des Todes gleicht die Nacht, die auf ihn drückt
Und jeden Hoffnungsstrahl in seinem Geist erstickt.