Um das Bürgerrecht für die ganzen Vereinigten Staaten zu erlangen, hat man in den ersten drei Jahren seines Aufenthaltes vor Gericht die Willenserklärung (intention) abzugeben, daß man amerikanischer Bürger werden wolle, und zugleich allen fremden Fürsten und Potentaten, speciell aber seinem Landesfürsten die Treue und Unterthänigkeit abzuschwören. Die gewöhnliche Eidesformel besteht in dem einfachen Küssen der Bibel oder des neuen Testamentes; jedoch genügt auch die einfache Bekräftigung mit einem »Ja!« Ueber diesen Akt erhält man eine gerichtliche Bescheinigung, welche man jedenfalls zwei Jahre in Händen gehabt haben muß; selbst ein Aufenthalt von zehn Jahren kann diese gesetzliche Bestimmung nicht annulliren. Nach Verlauf der vollen fünf Jahre gibt man seine Willenserklärung bei der nächsten Behörde ab, und erhält, nachdem man zuvor eidlich bekräftigt, daß man fünf Jahre im Lande gelebt habe, seinen Bürgerbrief, mit dessen Empfangnahme man sofort in alle politischen Rechte der Eingebornen eintritt.
Ein früheres Gesetz enthielt die Bestimmung, daß der, welcher das amerikanische Bürgerrecht erlangen wollte, innerhalb fünf Jahren die Vereinigten Staaten nicht verlassen durfte; man mußte sogar beschwören, daß man nicht außer Landes war. Dieses für einen Handelsstaat im höchsten Grad lästige Gesetz wurde aber im vergangenen Jahre vom Congresse suspendirt. Zu welchen lächerlichen Consequenzen man mit ihm gelangte, mag aus der einzigen Thatsache erhellen, daß einem Einwanderer nach fünf Jahren der Bürgerbrief verweigert wurde, weil er von Buffalo aus einen kleinen Abstecher nach den nahen Niagarafällen machte, welche im brittischen Amerika liegen.
Zwölftes Capitel.
Die amerikanische Demokratie. Beurtheilung derselben von Seite der in Deutschland existirenden Parteien. Demokraten und Whigs.
Es hat wohl die Verfassung keines Landes eine so verschiedenartige Beurtheilung gefunden, als die der Vereinigten Staaten, und hauptsächlich haben sich in der jetzigen bewegten Zeit die politischen Parteien Deutschlands in vielfacher weitauseinandergehender Weise mit ihr beschäftigt, so daß die Einen sie als das Product der höchsten staatsmännischen Weisheit bis in den Himmel erhoben, während die Andern sie als unhaltbar und verwerflich verdammten. Die Motive zu diesen verschiedenen Anschauungen liegen klar zu Tage; die Ersteren wollen durch die Auseinandersetzung der Vorzüge der demokratischen Staatsform die Stimmung des deutschen Volkes für diese gewinnen, während die Letzteren nur die Fehler und Schattenseiten derselben aufsuchen, um den entgegengesetzten Zweck zu erreichen. Der Unparteiische wird nicht läugnen, daß die amerikanischen Zustände noch einer bedeutenden Verbesserung fähig sind, wie alles Irdische einer größeren Vollkommenheit zugeführt werden kann; ihre Gesundheit aber in Abrede stellen zu wollen, dürfte eine ebenso undankbare, als vergebliche Aufgabe seyn.
Ich will versuchen, von den Leistungen der amerikanischen Demokratie ein kurzes Bild zu entwerfen, muß aber vorher bemerken, daß der Leser den Begriff »amerikanische Demokratie« in einem ganz andern Sinne auffassen muß, als er dies in Deutschland zu thun gewohnt ist, wo die »Demokraten« diejenige »Volksherrschaft« erst erkämpfen wollen, welche seit dem Ende des Unabhängigkeitskrieges in Amerika factisch zu Recht besteht. In Deutschland ist die Bezeichnung »Demokraten« der Name einer Partei, welche von einer andern mit entgegengesetzten Prinzipien und Tendenzen bekämpft wird. Unter der »Demokratie in Amerika« hat man aber das ganze Volk der Vereinigten Staaten mit seiner Regierung und Regierungsweise zu verstehen. Gibt es dort auch eine Partei, welche sich die demokratische nennt, so haben ihr doch die andern Faktionen diese Bezeichnung nicht ausschließlich zugestanden, sondern auch sie nennen sich demokratisch, wozu sie jedenfalls das vollkommenste Recht haben, da es ihnen noch niemals in den Sinn gekommen ist, die Demokratie, die Volksherrschaft mit ihren Rechten und Freiheiten mit der Monarchie, der Einzelnherrschaft, zu vertauschen.
In Zeiten ernster politischer Parteikämpfe und tiefeingreifender Bewegungen ist es natürlich, daß die Urtheile befangen sind. Es kann daher nicht Wunder nehmen, daß die große Partei, welcher durch Annahme der demokratischen Staatsform in Deutschland eine tödtliche Wunde geschlagen würde, zu unbegründeten Vorwürfen gegen die Vereinigten Staaten geneigt ist. Es kann aber die Demokratie Nordamerikas wohl die gerechtesten Ansprüche auf Unparteilichkeit und Gerechtigkeit machen, welche nicht allein für ihr eigenes Vaterland, sondern für die ganze Menschheit so segensreich gewirkt hat. Was die Monarchieen in Europa größtentheils erst im Laufe von Jahrhunderten zu Wege brachten, haben die demokratischen Amerikaner in Jahrzehnten geschaffen. Wer kann der Kraft und der Energie eines Volkes die Anerkennung versagen, welches in kaum 80 Jahren die herrlichsten und freisinnigsten Institutionen in's Leben rief, Städte, Lehranstalten, öffentliche Institute, Canäle, Dampfschiffe, Fabriken gründete, die Wildniß urbar machte, Civilisation und Thätigkeit in Gegenden trug, die vorher nur der Fuß des Indianers betreten hatte, und sich aus der abhängigen Stellung eines brittischen Unterthanen zum stolzen Rivalen des mächtigen Albions emporgeschwungen hat. Diese Demokratie schuf ein Asyl für alle unglücklichen Verfolgten und Bedrängten, sie gründete die wahre Stätte der Freiheit und der Glückseligkeit für Millionen durch rastlose Aufopferung, Kühnheit und Ausdauer ihrer Bekenner, und doch ziehen in trauriger Verblendung gerade solche Parteimänner gegen sie am meisten zu Felde, welche durch ihre politischen Sünden und Fehler am meisten zur Größe dieser Demokratie beigetragen haben. Sie glauben durch theoretische Silbenstechereien die Glückseligkeit eines Landes hinwegdisputiren zu können, welches nur der Praxis huldigt und durch sie mächtig und stark geworden ist. Man muß vor Allem die Erscheinung fest in's Auge fassen, daß die Vereinigten Staaten einzig und allein von den Stürmen der Neuzeit verschont geblieben sind; während der Aufruhr und der Bürgerkrieg an den nördlichen und südlichen Grenzen der Union wüthete, gieng das wichtigste politische Ereigniß, welches von jeher die Gemüther in besondere Spannung versetzte, die Präsidentenwahl ruhig vorüber, und lieferte den vollkommenen Beweis, daß die Amerikaner die Bahn des Gesetzes und einer beglückenden Reform gehen.
Viele Politiker Europas sehen zum großen Theil in den amerikanischen Parteien den Keim zum baldigen Untergange der Republik, ohne zu bedenken, daß sie in ihrem eigenen Lande eine Parteistellung einnehmen, welche dasselbe ebenfalls dem Verderben entgegenführen müßte. Um an den amerikanischen Zuständen nur etwas tadeln zu können, vergessen sie, daß gerade in den amerikanischen Parteien die Stärke und die sicherste Bürgschaft für das Bestehen der Republik liegt, da sich diese beständig im Auge behalten, mit Mißtrauen beobachten, und eine Uebertretung der Gesetze und eine Verletzung der Verfassung von Seite der einen und der anderen Partei schon deßhalb ganz undenkbar ist, weil sie von den Gegnern sofort zur Publicität gebracht werden würde, wodurch die öffentliche Meinung, die größte Stütze jeder Partei, für immer und damit zugleich alle Aussicht, je wieder die Zügel der Regierung ergreifen zu können, verloren gienge. Die Parteien können ihre momentanen Siege nie zur gegenseitigen Unterdrückung und zur Schmälerung der Freiheiten des Volkes benützen, da die von ihnen zur Regierung berufenen Staatsmänner jeden Augenblick zur Verantwortung gezogen werden können.
Strenge genommen gibt es nur zwei Parteien im Lande, die demokratische und die Whigpartei, da diese beiden allein in der Regierung des Landes abwechseln; die andern haben ihre politischen Grundsätze noch nicht so weit zur Geltung bringen können, daß ihnen von dem Vertrauen der Majorität des Volkes die Regierung übertragen worden wäre.
Es darf nicht Wunder nehmen, daß in einem Lande, welches sich nur demokratischer Einrichtungen zu erfreuen hat, noch von einer demokratischen Partei die Rede seyn kann. Hier ist aber wohl zu erwägen, daß sich die Partei die »demokratische« nennt, welche seit Washington am längsten an der Spitze der Geschäfte des Landes stand, somit die Mehrheit des Volkes bei weitem öfter für sich hatte und die Demokratie, die Volksherrschaft, im Sinne und Willen der Nation viele Jahre hindurch ausübte. Die Whigpartei legt sich, wie schon bemerkt, ebenfalls das Prädikat »demokratisch« bei und nennt sich durchgängig nicht anders, als »the democratic republican whig party«, während sie ihre Gegner mit dem Spottnamen »Locofoco's« beehrt, welche als »the democratic republican party« auftreten.
Jedermann wird es natürlich finden, daß, wie in allen Staaten, so auch in Nordamerika die heterogensten Ansichten über die Grundsätze herrschen, nach denen regiert werden soll. Sowohl die äußere Politik, wie die inneren Interessen des Landes geben einen reichen Stoff zu den verschiedenartigsten Beurtheilungen, aus welchen sich allmählig die Glaubensbekenntnisse der beiden großen Parteien herausgebildet haben.