Ich erinnere mich während meines Aufenthaltes mehrerer Fälle, wo Constabler flüchtige Uebertreter der Gesetze 800-1000 engl. Meilen weit verfolgten und sie glücklich zurückbrachten, trotzdem daß diesen fast jede Stunde Eisenbahnen und Dampfschiffe nach allen Richtungen hin zu Gebote standen.
Das Institut der New-Yorker Constabler ist deßhalb ein so vorzügliches, weil auch sie aus der allgemeinen Wahl hervorgehen. Es kann daher nur Derjenige zu einem solchen Amte gelangen, welcher das Vertrauen seiner Mitbürger genießt. Diese haben die gesetzliche Verpflichtung, den Polizeimann in der Ausübung seines Berufes zu unterstützen und ihm namentlich im Falle der Widersetzlichkeit bei Arrestationen zur Seite zu stehen, da diese nur bei Ergreifung auf frischer That oder gegen Vorzeigung eines richterlichen Verhaftsbefehls vorgenommen werden dürfen. Aeußerst selten hört man über Rohheit und Unmenschlichkeit bei Verhaftungen klagen, und die Constabler genießen die allgemeine Achtung, welche der europäischen Polizei nicht durchgängig gezollt wird.
Fünfzehntes Capitel.
Künstlerlaufbahn. Der Marmorpalast.
So angenehm meine Abende vergiengen, da ich in den Feierstunden immer etwas Neues und Anziehendes kennen lernte, so traurig und langsam schlich mir der Tag bei meinem einförmigen und schmutzigen Geschäfte dahin, welches mir trotz meiner studirten Collegen in der Mitte der ersten Woche bereits so verleidet war, als hätte ich es Jahre lang getrieben. Ich machte auch aus meiner Abneigung gegen die unangenehm riechenden Rauchwaaren kein Hehl, und da wollte es ein glücklicher Zufall, daß mich ein Deutscher für einen Maler engagirte, der die Ausmalung eines neuen prachtvollen Ladens im Broadway übernommen hatte. Der Wechsel war groß und bedeutend, statt Bären-, Reh- und Hirschfelle nahm ich den Pinsel zur Hand, betrat die hehre Künstlerbahn und malte durch Schablonen. Der Unterschied fiel mir schon deßhalb sehr auf, da ich nicht mehr so schwer zu arbeiten hatte, statt um 7 Uhr erst um 8½ Uhr Morgens mit meinem Tagewerke begann, welches schon um 5½ Uhr beendigt war, bessere Bezahlung erhielt und zu Alledem in ein Atelier eintrat, in welchem alle möglichen Landeskinder ihre Geschicklichkeit und ihren Fleiß entwickelten. Der Prinzipal war ein Italiener; außer ihm arbeiteten noch zwei Landsleute von ihm mit; die übrigen Maler bestanden aus vier Deutschen, einem Schottländer, einem Irländer, zwei Franzosen und mehreren Amerikanern, so daß man wie beim babylonischen Thurmbau im buntesten Durcheinander deutsch, französisch, englisch und italienisch sprechen hörte. Unser Aller Herr und Meister verstand, Deutsch ausgenommen, die drei anderen Sprachen ziemlich fertig. Wir mußten oft herzlich lachen, wenn er zu dem ersten Besten seiner Leute hinrannte und ihm blitzschnell in einer Sprache eine Menge von Aufträgen ertheilte, von der der Angeredete kein Wort verstand; dies amusirte ihn jedoch immer selbst am meisten, und sich an die Stirne schlagend entfuhr ihm in solchem Falle manches Goddam!
Das ganze großartige Gebäude, welches meine Kunst mit verschönern sollte und wegen seiner außerordentlichen Eleganz eine nähere Beschreibung verdient, ließ ein Amerikaner Namens Stewart aufführen. Die Hauptstadt des feinen Geschmacks, Paris, hat keinen solchen Laden, wie diesen von Grund und Boden neuerbauten aufzuweisen, welcher vom New-Yorker Publikum den stolzen, aber wohlverdienten Namen des Marmorpalastes erhalten hat, weil ähnlich der City-Hall die Hauptfronte mit Marmor überkleidet ist. Ueber mehrere Stufen von weißem Marmor gelangt man in einen breiten und tiefen Saal, dessen reich bemalte Decke von Säulen mit Capitälen von Gyps getragen wird. Rechts und links befinden sich zwei Reihen von polirten Fachgestellen, welche alle Modeartikel von den ordinairsten bis zu den kostbarsten enthalten. Diese Repositorien, welche den großen Saal in drei kleinere abtheilen, erheben sich jedoch nicht bis zu der Höhe der Decke, um die Weitläufigkeit des Ganzen überschauen zu lassen. Das Licht fällt bei Tage durch hohe Fenster mit ungeheuren Scheiben vom feinsten geschliffenen Glase in die inneren Räume, welche bei Nacht durch glänzende Gaslampen erleuchtet werden. Selbst dem gewandtesten Diebe dürfte es schwer fallen, in dieses herrliche und reiche Verkaufslokal einzubrechen, da in allen Fensterstöcken ein eiserner Falz angebracht ist, in welchen zu gleicher Zeit in Folge der Thätigkeit einer Maschine eiserne Läden von Oben nach Unten vor den Scheiben einfallen.
Geht man von dem Haupteingange in gerader Linie nach dem Hintergrunde, so gelangt man in eine große Rotunde, welche sich drei Stockwerke hoch erhebt und ihr Licht von einer großen Glaskuppel empfängt. Die hinterste Wand ist mit Spiegelglas getäfelt, was die Schönheit des Ganzen in's Vielfache vermehrt. Hier führet eine große, nach einer Reihe von Stufen sich nach der rechten und linken Seite hin theilende Treppe zu einer Gallerie empor, welche zu dem Verkaufslokale des ersten Stockes führt, welches die Größe des unteren Saales hat. Von da aus gelangt man auf einer einfachen Stiege in den zweiten Stock, in welchem die Vorräthe aufgespeichert liegen.
Wie man von der Rotunde nach Oben gelangen kann, so steigt man auch von ihr auf einer ähnlichen Treppe in die unteren Räume, in welcher die ankommenden Ballen und Kisten ausgepackt und die Waaren ausgezeichnet werden.
Neben dem reichsten Geschmacke zeigt sich allenthalben auch die Aufmerksamkeit für die Bequemlichkeit des Käufers, da vor jedem Ladentische kleine runde Stühlchen angebracht sind, damit namentlich das zartere, in die Herrlichkeiten der Mode versunkene Geschlecht die vorgelegten Artikel mit Muße betrachten und bewundern kann.
In diesem Geschäfte sind über 60 Commis thätig, welche die Sprachen aller civilisirten Völker sprechen. Diese wohnen sämmtlich in einem Hinterhause, in welchem einem Jeden von ihnen sein eigenes Zimmer angewiesen ist. Der Leser wird sich aus dieser Schilderung eine Idee von der Größe dieses Gebäudes machen können, in welchem noch die schöne und nützliche Einrichtung getroffen ist, daß ein Druckwerk laufendes Wasser in alle Stockwerke treibt. Jeder Besucher dieses herrlichen Etablissements wird gerne zugestehen, daß es in der That den Namen »Marmorpalast« verdient.