Mehrere Monate blieb ich bei meinem Italiener, welcher nach Beendigung der Arbeiten im Stewart'schen Laden mein Talent in einer Kirche verwandte, wo ich mich der höheren Kunst, nämlich des Ausmalens der Kirchendecke befließ. Die Beziehungen zu meinen Collegen blieben angenehm, und bald hatte ich mich auch an das amerikanische Leben gewöhnt, welches freilich von der deutschen gemüthlichen Geselligkeit gar Manches entbehrt. Im Ganzen lebte ich jedoch nach deutscher Art, da unsere Landsleute in New-York erfolgreiche Anstrengungen gemacht haben, wenigstens Etwas von den heimischen Sitten und Gewohnheiten zu erhalten und nicht in die frostigen Manieren des Amerikaners zu verfallen, welche bei Vielen nur zu sehr an den Engländer erinnern. Bei ihrer großen Anzahl konnte ihnen das nicht schwer fallen, zumal die dazu erforderlichen Elemente zur Genüge vorhanden sind.

In New-York fehlt es dem Deutschen nicht, wie so Manche annehmen, an gemüthlichen Sammelplätzen und Gesellschaftslokalen, in welchen sich Abends Bekannte und Freunde treffen. Die verheiratheten Männer gehen jedoch nach dem Gebrauche der Amerikaner die Wochentage wenig aus, sondern verbringen die Abende im Kreise ihrer Familien, mit welcher Einrichtung ihre Frauen vollkommen zufrieden sind. Auch die ledigen jungen Leute kommen im Durchschnitte die Woche nur einige Male an öffentliche Orte, selbst wenn sie den besten Verdienst haben, weil mit äußerst geringen Ausnahmen nicht daran zu denken ist, täglich dieselbe regelmäßige Gesellschaft genießen zu können. Ueberhaupt hat sich der Deutsche im Allgemeinen in Amerika von seiner Hauptleidenschaft, der Liebe zum Trunke, losgemacht, da der Amerikaner eine große Antipathie dagegen äußert und nur nüchterne Menschen von ihm ein freundliches Entgegenkommen zu erwarten haben. Deßhalb ist auch im Durchschnitt der Deutsche bei dem Eingebornen viel mehr geachtet, als der Irländer, welcher noch Nachts die Schnappsflasche mit in's Bett nimmt.

Die einzigen Tage in der Woche, in denen man unter den Deutschen allgemeine Geselligkeit trifft, sind der Sonnabend und der Sonntag. Am Samstag ist schon um 5 Uhr Feierabend und außerdem Zahltag, an welchem mancher leere Beutel eine fröhliche Heimsuchung erfährt. Gegen 7 Uhr füllen sich die Bierhäuser, die jedoch ohne Ausnahme nach amerikanischer Art eingerichtet sind, weßhalb man in ihnen außer dem Gerstensafte jeden Augenblick die verschiedensten Sorten Liqueure, Wein, Punsch und Glühwein bekommen kann. Gewöhnlich steht in der Nähe der Thüre der niemals fehlende Ladentisch (counter), hinter welchem sich ein Fachgestell mit verschiedenen Flaschen und Gläsern erhebt, das außerdem mit Blumen, bunten Muscheln, Springbrunnen u. s. w. geziert ist.

Die Deutschen halten sich im Ganzen, wie in der Heimath, an ihr Lieblingsgetränke, das Bier, weßhalb die Brauereien in Amerika in der letzten Zeit einen sehr bedeutenden Aufschwung erhalten haben. In New-York brauen mehrere bairische und badische Brauer ein Lagerbier, welches sich dem bairischen wohl unbedenklich an die Seite stellen darf. Gute Gerste und guter Hopfen erleichtern die Herstellung desselben. Bis jetzt fehlten nur die Felsenkeller, welche dort zwar leicht zu graben sind, aber einen bedeutenden Capitalaufwand erfordern. Mehrere Bierbrauer haben aber demohngeachtet den Anfang damit gemacht, was um so nothwendiger ist, als bis jetzt das Lagerbier in New-York schon Ende Juli ausgieng, da es an großen Lagerkellern gebrach, und man gerade in der größten Hitze genöthigt war, ein in den heißen Sommermonaten gebrautes obergähriges Bier zu trinken, welches unter dem Namen small-beer[ [9] bekannt ist, sich aber keines besonderen Rufes erfreut. Man kann jedoch fast das ganze Jahr Biere aus Philadelphia bekommen, welche wegen ihrer vorzüglichen Güte sehr beliebt wurden und besonders dann starken Absatz finden, wenn die New-Yorker Biere ausgegangen sind. Hie und da trinken die Deutschen auch Ale und Porter, obschon sie ihrem Gerstenbiere den Vorzug geben.

[9]: Geringes, dünnes Bier, von den Amerikanern im Gegensatz zu ihrem strong-beer (starkem Bier) so genannt, welches die Deutschen jedoch nicht sonderlich lieben, da es einen herben bitteren Geschmack hat. Die deutschen Lagerbiere werden jedoch auch von den Amerikanern gerne getrunken.

Man kann nicht in Abrede stellen, daß es in den amerikanischen deutschen Schenklokalen weit anständiger zugeht, als in vielen in Deutschland; Zank und Streit ist selten zu hören, und wird ja Mancher einmal laut, so geschieht es im Eifer politischer Discussion, da auch hier der Deutsche seine Leidenschaftlichkeit und Heftigkeit nicht verläugnen kann. Während meines ganzen Aufenthaltes aber war ich nie Zeuge einer Schlägerei oder anderer Rohheit. Es mag dies zum Theil darin seinen Grund finden, daß sich in einer so großen Stadt die Gäste zu wenig kennen, und durch Spiele um Geld, welche streng verboten sind, keine Veranlassung zu Uneinigkeiten gegeben wird.

In den besseren Wirthschaften ist fast durchgängig ein Pianoforte zu finden, und es fehlt nicht an Personen, welche dieses Instrument sehr gut zu spielen verstehen. Ich habe mehrere Wirthe kennen gelernt, welche fertige Clavierlehrer anständig dafür honorirten, daß sie Sonnabend und Sonntag Abends ihre Gäste mit Gesang und gutem Spiel erfreuten. Sonntags ist auch an mehreren Orten gute deutsche Harmoniemusik zu finden, welche ebenfalls ein großes Publikum anzieht; namentlich erscheint hier die New-Yorker deutsche Frauenzimmerwelt, welche Nachmittags nicht über Land gehen konnte. Diese Häuser waren weitaus am meisten besucht, da außer den musikalischen Genüssen die besten deutschen Zeitungen aus der ganzen Union und die gelesensten New-Yorker Blätter, nebst Billard und Kegelbahn den Besuchern zu Gebote stehen.

Den Sonntags-Nachmittag benutzen die Deutschen hauptsächlich zu Ausflügen auf das Land. Die besuchtesten Orte sind das Blumenthal (Bloomingdale) und Hoboken. Erstere Partie macht man entweder zu Fuß oder mittelst einer Eisenbahn, welche sich unmittelbar von City-Hall aus, also fast von Anfang der Stadt bis an ihr Ende hinauszieht, und gewöhnlich bei unsern deutschen bäuerlichen Einwanderern das größte Erstaunen erregt, denn wenn sie auch in Europa diese neuen Eisenwege kennen gelernt haben, so erscheint es ihnen doch wunderbar, daß man sie auch durch die Straßen einer Stadt hindurchführt. Aber eine ebenso große Aufmerksamkeit, als sie der Eisenbahn widmen, wird ihnen von den hin und herpromenirenden amerikanischen Lady's und Gentlemens erwiesen, besonders wenn unsere Landsleute im langen Rock mit blanken Knöpfen, rothen Westen, kurzen Leder-Hosen und einem großen Dreimaster, und die Weiber und Mädchen mit kurzen Röcken, Schnallenschuhen und Hauben mit breiten Bändern erscheinen. Diese Tracht entlockt selbst den Deutschen ein Lächeln, welche länger in New-York wohnen und diesen weiland gewohnten Anblick jetzt selten genießen.

Um auf das Blumenthal selbst wieder zurückzukommen, so diene hier zur Nachricht, daß dieses ein nicht kleiner Stadtbezirk ist, in welchem fast ausschließlich Deutsche, jedoch nur die kleineren Handwerker und Arbeiter wohnen. Hier fehlt es nicht an zahlreichen deutschen Kneipen, die jedoch ihrer großen Mehrzahl nach nicht sehr einladend sind; überhaupt möge sich der geneigte Leser keinen zu hohen Begriff von diesem Blumenthal machen, da es nichts weniger als diesen Namen verdient. Nur der Theil, welcher noch wenig angebaut ist und einige Gärten mit schöner Aussicht auf den Hudson und Blackwellisland, eine Art Correctionsanstalt (der Plassenburg im Zwecke wie in der romantischen Lage gleich), in sich schließt, verdient diesen Namen.

Hoboken ist ohnstreitig ein viel angenehmerer Vergnügungsort. Um dahin zu gelangen, muß man, da es auf dem Festlande liegt, über den Northriver fahren, was das Publikum sehr anzieht, da man statt des erstickenden Staubes auf dem Blumenthaler Ausfluge hier die erquickende und erfrischende Seeluft einathmet. Auf der New-Yorker Seite sind drei Fähren, von welchen aus man alle fünf Minuten auf Dampfschiffen über den Hudson gelangen kann. Der Preis ist so billig gestellt, daß es selbst dem Aermsten möglich ist, ihn zu zahlen, denn er beträgt nur 6 Cts.[ [10], wofür man noch die außerordentliche Begünstigung hat, so oft man will, ohne alle weitere Nachzahlung, den Weg hin und her machen zu können, wenn man nicht vom Boote herabgeht. Sorgsame Mütter schicken während der heißen Jahreszeit ihre Kinder täglich auf diese Dampfboote, damit sie eine gesunde Bewegung haben, ohne der Gefahr des Sonnenstiches ausgesetzt zu seyn, welcher viele Opfer fordert. In Hoboken selbst fehlt es nicht an angenehmen Anlagen und comfortablen Plätzen, wo Erfrischungen gereicht werden, und besonders deutsche Wirthe haben sich hier in ziemlicher Anzahl niedergelassen, um ihre deutschen Gäste nach deutscher Weise mit Kaffee und Milchbrod, wie Butter, Schweizerkäse und gutem Bier bewirthen zu können.