In den meisten Gasthäusern dieser Art kann man nur äußerst selten einzelne Zimmer bekommen. In vielen stehen 10-12 Betten, von denen jedes seine zwei Individuen aufnehmen muß, was nicht Jedermanns Vergnügen ist. Da die wenigsten Personen, die hier neben einander zu schlafen gezwungen sind, sich auf ihrem Lebenswege schon einmal begegnet sind, so ist man in beständiger Gefahr, bei der Rückkehr von einem Gange auswärts sein Gepäcke nicht mehr zu finden.
Am meisten werden die unerfahrenen, gutmüthigen deutschen Landleute geprellt; eines traurigen Falls möge hier Erwähnung geschehen. Ein churhessischer Bauer schenkte einem Makler sein Vertrauen, der ihm eine Wohnung in einem Privathause zu verschaffen versprach, da die meisten Gasthäuser übersetzt waren. Als derselbe den Koffer des Einwanderers, in dem seine ganze Habseligkeit eingeschlossen war, in dem neuen Quartier niedergesetzt hatte, lud er den Bauer auf's Freundlichste zu der Besichtigung der Merkwürdigkeiten New-Yorks ein, was dieser dankbar annahm. Er führte ihn in eine der belebtesten Straßen der Stadt, und, als sie sich im dichtesten Gedränge und Getümmel befanden, war er mit einem Male spurlos verschwunden. Der arme Betrogene kannte weder die Nummer des Hauses, noch den Namen der Straße, in der er seinen Koffer zurückgelassen hatte, und seine sämmtlichen Kleider, seine Wäsche, sowie seine ganze Baarschaft waren verloren. Einige Mitglieder des deutschen Volksvereins[ [5] begegneten dem weinenden Manne, brachten ihn für die Nacht unter und verschafften ihm am nächsten Tage Arbeit an einer Eisenbahn.
[5]: Siehe das nächste Capitel.
So viel von dieser Klasse von Menschen, vor denen schon so oft gewarnt wurde. Trotzdem beklagen es täglich neue Opfer, den gutgemeinten Rath erfahrener Männer nicht befolgt zu haben.
Achtes Capitel.
Die deutsche Gesellschaft und der deutsche Volksverein.
Am passendsten geschieht jetzt, nachdem wir eine Characteristik der Makler gegeben haben, zweier Vereine in New-York Erwähnung, welche sich die doppelte Aufgabe gestellt haben, einerseits dem von diesen Menschen verübten Unfuge mit aller Energie entgegenzutreten, andrerseits die Einwanderer mit Rath und That zu unterstützen; es sind dies die schon lange bestehende »deutsche Gesellschaft« und »der deutsche Volksverein zur Wahrung der Rechte und Interessen deutscher Einwanderer«, welcher erst vor einigen Jahren in's Leben getreten ist. Beiden Vereinen stehen die angesehensten und achtbarsten deutschen Bürger New-Yorks vor, wodurch ihre Wirksamkeit eine beträchtliche Ausbreitung, sowie die energischste Unterstützung der amerikanischen Behörden erhalten hat.
Die deutsche Gesellschaft verausgabt für gänzlich hülfs- und mittellose deutsche Einwanderer in kleinen Geldunterstützungen jährlich eine nicht unbedeutende Summe; aber einen noch viel wirksameren Dienst leistet ihnen dieser Verein durch Anweisung von Arbeit. Ein Sekretair ist eigens angestellt, welcher in einem in der Nähe des Hafens eingerichteten Bureau alle Anfragen beantwortet, alle Klagen anhört und zu beseitigen sucht. Es versteht sich wohl von selbst, daß dieser nicht im Stande ist, allen Denen zu helfen, welche zu ihm kommen, da manchmal Unmögliches gefordert wird, und er nur das wirkliche Unglück berücksichtigen kann und darf.
Die deutsche Gesellschaft besitzt ein ziemliches Capitalvermögen, welches durch viele Beiträge der Mitglieder und namentlich durch eine bedeutende Schenkung unseres verstorbenen reichen deutschen Landsmannes Johann Jacob Astor begründet wurde. Ihre Wirksamkeit beschränkt sich aber nicht allein auf die Unterstützung armer Einwanderer; auch unglücklichen deutschen Stadtbewohnern tritt sie helfend zur Seite und berücksichtigt namentlich auch verschämte Arme. Um die Geschäfte der Gesellschaft in Bezug auf diesen Theil ihrer Thätigkeit zu vereinfachen, ist New-York in Bezirke getheilt worden, zu deren Vorständen zuverlässige und menschenfreundliche Mitglieder gewählt werden, die die Bittgesuche Hilfsbedürftiger entgegennehmen und möglichst zu befriedigen suchen.
Die bedeutendsten deutschen Aerzte New-Yorks haben sich der deutschen Gesellschaft angeschlossen, und diese ist dadurch in den Stand gesetzt, unbemittelten Kranken und Leidenden nicht allein vorzügliche, sondern auch unentgeldliche Behandlung zukommen zu lassen.
Dieser Verein ist öfters der Gegenstand lauten Tadels und bitterer Schmähungen gewesen; wer aber die Masse des Elendes und der Noth kennt, die täglich von ihm gelindert werden soll, und seine wirkliche Leistungen dagegen hält, wird sich gewiß nur ehrend und anerkennend über einen Verein aussprechen, der so manche Thräne getrocknet und so manchen Hunger gestillt hat.