Die Battery oder der Castlegarden hat seinen Namen von einem großen runden Thurme (Castell), welcher die Stadt, wie ich bereits zu bemerken Gelegenheit hatte, gegen einen Angriff von der Bay aus in Verbindung mit den Fortifikationen von Governers-Island deckt. In Friedenszeiten ist das Castell an einen spekulativen Yankee verpachtet, welcher in demselben große Conzerte aufführen läßt, die schon wegen der herrlichen Lage des Ganzen eine große Anziehungskraft ausüben. Auch zu Volksversammlungen, die ein außergewöhnlich großes Lokal erfordern, ist er schon benützt worden. Das Innere ist geschmackvoll und großartig, und ohnstreitbar eine Zierde New-Yorks. In Verbindung mit diesem Unternehmen stehen sehr elegant eingerichtete Bäder, welche während der Sommer- und Herbstsaison von dem New-Yorker Publikum sehr besucht sind; nach Schluß der Badezeit aber gleich allen Flußbädern für die Dauer des Winters wieder abgebrochen werden.
Von hier aus wandten wir uns links, um in den Broadway und das Innere der Stadt zu gelangen. Vielen meiner Leser wird bekannt seyn, daß New-York nicht auf dem amerikanischen Festlande, sondern auf einer Insel liegt. Man hat daher an einzelnen Punkten des Broadway nach der rechten oder linken Seite hin die Aussicht auf den Hafen und die hohen Maste der Schiffe, welche förmlich in die Stadt hereinzuragen scheinen.
Diese ist mit Ausnahme des kleineren und zwar des älteren Theiles ganz regelmäßig in fast gleich großen Vierecken gebaut. In den neuen Stadtvierteln ist man von der Sitte abgegangen, die Straßen, wie in Europa, mit Namen zu belegen, was mit so großen Unannehmlichkeiten für Fremde und namentlich für solche verbunden ist, welche der Sprache nicht kundig sind; man bedient sich dort der Zahlen und numerirt die Straßen, die parallel mit einander vom Northriver nach dem Eastriver hindurchlaufen. Von diesen ziehen sich wieder von den oberen Stadttheilen nach den unteren 9 Straßen, Avenue's genannt, welche das Auffinden der einzelnen Hausnummern unendlich erleichtern, da viele der numerirten Parallelstraßen über eine Stunde lang sind; man bezeichnet daher z. B. Hausnummer 50 in der 100sten Straße noch genauer dadurch, daß man die beiden Avenue's angibt, zwischen denen das Haus liegt, um dem Kunden und dem Freunde Zeit und langes Suchen zu ersparen.
Gleich beim Anfange des Broadway noch in der Nähe des Castlegarden befindet sich eine schöne Fontaine, welche angenehme Kühlung verbreitet. Von da aus zieht er sich in angemessener Breite ohngefähr eine Stunde die Stadt hinauf. Ich hatte wenige Monate vorher die Boulevards und die Rue St. Honoré in Paris mit ihrem geräuschvollen Treiben gesehen; mit dem Getöse und Gedränge des Broadway halten aber Beide nach meiner Ueberzeugung keinen Vergleich aus. New-York hat das Geräusche eines Seehafens und einer Welthandelsstadt voraus, welches die Tausende von Lastwagen hervorbringen, die Ballen, Kisten und Tonnen durch den Broadway nach den Magazinen oder aus ihnen nach den Schiffen führen. Zu beiden Seiten dieser großartigen Straße befinden sich Trottoire, die in vorzüglichem Zustande sind, was aber hier auch um so nothwendiger ist, als von einem Gehen auf der eigentlichen Straße gar keine Rede seyn kann, da man jedenfalls in wenig Minuten unter den Rädern der Omnibusse, Equipagen oder Güterkarren wäre. Es gehört eine große Fertigkeit und eine lange Uebung dazu, als Wagenlenker sich unversehrt durch dieses Gewoge von Fuhrwerk aller Art hindurchwinden zu können.
Wir kamen zu dem fashionablesten Theile des Broadway, zu der Promenade der feinen Welt, in die Nähe des Astorhauses, des Amerikanischen Museums und des Parkes mit dem majestätischen Stadthause. Das Astorhouse ist das größte und feinste Hotel in New-York und von demselben John Jacob Astor erbaut, dessen ich schon bei Gelegenheit der Deutschen Gesellschaft Erwähnung that. Es hat ebensowenig, als die anderen Hotels in New-York, eine große Einfahrt, auch fehlen allenthalben die großen Stallungen, wie man sie bei großen europäischen Gasthöfen antrifft, da alle Reisenden entweder mit Dampf- oder Segelschiffen ankommen. Die Preise sind verhältnißmäßig nicht zu hoch gestellt.
In dem Erdgeschosse des Astorhouses ist für alle geistigen und leiblichen Bedürfnisse der Fremden gesorgt. Kleidermagazin, Buchhandlung, Apotheke, Friseurkabinet, Bäder etc. stehen im eigenen Hotel zu Diensten und der Reisende hat nicht nöthig, weite Gänge durch die Stadt zu machen, wenn er einen Wunsch befriedigen will.
Dem Astorhouse gegenüber liegt das Amerikanische Museum, unter dem man sich jedoch kein Berliner Museum, keine Dresdener Bildergallerie und keine Pinakothek und Glyptothek denken darf, da dem schaulustigen Publikum dort keine hohen Kunstgenüsse, sondern Curiositäten der verschiedensten Art, als singende Neger, Affen, Panoramas, Indianer, Riesen und Zwerge, komisches Theater, Tänzer und verschiedene andere dergleichen Dinge gezeigt werden, die wir bei uns auf großen Messen und Jahrmärkten in Dutzenden von Buden sehen. Dies Alles übt auf den neugierigen Yankee eine sehr bedeutende Anziehungskraft aus. Hiermit soll jedoch keineswegs gesagt seyn, daß dieser keinen Sinn für höhere Künste und Wissenschaften habe, denn das Gegentheil ließe sich leicht durch die Aufzählung großer Staats- und Privatbauten, wie durch die Gründung vieler bedeutenden Collegien und Akademien nachweisen.
Das Aeußere dieses Gebäudes ist auf die bunteste und burleskeste Weise geziert, um den Blick der Vorübergehenden auf sich zu ziehen. Gemälde, Transparente, riesenhafte Anschlagzettel und eine bunte Anzahl von Flaggen und Fahnen geben einen hinreichenden Beweis von der Charlatanerie des Eigenthümers, welche er namentlich in allen gelesenen New-Yorker Journalen in den pomphaftesten Ausdrücken zur Schau trägt.
Von Nachmittags 2 Uhr bis zum Schlusse der Vorstellung spielen auf einem Altane des Gebäudes deutsche Musiker, und meine Gefühle wurden mächtig erregt, als am ersten Tage meines Aufenthaltes im fernen Westen die bekannten Töne des schönen Liedes:
»Leb' wohl, du theures Land, das mich geboren!«