Die traurigen Folgen solcher Versuche sind meistens Verlust des Vermögens und Haß und Feindschaft zwischen den einzelnen Mitgliedern solcher Vereine. Sie waren jedoch immer nur Privatsache einzelner deutschen Mitglieder der Nationalreformpartei und diese hat in ihrer Gesammtheit nichts damit zu thun.

Vierzehntes Capitel.
Eintritt in ein neues Geschäft. Eine alte und eine neue Bekanntschaft. Amerikanische Stutzer und Beutelschneider. Die New-Yorker Polizei.

Die Vergleichung und Beobachtung der verschiedenen Parteien gewährte mir mannichfaches Interesse und manche Stunde wurde ihr gewidmet. Obschon ich in der Zeit, in welcher ich die Functionen eines Lehrers für meinen kranken Freund besorgte, genug Gelegenheit hatte, mich mit den politischen und socialen Verhältnissen bekannt zu machen, so sorgte doch das Schicksal in ganz besonders liebevoller Weise für die Erweiterung meiner Erfahrungen dadurch, daß es mich als Arbeiter in die verschiedensten und entgegengesetztesten Geschäfte des Lebens einführte.

Die Genesung meines kranken Collegen führte mich aus der Schule in eine Rauchwaarenhandlung, wo ich die angenehmen Verrichtungen eines Pelzklopfers und Packers ausführte. Als ich zum erstenmale in mein neues Geschäft eintrat, kam ein alter Jenenser Universitätsfreund in einer blauen Schürze auf mich zu, um mich zu umarmen, und ein anderer staubiger, im Lager beschäftigter Arbeiter theilte mir, als er hörte, daß ich studirt habe, mit, daß er in Göttingen zum Doctor juris utriusque promovirt worden sey. Ich freute mich, gebildete Mitarbeiter zu finden, und wir lachten Alle herzlich über die eigenthümliche Schickung, welche drei frühere deutsche Studenten bei einem amerikanischen Kürschner zusammenführte.

Hatte ich mich in meiner Eigenschaft als Lehrer größtentheils auf mich selbst beschränkt, so bot sich mir jetzt hinreichende Gelegenheit, mehr in's Leben und unter Menschen zu kommen. Ich benutzte hauptsächlich die Sommerabende, um mit meinen neuen Freunden an der Battery und am Broadway zu promeniren. Früher schon erwähnte ich, daß der Broadway der Sammelplatz der fashionablen Welt ist; man hat hier aber auch Gelegenheit, Dinge und Menschen zu beobachten, welche dem Deutschen eben nicht besonders fashionable erscheinen, z. B. die eleganten Dandys in den Hotels, welche den vorübergehenden Damen aus den Parterrefenstern nicht etwa ihre mit Wohlgerüchen geschwängerten Lockenköpfe, sondern den Glanz ihrer Fußbekleidung präsentiren. Beim Eintritt in den Salon einer Restauration nimmt ein solcher Stutzer seinen Brandy oder Gin zu sich, wirft sich mit brennender Cigarre auf einen Armstuhl am Fenster in malerische Situation und streckt seine übereinandergeschlagenen Beine über das marmorne Fenstergesims auf die Straße hinaus. Dann überläßt er sich einer tiefsinnigen Betrachtung dessen, was auf der Straße vorgeht, und nur selten wechselt er einige Worte mit einem Bekannten. Mit gleicher Behaglichkeit legt er auch die Füße auf den Tisch, ohne daß er glaubt, dies könne Jemand mißfallen.

Diese Classen von Menschen sind mehr oder weniger in allen Hotels zu finden; obgleich sie, diese liebenswürdige Unverschämtheit ausgenommen, an welche man sich übrigens in Kurzem gewöhnt hat, ein feines und anständiges Benehmen zeigen, so hat der Fremde wie der Einheimische doch alle Ursache, sich so weit als möglich von ihnen entfernt zu halten, da unter der Maske eines solchen elegant gekleideten Dandys Individuen umherschleichen, bei denen das Mein und Dein eine solche Begriffsverwirrung hervorgebracht hat, daß sie gerne ihre Hand in die Taschen des Nachbars hinabgleiten lassen, um diesem sein Pocketbook zu entführen. Im Punkte der Dreistigkeit und Gewandtheit können sich diese Burschen getrost mit den routinirtesten Beutelschneidern des europäischen Continents messen, obschon sie gut genug wissen, daß, falls das Auge eines unberufenen Polizeimannes sie zufälligerweise bei ihrem gewinnbringenden Treiben überraschen sollte, sie auf längere Zeit von den Gerichten der Republik in die Unmöglichkeit versetzt werden dürften, ihr Gewerbe, das ihnen Unterhalt und Unterhaltung zugleich verschafft, zum Nachtheile des Publikums auszuüben.

Aber nicht allein die Industrieritter in modernen Kleidern sind dem Publikum gefährlich, sondern auch die Colleginnen der bekannten Laïs, welche in den feinsten Stoffen und dem geschmackvollsten Putze auf dem Trottoir des Broadway dahinrauschen und ihre Netze auswerfen, um die Fremden in den großen Hotels mitsammt der Baarschaft zu fangen. Großentheils stehen sie mit den obenerwähnten Gaunern in Verbindung, welche ihren Raub sofort in Sicherheit bringen.

Noch eine Erscheinung, welche ich ebenfalls nicht fashionable finden konnte, fiel mir bei meinen Wanderungen durch die Stadt auf, nämlich das freie Herumlaufen von Schweinen in den Straßen, welche sich dort Nahrung und Futter suchen. Wenn sich diese auch nicht in den Broadway verirren, da sie dort ohnfehlbar überfahren würden, so ist es immer unangenehm, bei schlechtem Wetter in den anderen Straßen der Gefahr ausgesetzt zu seyn, von diesen unreinlichen Thieren beschmutzt zu werden. Dieser Uebelstand wird jedoch von selbst aufhören, wenn die durch die Stadt zu führenden Kanäle sämmtlich ausgebaut seyn werden, da dann der Unrath, welcher jetzt in die Gossen geworfen wird und eine so bedeutende Attractionskraft auf diese Vierfüßler ausübt, direct in den Strom und in die See hinausgeht.

Trotz so mancher Uebelstände, die mir auffielen und nach meiner Ansicht auch dem Auge der Polizei nicht hätte entgehen sollen, hatte ich bis jetzt noch keinen Constabler gesehen, da ich mir dieselben ebenso geschmackvoll uniformirt dachte, als in Deutschland. Meine Begleiter erklärten mir aber, daß die Polizeimänner New-Yorks durchgängig Civilkleider tragen und nur an einem einfachen Messingstern erkenntlich sind, welchen sie auf der linken Seite der Brust am Rocke führen. Gehen sie auf Verfolgung aus, so nehmen sie denselben herab und befestigen ihn unter dem Rocke an der Weste, oder haben ihn in der Tasche bei sich, um sich im Nothfalle mit ihm als Diener des Gesetzes legitimiren zu können. Bei feierlichen Gelegenheiten erscheinen sie in schwarzem Frack und Hosen, und führen als Amtszeichen einen ohngefähr sechs Fuß hohen Stock, an dessen Spitze ein vergoldeter Knopf befestigt ist.

Obschon die Constabler in New-York eine sehr bedeutende Anzahl bilden, so haben sie doch einen ziemlich anstrengenden Dienst, da ihnen wegen gänzlichen Mangels an Militair, welches nur in sehr geringer Anzahl in Governers-Island und Fort Hamilton zur Bewachung der Geschütze und Arsenale liegt, ganz allein die Sicherheit der Stadt anvertraut ist. Trotzdem entflieht ihnen nur selten ein Verbrecher, und namentlich bei Nachtzeit, wenn es weniger lebendig in den Straßen zugeht, können sie gefährliche Subjecte leicht einholen, da sie auf eine eigenthümliche Weise ihre Collegen von deren Nähe in Kenntniß setzen. Sie sind nämlich bei Nacht mit einem starken Stocke bewaffnet, welcher unten mit Blei ausgegossen ist; sobald sie etwas Verdächtiges bemerken, lassen sie denselben auf das mit Granitquadern belegte Trottoir fallen, was einen hellen schrillenden Ton hervorbringt. Dieses Signal wiederholen alle Constabler in der Nähe der Reihe nach, und geben sich auf diese Weise fast so rasch wie durch einen Telegraphen die Kunde, daß Jeder auf seinem Posten steht und wachsam ist. Es ist kaum möglich, daß die Aufmerksamkeit sämmtlicher Mannschaft eines Distrikts in einem Augenblicke schneller rege gemacht werden kann, und die Flucht ist, wenn der Verbrecher beobachtet wurde, selten mit Erfolg ausgeführt worden.